Ehec

Horror auf dem Teller

Knapp 3 600 Menschen sind an Ehec beziehungsweise Hus erkrankt, 39 bislang daran gestorben. Zum Vergleich: Das Robert Koch-Institut geht von jährlich 5 000 bis 15 000 Grippetoten in Deutschland aus. Bleibt die Frage: Warum verursacht Ehec solche Panik?

Darf es noch ein Tomätchen sein? Nein, zum Leidwesen der Bauern verzichteten die Marktkunden in Zeiten von Ehec zumeist auf Obst und Gemüse. Foto: CC

Wer auf die Seite des Robert Koch-Instituts (RKI) ging, um sich über die Seuche Ehec zu informieren, war erstmal ratlos. Verwiesen wurde und wird dort auf das Bundesinstitut für Risikobewertung, das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das Hessische Sozialministerium, das Hessische Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und – last, but not least – auf das RKI selbst. Wo finde ich denn nun alles Wichtige zu Ehec?, verzweifelte manch naiver Verbraucher.
Nicht nur der. Auch die Verbraucherschützer, Ärzte und die Opposition stellten jüngst die Frage nach den Zuständigkeiten und rügten in dem Zusammenhang das Ehec-Krisenmanagement. Dröselt man das Wirrwarr auf, ergibt sich folgendes Bild: Das RKI gehört zum Bundesgesundheitsministerium, das Institut für Risikobewertung ist dem Landwirtschaftsministerium zugeordnet. Die Berichte der Bundesländer laufen derweil beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zusammen. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr und Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner wussten wahrscheinlich selbst nicht, wer, wie und wann den Hut auf hatte.

Da haben wir den Salat

Dieses Chaos tadeln auch die Forscher:

Die förderale Struktur der BRD sei völlig ungeeignet, um den Verlauf der Krankheit bei den Patienten zu dokumentieren, Lebensmittel zu kontrollieren und dann die Bevölkerung zeitnah und umfassend zu informieren. Ulrich Frei, ärztlicher Direktor der Berliner Charité, beklagte, das die Universitätsklinik die Ehec-Fragebögen des RKI viel zu spät bekommen habe: „Wir brauchen eine bessere Informationspolitik!“ Dass Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann die Sprossen eines Biohofs im Kreis Ülzen für die Epidemie verantwortlich gemacht hatte, noch bevor ein positives Ergebnis vorlag, stand ebenfalls in der Kritik. „Es ist ein bisschen unglücklich, wenn einzelne Landesminister mit Befunden vorpreschen“, sagte etwa Stefan Etgeton vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Da haben wir den Salat, so viel steht fest. Denn die Ehec-Welle ebbt zwar ab und die Zahl der Erkrankten geht weiter zurück. Was aber bleibt, ist Verunsicherung. Sprossen, Salat, Gurken, Fleisch, mangelnde Hygiene: Wie, verflixt noch mal, wird Ehec übertragen? Wie kann man sich schützen? Das fragten sich auch die Ruderer aus England, Holland und Frankreich. Sie blieben der Ruder-WM in Deutschland sicherheitshalber fern. Zudem sind unsere europäischen Nachbarn unzufrieden, dass ihr Gemüse zurzeit mehrheitlich auf dem Müll statt auf dem Esstisch landet.

Die Gurkentruppen

Wie wir mit Ehec umgehen, scheint freilich nicht nur durch die Informationspolitik, sondern auch maßgeblich durch die Medien bestimmt worden zu sein. Ein paar Kostproben gefällig? „Ehec-Schock – Frau steckte acht Menschen mit dem Killer-Keim an“, „Ehec! Angst vor dem Killerkeim im Darm – Charité-Arzt: Bis zu 100 Tote nicht auszuschließen“, „Ehec-Patientin: Mama, ich will noch nicht sterben!“ Seriöse Berichterstattung sieht anders aus. Kein Wunder, dass viele Menschen nach diesen Schlagzeilen nur noch Astronautennahrung zu sich nehmen wollten. Hoffen wir, dass Wissenschaftler, Politiker und Journalisten aus dieser Erfahrung lernen. Und nicht nochmals als Gurkentruppen auftreten. Wie schreibt die Bayerische Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen treffend: „Im Straßenverkehr sterben jeden Tag 15 Personen, wir haben aber keine Angst – im Gegensatz zu Ehec.“

INFO

Miese Krisenpolitik

Laut ZDF-Politbarometer zählt ein Viertel der Befragten Ehec zu den wichtigsten Problemen in Deutschland, neben Atomkraft (33 Prozent). Fast ein Drittel sieht die eigene Gesundheit durch den Darmerreger für gefährdet. Kritisiert wird vor allem das Krisenmanagement der Behörden, Ämter und Ministerien. Insgesamt 53 Prozent sind der Ansicht, dass diese ihre Sache eher schlecht machen, 38 Prozent finden ihre Arbeit eher gut. Von Defiziten in der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern gehen 58 Prozent aus, nur gut ein Fünftel glaubt, dass sie gut funktioniert.

Die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen erhob in der repräsentativen Umfrage vom 7. bis zum 9. Juni 2011 bei 1 332 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten telefonische Interviews.