Deutscher Zahnärztetag 2011

Kongress-Splitter

Das Angebot an Veranstaltungen in Frankfurt beim diesjährigen Zahnärztetag war enorm – rund 190 Referenten und ebenso viele Vorträge, Seminare und Posterpräsentationen. Anstelle einer voluminösen Zusammenfassung sollen einige ausgesuchte Highlights herausgehoben werden. Nach einem ersten Blick in einzelne Seminare in den zm 23 (Seite 40) folgen einige weitere Einblicke in das wissenschaftliche Fortbildungsgewitter.

Quelle: DGZMK-Michelle Spillner

Soldaten im Auslandseinsatz stehen unter Stress. Das äußert sich gerade bei den jüngeren unter ihnen unter anderem durch Bruxismus. Foto: Matthias Nordmeyer – Fotolia.com
Süß und weich – das ist die Vorliebe vieler Senioren, weil sich ihre Geschmacksnerven altersbedingt verändern und weil die Zähne nicht mehr so gut beißen. Aber ernährungsphysiologisch sinnvoll ist das nichtk, denn es kann zur Mangelernährung führen. Foto: MEV

Die Wehrmedizin steht per se für das Risiko. Mehrere Referenten berichteten über zahnmedizinisches Handeln während eines Auslandaufenthalts der Truppe. Ganz deutlich wurde dabei, dass die orale wehrmedizinische Untersuchung in einigem Abstand vor dem Aufbruch in den Einsatz stehen sollte. Denn, so Oberfeldarzt PD Dr. Constantin von See, „bei erforderlichen zum Beispiel endodontologischen Therapiemaßnahmen muss mit mehreren Sitzungen gerechnet werden.

Und die Endo-Behandlungen „müssen sitzen“, damit durch Druckunterschiede zum Beispiel beim Fliegen nicht vorher asymptomatische Zähne zu symptomatischen werden. Eine Repatrizierung sei so gut wie nie aus zahnmedizinischen Gründen nötig, so der Referent. Nur in sechs bis acht Fällen auf 1 000 Soldaten sei es erforderlich, dass ins Heimatland zurückgeflogen wird. Dabei handele es sich dann aber zumeist um umfangreiche kieferchirurgische Anamnesen. Nach wie vor ein großes Risiko-Problem im Feld stellt der Bruxismus dar, der besonders häufig bei jungen Soldaten, die erst auf wenige Berufsjahre zurückblicken können, zu beobachten ist. Diesem Problem kann aber – auch im Einsatz – zumindest zahnmedizinisch schnell und sicher abgeholfen werden.

Eine Repatrizierung ist so gut wie nie aus zahnmedizinischen Gründen nötig.

PD Dr. Constantin von See

Ein ganz anderes – ebenfalls erhebliches – Risiko stellt Mangelernährung dar, wie Dr. Eva Schrader, Nürnberg, an diversen Beispielen von unter- beziehungsweise fehl- und damit mangelernährten Senioren erläuterte. Mangelernährung führt zu Muskelabbau, damit zu körperlicher Instabilität und schließlich zur Frakturgefahr, mit schweren Folgen.„Und das betrifft rund 90 Prozent aller Senioren, vorwiegend in Einrichtungen“.

Die altersbedingten physiologischen Veränderungen des Geschmackssinns sowie Zahnersatz mit mangelhafter Funktion sind hier Auslöser mit zum Teil lebensbedrohlicher Konsequenz. Sie empfiehlt daher, dass auch der Zahnarzt seinen Blick schult und seine Patienten direkt nach ihren speziellen Ernährungsvorlieben fragt.

Meistens mangelt es diesen Patienten an den Vitaminen D, E, B und C sowie Folsäure und eiweißreicher Kost.

Dr. Eva Schrader

Auch ein Hautfaltentest, mit dem das subkutane Fettgewebe geprüft wird, sei ratsam. „Eine Befragung nach dem Speiseplan ist wenig aufschlussreich, denn sie sagt ja nicht aus, ob der Patient das Essen auch wirklich isst, das ihm angeboten wurde.“

Meistens mangelt es diesen Patienten an den Vitaminen D, E, B und C sowie an Folsäure und an eiweißreicher Kost. Sie rät daher: „Achten Sie auf eine hohe Energiedichte und empfehlen Sie, dass das Essen mundgerecht angerichtet wird!“ Auch soll zum Essen immer in kleinen Schlucken getrunken werden, denn Senioren leiden fast alle an einer Medikamenten-induzierten Xerostomie.

