Fortbildungsteil 2/2011

Pathophysiologie, Klinik und Therapie

Der Zahnarzt sowie der Hals-Nasen-Ohrenarzt werden nicht selten wegen des Schnarchens konsultiert. Im Mittelpunkt der Pathophysiologie stehen morphologische Einengungen der oberen Atemwege und Funktionsstörungen der pharyngealen Muskeln. Der vorliegende Beitrag stellt die wesentlichen Grundlagen zusammen und gibt einen Überblick über Klinik und Therapie des Krankheitsbildes „obstruktives Schlafapnoesyndrom“.

Der Erfassung der Sauerstoffsättigung am Finger kommt im Rahmen der schlafmedizinischen Diagnostik eine hohe Bedeutung zu. Sie hilft bei der Bestimmung von Atempausen und -schwächen (Apnoen, Hypopnoen). Foto: sodapix-F1online

5-Minuten-Ausdruck einer Polysomnografie: Der Atemfluss zeigt deutliche Veränderungen (Hypopnoen). Der Atemantrieb ist erhalten, wie an den Exkursionen von Thorax- und Abdomenwert zu erkennen ist (obstruktive, nicht zentrale Störung). Als Folge kommt es zu Abfällen der Sauerstoffsättigung (Sp O 2 und zu Aktivierungen im EEG (Weckreaktion, Arousals). Foto: Krankenhaus Bethanien
Patient mit angelegter Sensorik zur Polysomnografie Foto: Krankenhaus Bethanien
Unterkieferprotrusions- Testgerät in situ: Dargestellt ist eine bimaxilläre Monoblock- Apparatur mit individuell eingestelltem UK-Vorschub. Sie entspricht einem modifizierten Positioner nach Edward Lyon, hergestellt in der Elastomer-Technik. Foto: Meyer
Eine genaue Diagnostik der schlafmedizinischen Erkrankung ist vor jeder Therapie auch mit Unterkieferprotrusionsschiene notwendig. Foto: picture alliance
Anlegen der Sensorik zur elektrophysiologischen Untersuchung am Tag, dem multiplen Schlaflatenztest (MSLT) Foto: picture alliance
Prof. Dr. med. Winfried Randerath Jg. 1961, Studium der Medizin in Düsseldorf, PJ, Approbation 1987, Promotion 1988, Habilitation 2000, Apl.-Professur 2005 an der Universität Witten/Herdecke, Berufstätigkeit en: 1988 bis 1990 in der Medizinischen Klinik des Marienhospitals , 1990 bis 1993 Kamillianer-Krankenhaus Mönchengladbach, 1993 bis 1996 St. Bernhard-Hospital Kamp-Lintfort, Kardiologie, Pneumologie, Angiologie, 1996 bis 2003 Klinik Ambrock, Klinik für Pneumologie, Allergologie und Schlafmedizin, seit 1.10.2003 Chefarzt und Ärztlicher Direktor Bethanien Klinik für Pneumologie und Allergologie, Zentrum für Schlaf- und Beatmungsmedizin , Direktor Wiss. Institut für Pneumologie in Witten/Herdecke Foto: privat

Schlafbezogene Atemstörungen stellen eine hohe individuelle gesundheitliche Belastung für die Betroffenen und ein erhebliches ökonomisches Problem für die Gesellschaft dar. Während konservative Schätzungen bisher eine Häufigkeit von zwei bis vier Prozent in der Bevölkerung annahmen [Young et al., 2002], ist inzwischen von deutlich höheren Zahlen mit einer Prävalenz von 20 Prozent in den besonders betroffenen Gruppen, zum Beispiel Männer zwischen 40 und 60 Jahren, auszugehen. In Hausarztpraxen zeigte sich, dass bei 32 Prozent der Personen, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit unter obstruktiven schlafbezogenen Atemstörungen litten, diese noch unbekannt waren [Ohayon et al., 1997; Netzer et al., 2003]. Männer sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Frauen.

Zu den schlafbezogenen Atemstörungen gehören das obstruktive Schlafapnoesyndrom (OSAS), das zentrale Schlafapnoesyndrom (ZSAS) und schlafbezogene Hypoventilationen.

Bei der obstruktiven Apnoe liegt ein vollständiger Verschluss der oberen Atemwege meist in Höhe des Zungengrunds vor. Zwar geht also der Impuls regelrecht vom zentralen Nervensystem aus und stimuliert auch die Atemmuskulatur, die Luft kann jedoch nicht durch die obstruierten Atemwege befördert werden. Der Patient unternimmt frustrane Atemanstrengungen. Demgegenüber fehlt bei der zentralen Apnoe der Impuls des Gehirns zu atmen. Weder Atemstrom durch Mund oder Nase noch Atembewegungen sind erkennbar. Im Unterschied zu den Apnoen ist von einer Hypopnoe zu sprechen, wenn bei abgeschwächtem, jedoch nicht vollständig unterbrochenem Atemfluss ein prozentualer Abfall der Sauerstoffsättigung eintritt [Iber et al., 2007]. Der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) quantifiziert die Anzahl von Apnoen und Hypopnoen pro Stunde Schlaf. Bereits ab einem AHI größer gleich 5/h muss mit einem Anstieg des kardiovaskulären Risikos gerechnet werden.

Zentrale schlafbezogene Atemstörungen treten häufig bei Erkrankungen des Herzens, Schlaganfall, Niereninsuffizienz, bei Medikamenten- oder Drogengebrauch (wie Opiate) und in großer Höhe auf. Unter dem Begriff Hypoventilationssyndrome können zahlreiche Erkrankungen zusammengefasst werden, bei denen die Atemtiefe im Schlaf nicht ausreicht, um das CO 2 suffizient abzuatmen (COPD, neuromuskuläre oder skelettale Erkrankungen). In diese Gruppe fällt auch das Obesitas-Hypoventilations-Syndrom, also die verminderte Atmung bei stark übergewichtigen Patienten, ein Problem, das mit der Zunahme des Körpergewichts in der Bevölkerung weiter steigen wird [The Report of an American Academy of Sleep Medicine Task Force, 1999].

Insgesamt werden Hypoventilationssyndrome und zentrale Atemstörungen deutlich seltener als obstruktive schlafbezogene Atemstörungen festgestellt. Nur letztere sind therapeutisch für den Zahnarzt von Interesse und werden in diesem Artikel besprochen. Dennoch ist die differenzialdiagnostische Abgrenzung im Schlaflabor von großer Bedeutung. Nicht zuletzt deswegen stellt die Polysomnografie die Basis der Diagnostik dar, die der Behandlung zum Beispiel mit Unterkieferprotrusionsschienen vorausgehen muss.

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