Editorial

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Eines hat die wohl noch nicht bewältigte Ehec-Krise gezeigt: Die Art, wie eine moderne Kultur mit medizinischen Gefahren umgeht, hat viel mit der Erwartungshaltung des Einzelnen an die Gesellschaft zu tun. Foto: Klaus-Werner Friedrich-ib-F1ONLINE

Liebe Leserinnen und Leser,

viele Medienvertreter sehen in der „Ehec- Krise“ eine der bisher schwersten Bewährungsproben für Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Es stimmt, es sind auch Momente wie diese, an denen sich das Gesundheitssystem messen lassen muss. Sind wir gut auf Epidemien vorbereitet? Funktioniert unser medizinisches Krisenmanagement? Sind die jeweils eingebundenen Institutionen fachlich gerüstet, auch außergewöhnlichen Anforderungen standzuhalten? Das sind Fragen, die die Öffentlichkeit bewegen, während in Deutschlands Krankenhäusern gegen Ehec gekämpft wird. Was dabei erstaunt, ist immer wieder, wie schmal augenscheinlich der Grat zwischen Unterstützung und dem in unserer Gesellschaft berühmten „Daumen nach unten“- Syndrom sein kann. Bisher ist es im Zuge von Ehec ja noch nicht zu den bekannten öffentlichen Opferritualen gekommen. Auch Daniel Bahr bleibt ungeschoren.

Was allerdings aus den Ereignissen und ihrer medialen Verstärkung deutlich herauszuhören ist, ist die Erwartungshaltung, die die Gesellschaft an ihr Gesundheitswesen hat. Da ist nicht die Spur von Achtung für ein System, das einen so komplexen Vorgang, in einer Millionenbevölkerung die Herkunft eines spezifischen Infektionskeims auszumachen, dessen Ausbreitung gezielt einzudämmen oder den Stamm möglichst zu vernichten, umsetzen soll. Da ist so gut wie keine Stimme, die sich dazu äußert, dass die moderne Medizin durch rasche und gezielte Behandlung viele Leben rettet, die unter anderen Bedingungen schlichtweg verloren wären.

Ist unsere Gesellschaft, allen voran die Medien, nicht mehr willens, differenziert auf die Geschehnisse zu reagieren? Leben wir inzwischen mit der Erwartungshaltung medizinischer Allmacht, die die Verantwortlichen nur falsch handeln? Reklamieren wir das Anrecht auf Unversehrtheit und den Schutz gegen alle Fährnisse des Lebens? Meinen wir tatsächlich, der modernen Medizin und den in ihrem Namen Handelnden alles abfordern können?

Die Erwartung, die der moderne Mensch an alle Beteiligten des Gesundheitswesens – egal ob Heilberuf, Forschung und Lehre oder auch politische Verantwortung – setzt, steigt weiterhin ins Unermessliche. Das in den letzten Jahrzehnten prosperierte Sicherheitsdenken gipfelt inzwischen in Forderungen, die keiner mehr einhalten kann.

Wo das Vertrauen in den Fortschritt solche Auswüchse hat, haben realistische Grundeinschätzung, Einsicht oder gar menschliche Eigenschaften wie Dankbarkeit und Demut gegenüber Erreichtem einfach keinen Platz mehr.
Wer holt uns moderne Menschen aus dieser fatalen Schleife „mittelalterlichen“ Denkens? Sind wir in der Lage, auch so etwas aus der „Ehec-Krise“ zu lernen?

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur