DGP-Frühjahrstagung

Das Göteborger Konzept: 25 Jahre Implantieren

Das Göteborger Konzept hat zum Ziel, grundsätzlich eine festsitzende Versorgung im parodontal kompromittierten Gebiss zu realisieren. Dieses nicht immer einfache Prozedere war Inhalt der diesjährigen DGP-Frühjahrstagung in Frankfurt und lockte 260 Zahnärztinnen und Zahnärzte in den Hörsaal.

Periimplantäre Erhebung von Sondierungstiefen Foto: Prof. Eickholz

Foto (von links nach rechts): Dr. Filip Klein (Tagungsprä - sident), Prof. Peter Eickholz (Präsident elect der DGP), Dr. Moritz Kebschull, Bonn, Dr. Stefan Fickl, Würzburg, Dr. Antje Tjaden (Biomet 3i) Foto: DGP

Es war der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DGP) und ihrem Tagungspräsidenten Dr. Filip Klein aus Frankfurt dieses Mal gelungen, die Kapazitäten Prof. Dr. Tord Berglundh, Prof. Dr. Jan Wennström und Dr. Jan Derks zu diesem brisanten Thema zu gewinnen.

Berglundh eröffnete mit seinem Vortrag das erste Themenmodul. Er diskutierte praxisnah und interaktiv mit den Teilnehmern die komplette Therapieplanung mehrerer Fallbeispiele und präsentierte im Anschluss daran deren tatsächliche Lösung.

Wennström bezog sich bei seinen Therapieempfehlungen auf die in Schweden erst kürzlich veröffentlichten „National Guidelines in Dentistry“, die diagnosebezogen festlegen, was empfohlen beziehungsweise in Erwägung gezogen werden soll und was nicht empfehlenswert ist.

Therapieoptionen festlegen

Derks machte deutlich, dass vor der chirurgischen Therapie von vertikalen Defekten zunächst immer das Therapieziel festgelegt werden sollte: Stehen eher funktionelle Ziele im Vordergrund, kommen eher resektive Verfahren zur Anwendung. Überwiegen allerdings ästhetische Ziele, bieten rekonstruktive Therapieansätze die bessere Option. Darauf folgend stellte Wennström wieder anhand von Fallbeispielen die Möglichkeiten der erfolgreichen Furkationstherapie dar.

Implantation und Antibiose

Bezüglich einer Abschirmung mit Antibiotika bei Insertion eines Implantats sei es zwar plausibel, dass die Antibiotikaprophylaxe das Risiko von postoperativen Infektionen und Komplikationen bis hin zum frühzeitigen Implantatverlust reduzieren könne, jedoch fehle dafür bisher eine ausreichende Evidenz, wie sich Berglundh ausdrückte. Er machte deutlich, dass eine Antibiotikaprophylaxe keinen signifikanten Vorteil für den postoperativen Verlauf hat und die Medikamentengabe die Implantatverlustrate nachweislich nicht reduziert. Bedeutung für den Behandlungserfolg hätten vielmehr die Operationstechnik, die Erfahrung und die Fähigkeiten des Behandlers sowie die Wahl des Implantationszeitpunkts.

Ohne Recall kein Erfolg

Bezüglich dem Bestreben nach einer parodontalen Erhaltungstherapie favorisierte Berglundh ein Recallsystem, das individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt ist. Dabei solle die parodontale Befunderhebung ein Mindestmaß an klinischen Parametern beinhalten. Nur dann sei die unterstützende Parodontitistherapie ein sinnvolles Mittel, um einen langfristigen Therapieerfolg zu erzielen.

Parodontitis und Periimplantitis

Im Hauptprogramm ging Berglundh zunächst auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der histologischen Struktur des periimplantären und parodontalen Weichgewebes ein. Bei der Diagnostik von Gingivitis beziehungsweise Mukositis und Parodontitis sowie Periimplantitis steht die klinische Untersuchung mit Sondierung auch der periimplantären Gewebe im Vordergrund (Abbildung). Definiert ist eine periimplantäre Mukositis durch das Vorhandensein von Bluten auf Sondieren (BOP) ohne Knochenverlust. Bei beginnender Periimplantitis finden sich moderat erhöhte Sondierungstiefen (kleiner gleich sechs Millimeter) mit Bluten auf Sondieren und ein röntgenologisch erkennbarer Knochenverlust. Fortgeschrittene Periimplantitis ist klinisch mit Sondierungstiefen von größer gleich sieben Millimetern verknüpft. Da die Wahrscheinlichkeit, eine Periimplantitis zu entwickeln, bei Parodontitispatienten erhöht ist, warnte Prof. Berglundh eindringlich davor, bei diesen Patienten Implantate in ein unbehandeltes Parodont zu inserieren. Ebenso riet er ab, Implantate bei fehlender Compliance und im Fall einer Parodontitis als Manifestation einer Systemerkrankung zu setzen.

Wennström definierte als Ziel der antiinfektiösen Therapie eine Reduktion der Bakterien. Gleichzeitig muss die Neubildung eines Biofilms verhindert werden, indem der Patient zu einer effektiven Mundhygiene motiviert wird. Therapieziel sind Sondierungstiefen kleiner gleich vier Millimeter ohne BOP. Auf welche Art und Weise die Reinigung der Taschen vorgenommen wird, macht hierbei keinen großen Unterschied: Von größter Bedeutung für eine langfristig erfolgreiche antiinfektiöse Therapie sind allerdings eine gute Mundhygiene sowie die Compliance des Patienten. Eine systemische Antibiose ist aus Sicht des Referenten nur Ausnahmefällen vorbehalten.

