Online-Arztpraxis gestartet

Zur Sprechstunde ins Internet

Seit einigen Wochen können deutsche Patienten die Sprechstunde von „DrEd“ besuchen. Besuchen ist dabei nicht wörtlich zu verstehen, denn „DrEd“ ist eine Onlinepraxis mit Sitz in London. Der Kontakt erfolgt ausschließlich über das Internet. Ärzte- und Zahnärzteverbände sehen den virtuellen Arztbesuch skeptisch.

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Bis Mitte Dezember haben nach Angaben des Unternehmens mehr als 1 000 Patienten die Plattform www.DrEd.com besucht. Das Onlineportal bietet Behandlungen in den Bereichen Männer- und Frauengesundheit, Innere- und Reisemedizin sowie Allgemein- und Sexualgesundheit an.

Die Anamnese erledigen die Ärzte bei DrEd ausschließlich aus der Ferne. Dazu füllen die Patienten auf der Website des Unternehmens einen umfangreichen Fragebogen aus, in dem sie unter anderem ihre Beschwerden beschreiben oder bei chronischen Erkrankungen relevante Werte wie Blutdruck oder Cholesterin angeben sowie ihre bisherige Medikation beschreiben. Auf Basis der Antworten stellen die Onlineärzte eine Diagnose und, wenn der Patient sich für eine Behandlung durch das Portal entscheidet, legen die Therapie fest.

Männerkrankheiten stehen im Fokus

Ab diesem Zeitpunkt erhebt DrEd Gebühren:

Behandlungen im Bereich Frauengesundheit, zum Beispiel Blasenentzündungen, kosten neun Euro, für Fragen zur Männergesundheit wird der höchste Satz von 29 Euro fällig. Schon jetzt ist zu  erkennen: DrEd wird nicht bei allen gesundheitlichen Problemen gleich oft zu Rate gezogen.

„Etwa 60 Prozent der Patienten, die uns bisher besucht haben, waren Männer, die unter Impotenz, vorzeitigem Samenerguss oder Haarausfall leiden. Ebenfalls häufig vertreten sind Frauen, die uns wegen Verhütungsfragen kontaktiert haben, chronisch Kranke – insbesondere Patienten mit Bluthochdruck – und Menschen mit Fragen und Beschwerden im Bereich Sexualkrankheiten“, sagt David Meinertz, Gründer und Geschäftsführer der hinter DrEd stehenden Betreibergesellschaft Health Bridge Limited. Geringeren Anteil hätten die Bereiche Reisemedizin und Raucherentwöhnung, fügt der deutsche Jurist hinzu.

Dass sehr viele männliche Patienten DrEd nutzen, wundert Meinertz nicht.

„Diese Männer, meistens im Alter zwischen 35 und 75 Jahren, kommen wegen – in Anführungsstrichen – peinlicher Probleme zu uns, mit denen sie laut eigener Aussage nicht zu ihrem Hausarzt wollen, den das ganze Dorf konsultiert.“ Dort über erektile Dysfunktionen zu sprechen oder einen Test für Chlamydien und Gonnorhö zu machen, sei für viele Betroffene eine Hemmschwelle.

Eine weitere Zielgruppe der Onlinepraxis sind Menschen, die aus beruflichen Gründen wenig Zeit für einen Arztbesuch haben und sich „keinen halben Nachmittag frei nehmen wollen, um ein neues Rezept für das Blutdruckmedikament zu besorgen“, so Meinertz.

Keine Praxisgebühr, das Umgehen peinlicher Situationen, Zeitersparnis – für viele Menschen klingt das Angebot von DrEd attraktiv. Doch statt der Praxisgebühr werden Behandlungsgebühren fällig und auch der Faktor Zeitersparnis ist mit Vorbehalt zu sehen. Denn auch bei DrEd müssen Patienten Zeit mitbringen, sei es beim Ausfüllen des Fragebogens oder beim Warten auf eine Antwortmail, was auch schon einmal bis zu drei Stunden dauern kann. Ausgestellte Rezepte treffen innerhalb von einem bis drei Tagen ein – für akute Beschwerden wie Ausschläge oder Blasenentzündungen ist der Internetdoktor demnach keine gute Lösung.

Ärzte- und Zahnärzteverbände stehen dem Konzept der Onlinepraxis noch aus einem anderen Grund kritisch gegenüber. Sie vermissen einen zentralen Aspekt der heilberuflichen Arbeit: das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis.

Vertrauen braucht Nähe

Die Bundesärztekammer (BÄK) reagierte mit klaren Worten auf den Start von DrEd.

„Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten – die Grundlage jeder Behandlung – kann nur aufgrund eines persönlichen Kontakts geschaffen werden. Diagnose und Behandlung allein über das Internet können nicht im Interesse des Patienten sein. Vor diesem Hintergrund sehen wir Angebote wie DrEd.com äußerst skeptisch“, kritisiert die BÄK in einer Pressemitteilung.

„Wir halten das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis nach wie vor für wichtig“, kontert Meinertz. „Mit DrEd wollen wir den Gang zum eigenen Haus- oder Facharzt keinesfalls ersetzen, sondern ein zusätzliches Angebot bereitstellen.“

Nach Meinung von Prof. Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der BZÄK, stellt das Internet eine gute Möglichkeit dar, Patienten mit allgemeinen Gesundheitsinformationen zu versorgen: „Wenn die Patienten Beratung und allgemeine Gesundheitsinformationen wünschen, ist dieses Angebot nicht unbedingt als schlecht zu bewerten.“ Medizinische Dienstleistungen seien aber „grundsätzlich nicht gleichzusetzen mit einer Onlinebestellung bei eBay. Es handelt sich vielmehr um eine Interaktion zwischen Patient und Arzt, bei der das persönliche Erscheinen des Patienten von entscheidender Bedeutung ist. Der Arzt muss sein Gegenüber in seiner Reaktionsweise auf bestimmte Fragen erleben können. Nicht alles kann gesagt werden, vieles wird auch durch Gestik und Mimik vermittelt.“ Nur in dieser Behandlungsform könnten Ärzte ihrer therapeutischen Verantwortung gerecht werden, betont Oesterreich.

