1. Interdisziplinäres Symposium kindliche Entwicklung

Tasten, schmecken, riechen

Am 19. März 2011 kamen in Leipzig 170 Teilnehmer verschiedenster Berufsgruppen zu einer wissenschaftlichen Veranstaltung zusammen. Die große Zahl der Zuhörerließ keinen Zweifel daran, dass eine interessante Thematik aufgegriffen wurde, nämlich das Kind und die kindliche Entwicklung mit Blick auf die Funktionalität im Mundbereich.

Abbildungen 1 bis 3: Klinische Situation einer siebenjährigen Patientin in der ersten Wechselgebissphase mit lutschoffenem Biss und Angel-Klasse II/1 Fotos: PD Dr. K. F. Krey
Foto: ISKE
Abbildungen 4 bis 6: Intraoraler Zustand nach zweijähriger kieferortho pädischer Frühbehandlung mit logopädischer Begleitbehandlung: Der offene Biss ist geschlossen und die Unterkieferrücklage hat sich ausgeglichen. Fotos: PD Dr. K. F. Krey

Die störungsfreie Entwicklung ist leider keine Selbstverständlichkeit, und vielen der Anwesenden war die Vielfältigkeit kindlicher Entwicklungsauffälligkeiten hinlänglich aus ihrer eigenen Berufstätigkeit bekannt. Das betrifft neben medizinischen und sozialen auch pädagogische und psychologische Bereiche direkt oder in ihren Grenzgebieten.

In manchen Bereichen existieren interdisziplinäre Ansätze und Vorgehensweisen zur Lösung beziehungsweise Bewältigung, aber in vielen gibt es leider immer noch „nur“ engagierte Einzelkämpfer.

Interdisziplinarität gefragt

Ziel der Veranstaltung war deshalb, möglichst viele Berufsgruppen, die am Kind „tätig“ sind, anzusprechen, sie zu aktivieren, sich gegenseitig kennenzulernen, Gedanken und Erfahrungen auszutauschen, um letzten Endes gemeinsam professionell und effizient für die Kindergeneration wirken zu können.

Das war der Grundgedanke für die Gestaltung eines „1. Interdisziplinären Symposiums kindliche Entwicklung“ zum Thema „Alles mit dem Mund, alles durch den Mund“, das unter der Leitung von Prof. Dr. Almut Makuch und Sabine Fuhlbrück, beide Leipzig, stattfand. Zahnärzte, Kieferorthopäden, Logopäden, Kinderärzte, Neonatologen, Soziologen, Sprachheilwissenschaftler, Psychologen und Myofunktionstherapeuten bekundeten uneingeschränktes Interesse an einer gemeinsamen, sehr vielschichtigen Problematik, der es sich aus unterschiedlichsten Aspekten zu nähern galt.

Im einleitenden Vortrag referierte Prof. Dr. Almut Makuch (FZÄ Kinderzahnheilkunde, Diplompsychologin), welche Bedeutung verschiedene Ver haltensmuster im Kindesalter für die Gesundheit des Kindes, aber auch für das spätere Erwachsenenalter haben.

Denn neben erwünschten Verhaltensweisen können hier bereits auch solche erlernt, erprobt und eventuell stabilisiert werden, die für die spätere Gesundheit eine Gefährdung darstellen. Die Referentin stellte heraus, dass eine adäquate Befriedigung der physischen und psychosozialen Bedürfnisse eines Kindes von Geburt an den Grundstein für seine Gesundheit legt.

Durch Ernährung, Pflege und Fürsorge sowie Gewöhnung werden kognitive Strukturen für ein künftiges Verhalten entwickelt. Große Bedeutung kommt dabei der Frühentwicklung des orofazialen Systems zu. Der Mund gilt als erster und bleibender Erkenntnisraum. Mit ihm wird Nahrung aufgenommen und gleichzeitig schmeckend, tastend und riechend die Welt erkundet. Wenn das zielgerichtete Greifen hinzukommt, gewinnen durch die Koordination von Mund, Auge und Hand weitere Erkenntnisprozesse für das Kind an Bedeutung.

Dr. Silvia Hiersche, Leipzig, ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und wies in ihrem Beitrag dringlich darauf hin, dass es gilt, gestörte Kommunikationsbeziehungen zwischen Mutter und Kind, die bereits bei der Verabreichung der Nahrung auftreten können, frühzeitig zu erkennen, damit sie einer Therapie zugeführt werden können. Sie stellte in diesem Zusammenhang die Interaktionssprechstunde und die Eltern-Kind-Tagesklinik sowie auch das Netzwerk „Frühe Hilfe“ aus Leipzig unter dem Blickwinkel einer Kooperation vor.

Der Kieferorthopäde Prof. Dr. Karl-Heinz Dannhauer, Leipzig, konnte mit seinem Beitrag überzeugend nachweisen, dass das Ernährungsverhalten im frühen Kindesalter maßgeblichen Einfluss auf die Gebissentwicklung und damit aber auch auf die Gesundheit im späteren Alter hat. Er ging auf die physiologischen und pathologischen Veränderungen der Schluckmuster unter dem Aspekt, in welcher Weise das Nahrungsangebot erfolgt (Stillen versus Flasche, feste Nahrung, Trinken aus der Tasse und mehr), ein.

Die Kinderärztin und Stillberaterin Dr. Andrea Reich, Leipzig, nahm diesen Faden auf und erläuterte die rasante statomotorische Entwicklung vom scheinbar hilflos zappelnden Säugling zum aufrecht frei laufenden Kleinkind.