Biologische Komplikationen

Patientenbezogene Untersuchungen zeigen, dass bis zu 56 Prozent der Patienten mit Implantatversorgungen zumindest an einem Implantat periimplantäre Destruktionen aufweisen. Als schwerwiegendsten Risikofaktor für Periimplantitis nannte Berglundh prothetische Rekonstruktionen, die keine zuverlässige Reinigung zulassen. Studien seiner Arbeitsgruppe konnten aber auch belegen, dass die Implantatoberfläche einen bedeutenden Einfluss auf die Progression der Periimplantitis hat.

Prognose für Implantate bei Parodontitispatienten

Dieser Frage ging Wennström nach: Der Referent zeigte auf, dass die Überlebensrate von Zähnen in sorgfältiger parodontaler Nachsorge länger ist als die von Implantaten und daher eine frühzeitige Zahnextraktion zum Erhalt des Knochens für eine spätere Implantation keine vernünftige Option darstellt. Die logische Konsequenz für ihn ist vielmehr, Parodontitis-bedingten Knochenabbau im Vorfeld zu vermeiden. Ein Zahn ist schnell entfernt, mit ihm aber nicht die individuelle Anfälligkeit des Patienten für Parodontitis beziehungsweise Periimplantitis. Trotzdem können Implantate bei Patienten mit parodontaler Vorerkrankung dauerhaft erfolgreich inseriert werden, wenn die parodontale Infektion im Vorfeld erfolgreich eliminiert wurde. Von entscheidender Bedeutung ist hier ebenfalls ein regelmäßig durchgeführtes Recall.

Zahngetragene Prothetik versus Implantate

Anhand von Fallbeispielen erläuterte Derks die Möglichkeiten zahngetragener Prothetik entsprechend des Göteborger Konzepts, das grundsätzlich eine festsitzende Versorgung im parodontal kompromittierten Gebiss zu realisieren versucht. Auch Konstruktionen, die nicht das Ante’sche Gesetz befolgen, können langfristig erfolgreich sein. Insbesondere der Einsatz von Langzeitprovisorien spielt eine entscheidende Rolle im vorgestellten Konzept. Weiterhin ging Derks auf spezielle Probleme in der Versorgung parodontal vorgeschädigter Zähne ein – wie die Lage des Restaurationsrandes, die Präparationsform und mehr.

Zahnerhalt versus Implantatersatz

Berglundh sprach sich für größtmöglichen Zahnerhalt aus: Die Extraktion eines Zahnes entspreche vom Grunde her einer Amputation. Ziel einer Parodontitis-Therapie mit langfristigem Erfolg sei, dass die Erkrankung nicht wieder auftrete. Voraussetzung dafür ist ein individuelles Recall unter Berücksichtigung der Patientenstruktur, der Mitarbeit des Patienten, des Verlaufs und des Ergebnisses der bisherigen Behandlung sowie spezifischer Risikofaktoren. Generell empfahl der Referent Recalltermine zumindest einmal, für Patienten nach Parodontitis-Therapie von in der Regel zweimal jährlich. Implantationen sind erst nach Abschluss der Parodontitis-Therapie vorzunehmen, wenn die Patienten bereits in ein Recall-System eingebunden sind. Zu den Fragen „Was ist am wenigsten schädlich?“ und „Wie ist die Langzeitprognose?“ ergänzte Berglundh, dass die Literatur sehr viel mehr Daten zu Zähnen als zu Implantaten bereithält und kam abschließend zu folgender Aussage: Implantate werden verwendet, um ein Ziel zu erreichen, sie sind nicht das Ziel selbst!

Zusammenfassung und Ausblick

Jan Wennström, Tord Berglundh und Jan Derks haben eindruckvoll gezeigt, wie parodontal kompromittierte Zähne nach konsequenter parodontaler Therapie über Jahrzehnte erhalten werden können. Sie haben auch gezeigt, wie Zahnverlust mit Brücken und/oder Implantaten auch im parodontal kompromittierten Gebiss therapiert werden kann. Die beiden Tage in Frankfurt haben Lust auf konsequente Parodontitistherapie und das Modul 2 am 6.10. und 7.10.2011 mit praktischen Übungen in Göteborg gemacht.

Das DGP-Konzept der Frühjahrstagungen wird fortgesetzt: Am 10.02. und 11.02.2012 werden Rino Burkhardt und Niklaus P. Lang in München das Thema „Mikrochirurgie: 20 Jahre später – was ist wirklich relevant?“ bearbeiten.

Dr. Rita Arndt
PD Dr. Bettina Dannewitz
Dr. Katrin Nickles
Dr. Beate Schacher
Dr. Susanne Scharf
Zentrum für Zahn-, Mund- u. Kieferheilkunde
(Carolinum) der Johann Wolfgang Goethe-
Universität Frankfurt
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt
eickholz@med.uni-frankfurt.de

INFO

Erstmalig Forschungsgelder vergeben

Im Rahmen ihrer Frühjahrstagung konnte die DGP erstmalig Forschungsgelder in Höhe von 50 000 Euro für die Periimplantitisforschung vergeben. Diese Mittel werden von der Firma Biomet 3i großzügig zur Verfügung gestellt. Die Förderung war für das Jahr 2010 international ausgeschrieben worden. Unter sieben Einreichungen wählte die internationale Jury das Projekt „Gene Expression Profiling of Human Periimplantitis Lesions“ eines Konsortiums der Universitäten Bonn und Würzburg aus.

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