Nach Ansicht von Dr. Jürgen Fedderwitz, dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, hat die Art der telemedizinischen Behandlung, wie sie DrEd zur Zeit anbietet, für den Bereich der Zahnmedizin aktuell keine Bedeutung. „Dies gilt unter anderem auch deshalb, weil hier Arzneimittelverordnungen – auf die sich die Tätigkeit von DrEd im Wesentlichen bezieht – eine völlig untergeordnete Rolle spielen“, gibt er zu Bedenken.

Keine Absage an Telemedizin

Ärzte- und Zahnärzteverbände sehen die Vorteile telemedizinischer Angebote stattdessen zum Beispiel für die ärztliche Versorgung in entlegenen Regionen oder für das Monitoring chronisch kranker und alter Menschen in ihrem eigenen Zuhause. Aber: Der regelmäßige persönliche Kontakt zum Arzt dürfe ihrer Ansicht nach nicht entfallen. Dazu gehöre auch, dass der betreuende Arzt selbst Daten vom Patienten erhebt, etwa die Blutdruck- oder Herzwerte.

Die Mitarbeiter von DrEd arbeiten hingegen nicht bei allen Erkrankungen mit selbst erhobenen Werten. Bei Verdacht auf Sexualkrankheiten wie Chlamydien erhalten Patienten ein Test-Kit per Post, nehmen selbst die Urinprobe und schicken diese an das DrEd-Partnerlabor in Hamburg. Dort werden die Proben dann ausgewertet und nach London weitergegeben. Bei chronischen Krankheiten verlassen sich die Onlineärzte jedoch ganz auf die Angaben der Patienten. Geschäftsführer Meinertz ist sich bewusst, dass das auf Patientenseite sehr gute Kenntnisse des eigenen Zustands voraussetzt. „Wir gehen bei unseren Patienten davon aus, dass sie mündige Patienten sind“, erklärt er knapp.

Diagnose erfolgt per Fragebogen

Täuschungen, räumt er ein, seien darum nie ganz auszuschließen: „Natürlich kann man uns bewusst die Unwahrheit sagen, was dazu führen kann, dass wir Patienten unter Umständen nicht vernünftig behandeln.“ Um das zu verhindern, seien die Fragebögen mit verschiedenen Schutzmechanismen ausgestattet. Meinertz: „Es gibt eine innere Logik der Fragen. Wenn ein Patient Frage A so beantwortet und die damit korrespondierende Frage B anders, ist für unsere Ärzte klar, dass die angegebene medizinische Situation nicht vorliegen kann. Dann fragen wir gezielt nach oder lehnen die Behandlung ab.“ Um keine falschen Entscheidungen zu treffen, habe man sich auch mit dem hauseigenen wissenschaftlichen Beirat zusammengesetzt und klinische Leitlinien erarbeitet.

Dass die Kollegen von DrEd mit großer Sorgfalt vorgehen, hofft auch Oesterreich: „Bei DrEd wird ganz konkret therapiert, werden Rezepte ausgestellt. Das ist ein Eingriff in die körperliche Integrität, bei der man sehr genau hinschauen sollte“, sagt der BZÄK-Vizepräsident.

Meinertz beteuert jedoch das differenzierte Vorgehen seiner Firma: „Wir betrachten die Ferndiagnose nicht als unproblematisch und verhalten uns deswegen in der Auswahl der Sprechstunden und der Patienten sehr restriktiv.“ Chronisch Kranke würden bei DrEd nur behandelt, wenn sie gut eingestellt seien. Menschen mit schwerwiegenden Vorerkrankungen oder anderen Risikofaktoren seien „nicht die richtigen Patienten“ für die Onlinepraxis. Darüber hinaus sei die Verschreibung von Medikamenten wie Steroiden, Narkotika oder Antidepressiva laut Geschäftsführer tabu. „Davon halten wir uns bewusst fern, weil darin ein sehr hohes Missbrauchspotenzial liegt“, sagt er.

Onlineangebot vergisst menschliche Interaktion

Für Oesterreich bleiben kommerzielle Onlinepraxen wie DrEd trotzdem ein Risiko, auf das Zahnärzte und Ärzte hinweisen sollten. „Man darf nicht vergessen, dass sich bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen zwei Menschen begegnen“, sagt der Vizepräsident der BZÄK. „Das geht nicht auf der Ebene von Verkäufer und Käufer, sondern hier geht es um direkte menschliche Interaktion – das lässt sich durch Onlineangebote wie DrEd nicht ersetzen.“

Susanne Theisen

Freie Journalistin in Berlin

info@susanne-theisen.de


INFO

Die Auflagen für DrEd

Die von der Health Bridge Limited betriebene Onlinepraxis DrEd unterliegt nicht der deutschen Berufsordnung für Ärzte. Für das von Deutschen in London betriebene Unternehmen gelten die englischen Regelungen, die im Internet nachgelesen werden können:

• Health and Social Care Act 2008, www.tinyurl.com/4yszqqe

• Good Medical Practice Guidelines,www.tinyurl.com/yk5c9vu