Die klinisch-ethische Falldiskussion

Abgebrochene Feile im Wurzelkanal

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Mit bloßem Auge nicht eindeutig sichtbar: Der Spezialist wäre gut beraten gewesen, im Rahmen einer umfassenden Anamnese auch ein Ausgangs-Röntgenbild anzufertigen. Foto: DentImages-zm

Kommentar 2

 

Im vorliegenden Fall ist entscheidend, wie mit dem unerwünschten Zwischenfall einer Instrumentenfraktur bei der endodontischen Behandlung (Zahn 37) im Kontext einer Überweisung umgegangen wurde. Es kommt maßgeblich darauf an, dass der Patientin klar vermittelt wird, dass ein solcher Zwischenfall keineswegs als Behandlungsfehler oder gar als ein grober „Kunstfehler“ anzusehen ist, sondern dass dieser selbst sehr erfahrenen, ausgewiesenen Spezialisten unterlaufen kann. So wirbt ein namhafter Instrumentenhersteller für sein „Endo-Rescue-Kit“ explizit mit der Begründung, die Frakturrate habe im Zeitalter maschineller Aufbereitung zugenommen – ein deutlicher Hinweis auf das nach wie vor bestehende Risiko einer abgebrochenen Endodontie-Feile.

In diesem Fall ist dem Erstbehandler nicht aufgefallen, dass eines seiner Instrumente im Kanal gebrochen war. Das sollte nicht vorkommen, wenn man sorgfältig arbeitet und jedes Instrument wiederholt auf seine Länge prüft. Dies ist dem Erstbehandler hier also durchaus vorzuwerfen: Er hätte den Bruch sofort erkennen und der Patientin auch mitteilen müssen.

Die Überweisung zum Spezialisten ist des ungeachtet als eine gute Entscheidung im Sinne einer verantwortungsbewussten, „befundadäquaten“ Behandlung anzusehen, wie sie letztlich einem jeden Patienten zusteht: Der Hauszahnarzt hatte wohl erkannt, dass er den Zahn nicht hinreichend aufbereiten konnte und daraus die richtige Konsequenz gezogen (und damit auch auf GKV-Umsatz verzichtet).

Die Entscheidung des Hauszahnarztes, zunächst eine Aufbereitung zu versuchen, war richtig. Er hätte die Instrumentenfraktur allerdings bemerken müssen. Die idealtypische, fachlich korrekte und ethisch verantwortliche Vorgehensweise hätte danach folgendermaßen ausgesehen:

Die Patientin wäre zunächst – möglichst anhand einer Röntgenaufnahme – aufgeklärt worden. Hierbei hätte der Zahnarzt auf seine initiale Aufklärung über die Risiken der endodontischen Behandlung Bezug nehmen können, da zu dieser auch die Aufklärung über einen möglichen Instrumentenbruch gehört. Zugleich hätte er deutlich machen können, dass man derartige Fragmente oftmals gut entfernen kann. Danach wäre eine Überweisung – zur Fragmententfernung und Weiterbehandlung – unter Beigabe des Röntgenbildes sinnvoll gewesen.

So aber sieht der Hauszahnarzt möglicherweise einer juristischen Auseinandersetzung entgegen. Hierbei könnte sich zeigen, dass nicht die Fraktur als Fehler einzustufen ist, sondern der Umstand, dass diese nicht bemerkt und nicht kommuniziert worden ist. Das kann Schmerzensgeldforderungen nach sich ziehen, die in aller Regel von der Haftpflichtversicherung getragen werden.

Vor diesem Hintergrund sind die konkreten Fragen folgendermaßen zu beantworten:

 

  1. Ja, das Verhalten des Endodontie-Spezialisten kann als wenig kollegial angesehen werden.
  2. Es wäre ratsam gewesen, zunächst Rücksprache mit dem Hauszahnarzt zu halten – auch um zu klären, ob diesem die Instrumentenfraktur tatsächlich nicht aufgefallen war oder ob er diesen heiklen Punkt nicht anzusprechen wagte.
  3. Eine Patientenaufklärung ist in solchen Fällen ohne Alternative, und sie muss zudem zeitnah erfolgen.
  4. Der Spezialist hat zwar nicht „diffamiert“, aber seinen Kollegen durch eine offensichtlich unglückliche, nicht hinreichend sensible Gesprächsführung in ein schiefes Licht gerückt. Insofern hat er auch die heftige Reaktion der Patientin mitverursacht. Er hätte den Verdacht eines „Behandlungsfehlers“ des Hauszahnarztes gar nicht erst aufkommen lassen sollen.
  5. Er hätte erst den Hauszahnarzt kontaktieren sollen, um dann die Patientin zu informieren, dass hier ein Instrumentenbruch vorgefallen sei, der niemals ganz ausgeschlossen werden könne.

 

Derartige Fälle landen leider immer öfter vor Gericht. Häufig beanstandet das Gericht eine mangelnde Aufklärung (wobei im vorliegenden Fall allerdings von einer initialen Aufklärung über die Risiken der endodontischen Behandlung berichtet wird) und gewährt unter Umständen ein Schmerzensgeld, ohne das Verhalten jedoch als Behandlungsfehler einzuordnen.

Paul Schmitt, Frankfurt

Korrespondenzadressen:

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Universitätsklinikum der RWTH Aachen
Wendlingweg 2
52074 Aachen
gte-med-sekr@ukaachen.de

Dr. med. dent. Paul Schmitt
Liederbacher Str. 17
65929 Frankfurt am Main
dr.paul_schmitt@web.de

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Hans Jörg Staehle
Dr. med. dent. Johannes Mente
Poliklinik für Zahnerhaltungskunde
MZK-Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg
hans-joerg.staehle@med.uni-heidelberg.de
johannes.mente@med.uni-heidelberg.de


 

INFO

Medizinethik

Die vier Prinzipien ethischer Entscheidungen nach Beauchamp/Childress:

Respekt vor der Patientenautonomie (Autonomieprinzip)

• Prinzip der Non-Malefizienz (Nichtschadensgebot)

• Benefizienz-Prinzip (Gebot des ärztlichen Wohltuns)

• Gebot einer gerechten Behandlung (Gerechtigkeitsprinzip)

Richtig oder falsch? Ein Behandlungsplan ist nicht in Stein gemeißelt. Auf dem Weg zu einer konsentierten Therapieplanung liegen dennoch oftmals viele Stolpersteine, die alle Beteiligten gemeinsam aus dem Weg schaffen sollten.

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