Den Blick zu schulen, riet auch Dr. Dr. Frank Halling, Fulda. Er animierte die anwesenden Zahnärzte, mehr Fortbildung in Bezug auf die visuelle Früherkennung von malignen Hauterscheinungen im Gesicht und Halsbereich durchzuführen und forderte, dass Zahnärzte auch in dermatologische Krebsfrüherkennungsprojekte integriert werden. Einer Umfrage zufolge sei die Bereitschaft dazu durchaus gegeben, aber über 70 Prozent der befragten Zahnärzte fühlten sich nicht kompetent genug.

Ohne entsprechende Vergrößerung läuft nichts.

Prof.Dr. Michael Hülsmann

Wenn endodontische Instrumente brechen, ist Gefahr im Verzug. Prof. Dr. Michael Hülsmann, Göttingen, diskutierte dieses Problem und gab dem Praktiker Tipps: „Generell gilt, Fragmente können nur dann entfernt werden, wenn ihr kororares Ende noch sichtbar ist.“ Und ohne eine perfekte Visualisierung, sprich dem Operationsmikroskop, sowie eine gute Trockenlegung gehe nichts. „Ist das Fragment nach 45 bis 60 Minuten nicht entfernt, riskieren Sie eine Perforation. Machen Sie einen zweiten Termin.“

Sein Fazit: Eine Instrumentenfraktur ist durchaus therapierbar, sie sollte nicht zum Ende eines Zahnes führen. Sie erfordert nur ein besonderes Instrumentarium und einen genauen Plan. sp

INFO

Ein neues Thema unter dem Dach des Deutschen Zahnärztetages war die sogenannte „Gender Dentistry“: Im Rahmen eines gut besuchten Lunch&Learn-Symposiums hatte die Deutsche Gesellschaft für geschlechterspezifische Zahn-, Mundund Kieferheilkunde (DGGZ) passend zum Tagungsthema des wissenschaftlichen Programms zu Vorträgen unter dem Titel „Risiko Geschlecht: Gender von Zahn bis Arzt“ eingeladen. DGGZ-Vorstandsmitglied PD Dr. Ingrid Peroz, Berlin, referierte in einer kurzen Einführung die Begrifflichkeiten von „Sex & Gender“ und die Unterscheidung von somatischem und sozialem/psychologischem Geschlecht. Wie sich das in der Zahnheilkunde darstellt, zeigte daraufhin DGGZ-Präsidentin PD Dr. Dr. Christiane Gleissner, Mainz, unter der Überschrift „Warum Männer häufiger Parodontitis, Frauen aber früher keine Zähne mehr haben“: Auch internationale Studien bestätigen demnach die Daten der DMS IV, die Karies eher als Thema bei Frauen und schwerere Parodontitiden als Männer-Problem darstellen. Unter anderem wurde auf die Rolle der Hormone hingewiesen. Offenbar zeigen Frauen im Vergleich zu Männern eine bessere Immunantwort, was vermutlich mit Einfluss auf Schwere und Verlauf einer Parodontitis hat. Prof. Dr. mult. Dominik Gross, Aachen, provozierte – wie die Diskussion zeigte – mit seinem Beitrag „Risiko Selbstbild: Die zahnärztliche Profession in gender- spezifischer Perspektive“: Seiner Präsentation nach bevorzugen Männer die lukrativeren Fächer in der Zahnmedizin. Die Berufschancen von Zahnärztinnen in Wissenschaft, Niederlassung und Standespolitik wurden analysiert und es wurden jeweils strukturelle Barrieren ermittelt. Seine Empfehlung: Die Zahnärztinnen sollten sich über Fachlichkeit und nicht über Persönlichkeit definieren. Dass sich das Geschlecht eines Dozenten auf Lehrmittelzuweisungen auswirkt und insofern Lehrevaluationen nicht ohne Berücksichtigung der Geschlechterdifferenzierung erfolgen sollten, zeigte PD Dr. Margrit-Ann Geibel, Ulm, anhand entsprechender Studien: „Attraktive Männer werden hoch bewertet, attraktiven Frauen wird dagegen Kompetenz oft abgesprochen. Das hat Einfluss auf die finanzielle Ausstattung von Lehrveranstaltungen und muss berücksichtigt werden.“ bd

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