Mythos Club 27

Die Guten sterben jung

„I hope I die before I get old“ sang Roger Daltrey von The Who einst im legendären „My Generation“. Einige seiner Musikerkollegen machten dieses Schicksal wahr und schieden früh aus dem Leben, bevorzugt im Alter von 27 Jahren. Zufall oder mehr – dieser Frage ist ein Forscherteam nun wissenschaftlich nachgegangen.

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Kurt Cobain machte mit seiner Band Nirvana Anfang der 1990er-Jahre Grunge zur dominierenden Rock-Spielart. Das Album „Nevermind“ verkaufte sich bis heute über 30 Millionen Mal. Cobain war als Kind hyperaktiv und wurde mit Ritalin behandelt. Später kämpfte er mit Depressionen und seiner Drogenabhängigkeit, er nahm unter anderem Heroin und Beruhigungsmittel. 1994 erschoss sich Cobain in seinem Haus in Seattle mit einer Schrotflinte. In seinem Abschiedsbrief zitierte er Neil Young: „It’s better to burn out than to fade away.“ Foto: picture alliance
Jimi Hendrix gilt wegen seiner damals innovativen Spielweise als einer der einflussreichsten Rockmusiker. Das Magazin „Rolling Stone“ kürte ihn zum besten Gitarristen aller Zeiten. 1969 trat Hendrix beim Woodstock Festival auf, wo er seine legendäre Version der US-Nationalhymne „The Star-Spangled Banner“ spielte. Im Laufe der Jahre wurde Hendrix’ Drogenkonsum immer exzessiver, zudem litt er unter Depressionen. 1970 erstickte er in einem Londoner Hotelzimmer an seinem eigenen Erbrochenen infolge eines Cocktails aus Alkohol und Schlaftabletten. Foto: picture alliance

DIe britische Soulsängerin Amy Winehouse wurde im Juli 2011 das neueste Mitglied im sogenannten Club 27 – einer Riege von Musikern, die in eben jenem Alter verstorben sind. Dazu zählen unter anderen auch Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain und Janis Joplin. Die Zahl der Musiker, die mit 27 starben, sei höchst bemerkenswert, schreibt der Cobain- und Hendrix-Biograf Charles R. Cross in einem Beitrag für die Onlinezeitung „Seattle P-I“. Doch hält der Mythos des Club 27 einer genauen Untersuchung stand?

So Why So Sad

Ein Forscherteam unter der Leitung von Adrian Barnett von der australischen Universität Queensland hat sich nun erstmals wissenschaftlich dem Phänomen genähert. Die Forscher wollten herausfinden, ob es wirklich eine signifikante, statistisch nachweisbare Häufung von Todesfällen bekannter Musiker in besagtem Alter gibt. Dafür konzentrierten sie sich auf Künstler, diezwischen 1956 und 2007 mindestens einmal auf Platz eins der britischen Album-Charts standen – insgesamt 1 046 Personen. Ein besonderer Fokus wurde dabei auf jene 522 Musiker gelegt, die schon vor ihrem 27. Geburtstag zu Berühmtheit gelangt waren und so nach Ansicht der Wissenschaftler einem erhöhten Todesrisiko ausgesetzt gewesen sein müssten. Mit der Einschränkung des Nummer-1-Albums fielen auch Hendrix, Joplin und Morrison aus der Untersuchung heraus, da sie nie an der Spitze der britischen Charts standen. Schlussendlich, nach der Auswertung der Todeszeitpunkte der Musiker, kommen die Forscher in ihrer im „British Medical Journal“ veröffentlichten Studie zu dem Ergebnis, dass es keine signifikante Häufung von Todesfällen im Alter von 27 Jahren gibt. Der Club 27 basiere auf einem Mythos, fassen die Forscher ihre Untersuchung zusammen.

Riders On The Storm

Doch die Wissenschaftler haben einige interessante andere Aspekte herausgefunden. Das Risiko, im Alter zwischen 20 und 40 Jahren zu sterben, liegt für einen Berufsmusiker zwei- bis dreimal höher als für die Durchschnittsbevölkerung. Die Forscher führen das auf den exzessiven „Rock-’n’-Roll-Lebensstil“ mit viel Drogen und Alkohol zurück. „Die Sängerin, die Millionen Herzen gewann aber es nicht schaffte, von Drinks und Drogen zu lassen“, schrieb beispielsweise der britische „Independent“ in seinem Nachruf über Amy Winehouse.

Vor allem in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren kam es gehäuft zu Todesfällen in der Altersspanne zwischen 20 und 40, während es in den späten 1980ern keine Todesfälle gab. Das hat laut dem Wissenschaftlerteam zwei mögliche Gründe: Zum einen wurden die Behandlungsmethoden bei Heroinüberdosen besser, zum anderen wurde Rock vom weniger ausschweifenden Pop als dominierendes Genre abgelöst.

You Know I’m No Good

Die Ergebnisse sollten international von Interesse sein, heißt es in der Studie. Musiker trügen in hohem Maß zur Lebensqualität vieler Menschen bei. Deshalb sollte man sie so lange wie möglich am Leben und Arbeiten halten. Der Pophistoriker und Autor Thorsten Schatz glaubt, dass heutzutage das Todesrisiko für junge Musiker wahrscheinlich gesunken ist: „Die junge Stars sind sich sicherlich mehr als früher bewusst, was es heißt, Drogen zu nehmen, Alkohol eingeschlossen. Was bei exzessivem Konsum passiert, wissen die Musiker aus der Vergangenheit.“ Eine Gefahr für die Musiker bestehe laut dem Pophistoriker aber immer noch, weil sie sich mit einem unmäßigen Interesse an ihrer Person konfrontiert sähen, mit vielen Terminen und Auftritten. Zudem sei der Konkurrenzdruck extrem hoch. Trotz der statistischen Widerlegung der gehäuften Musikertode im Alter von 27 wird der Mythos um den Club wohl weiterleben, weil Kunst und Tragik im Leben der Protagonisten so dramatisch zusammenfielen.

Die Club-27-Mitglieder zeichneten sich durch die Intensität ihrer Musik, ihrer Performance und letztlich ihres Lebens aus, sagt Schatz. „Daher wird man nicht nur durch besagtes Zahlenspiel auf sie aufmerksam, sondern auch, weil in ihren Biografien künstlerische Größe, Erfolg, Sehnsüchte, Leidenschaft und die Tragik eines frühen Todes zusammenkommen – und das alles in nur 27 Jahren. Das ist es, was die Menschen an diesem Club fasziniert.“ eb

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