Das erste Lebensjahr eines Kindes ist davon gekennzeichnet, dass das Neugeborene mit Zunge und Mund sucht, saugt und schluckt und so allmählich durch eine Veränderung des Schluckmusters feste Nahrung kennen und schlucken lernt und schließlich am Familientisch teilhaben kann. Stillen gilt nach wie vor als die natürlichste Ernährungsform vor allem in den ersten Lebensmonaten. Beim physiologischen Saugen besteht kein Zahnkontakt zur Muttermilch. Eine kompetente und einfühlsame Beratung der Eltern zur Säuglingsernährung und zum empathischen Umgang mit dem Kind hilft, Entwicklungsstörungen vorzubeugen. Sind solche eingetreten, erfordert das dann meist eine interdisziplinäre Betreuung der gesamten Familie.

Dr. Juliane Frühbuß, Düsseldorf, ging dann der Frage nach, welche Folgen die frühkindliche Karies für die soziale Entwicklung des heranwachsenden Kindes hat. Sie konnte unter anderem aufzeigen, dass Kinder der oberen Sozialschichten weniger Fehltage bedingt durch Zahnschmerzen und weniger Einschränkungen bei alltäglichen Aktivitäten hatten, da ihr Kariesgeschehen geringer und die Mobilität der Eltern größer war.

Flasche sehr schnell abgewöhnen

Integrative pädiatrische, psychologische und zahnmedizinische Beratungen sollten den Müttern helfen, im Sinne einer holistischen Kinderzahnheilkunde den prolongierten Flaschengebrauch über das Babyalter hinaus zu verhindern. Auch sollten sie die für sie oft unverständlichen Verhaltensweisen ihres Kindes besser verstehen lernen.

Neben den Fütter- und Essverhaltensweisen, die sich direkt auf die Zahn- und Gebissentwicklung auswirken, ging es dann in einem weiteren Beitrag von Mary Ann Bolten, Wiesbaden, sie ist Speech Pathologistin und Mundfunktionstherapeutin, um Ursachen von Habits, die im frühen Kindesalter ihren Anfang haben und eng im Zusammenhang mit der Bedürfnisbefriedigung des Kindes stehen. So können orofaziale Funktionen beziehungsweise Dysfunktionen (Nasenatmung, Schluckstörungen, Mobilitätsbeeinträchtigungen der Zunge, Lutschgewohnheiten) die skelettale Entwicklung beeinflussen.

Therapeutische Konzepte, die sich – wie die Myofunktionelle Therapie (MFT) – diesen Dyskinesien widmen, können hierbei sehr erfolgreich die Mund- und Kaumuskulatur beeinflussen und so zum Beispiel die physiologische Atmung durch Training des Lippenschlusses wiederherstellen und damit eine kieferorthopädische Behandlung sinnvoll begleiten und unterstützen. In einem Fallbericht konnte Sabine Fuhlbrück, Myofunktionstherapeutin sowie kost®-Therapeutin, dieses eindrucksvoll belegen. Die körperorientierte Sprachtherapie nach Codoni stellt darüber hinaus die Zusammenhänge zwischen Form und Funktion, bezogen auf den ganzen Körper dar. Bei den meisten sprachbehinderten Kindern liegen sowohl Störungen des Gleichgewichts der oralen Muskelfunktionen als auch Dysbalancen in anderen Körperbereichen vor. Nur wenn diese unter Einbeziehung der entsprechenden medizinischen Fachgebiete korrigiert wurden, kann darauf aufbauend die Myofunktionelle Therapie einen wirksamen Beitrag für die Sprach- und Sprechent wicklung leisten. Mit zahlreichen Vorher-Nachher- Bildern von entsprechend therapierten Patienten bewies Ulrike Hörstel aus Günzburg, MF-Therapeutin, Logopädin, kost®-Therapeutin, den Erfolg dieses Konzepts. Cathrin Wegner, Hagenow, Logopädin, NLP-Trainerin, kost®-Therapeutin, rundete die Palette der Vorstellung von Therapiekonzepten oraler Habits mit der Kasuistik über die Lutschentwöhnung durch neurolinguistische Programmierung (NLP) bei einem elfjährigen Patienten ab. Auch hier gelang es der geschulten Therapeutin innerhalb kurzer Zeit, dem Wunsch des heranwachsenden Jungen zu entsprechen, indem er durch die Verbesserung des eigenen Wohlbefindens auch seine Lebensqualität steigern und eigenverantwortlich Entscheidungen treffen konnte.

Fazit

Dieses erste, von der Gaba GmbH unterstützte Symposium erwies sich als eine sehr interessante und gut angenommene Weiterbildung für diverse Fachbereiche. Erste Kontakte zu einem Networking konnten hergestellt werden, und es wurde mehrheitlich eine Fortsetzung dieser Veranstaltung unter dieser interdisziplinären Sichtweise gewünscht. Übrigens: Der finanzielle Überschuss aus der Tagung wird als Spende für Kinder mit Fütter-, Schluck- und Essstörungen eingesetzt.

Prof. Dr. med. habil. Almut Makuch
Diplompsychologin
Universität Leipzig
Friedrich-Louis-Hesse-Zentrum für ZMK und Orale Medizin
Selbständige Abteilung Kinderzahnheilkunde und Primärprophylaxe
Nürnberger Str. 57
04103 Leipzig
almut.makuch@medizin.uni-leipzig.de

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