OECD-Studie

Arbeit auf der Kippe

Die aktuelle Studie „Sick on the Job? Myths and Realities about Mental Health and Work“ der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beschäftigt sich mit der Arbeitsrealität von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Sie stehen öfter in Lohn und Brot als gedacht – verlieren ihre Jobs aber auch schneller.

Foto: MEV

Für den Report wurden Daten von Haushaltsbefragungen aus zehn OECD-Staaten ausgewertet – Deutschland war nicht darunter. Ergebnis: Jeder fünfte Arbeitnehmer leidet unter einer psychischen Störung. Diese äußert sich meist in Depressionen und Angstzuständen. Die meisten Erkrankungen nehmen aber einen moderaten Verlauf, schwere psychische Probleme kommen seltener vor (Verhältnis 75 zu 25 Prozent). Überdurchschnittlich gefährdet sind junge Erwachsene, Frauen und Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau.

Drei Viertel der Betroffenen geben an, dass sie sich in ihrer Produktivität beeinträchtigt fühlen. Zudem leide das Arbeitsklima. Viele wissen auch nicht, wie sie mit ihrer Erkrankung umgehen sollen.

Von Jobverlust bedroht

Die Studie widerlegt teilweise den Mythos, Menschen mit psychischen Problemen könnten nur schwer am regulären Arbeitsmarkt teilhaben – immerhin 55 bis 70 Prozent der Erkrankten gehen einer Arbeit nach. Allerdings liegt die Beschäftigungsquote damit immer noch zehn bis 15 Prozentpunkte unter der von Menschen ohne psychische Störung.

Die Gefahr, arbeitslos zu werden, ist bei Erkrankten fast doppelt so hoch. Auch die Schwierigkeiten, einen Job zu finden, sind größer. Zudem gehen sie überdurchschnittlich häufig einer Beschäftigung nach, die unter ihren tatsächlichen Fähigkeiten liegt, was zu mentalem Stress führen kann.

Arbeitnehmer mit psychischen Problemen fehlen an ihrem Arbeitsplatz häufiger (32 zu 19 Prozent Abwesenheit) und länger (6 zu 4,8 Tage) als andere Arbeitnehmer. Viele lassen sich allerdings nicht krankschreiben, erscheinen aus Angst vor Jobverlust trotzdem an ihrer Arbeitsstelle und schaffen dann ihre Tätigkeit nicht mit voller Leistung. Knapp drei Viertel der psychisch erkrankten Arbeitnehmer geben an, in den vergangenen vier Wochen nur eine reduzierte Leistung erbracht zu haben.

Ein Drittel bis die Hälfte aller neuen Invaliditätsansprüche gingen mittlerweile auf psychische Krankheiten zurück, schreiben die Autoren um Christopher Prinz vom OECD-Direktorat für Arbeit, Beschäftigung und soziale Belange. Die wachsende Jobunsicherheit und der Druck am Arbeitsplatz könnten dazu beitragen, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren noch verschärft. Erwerbslosen Erkrankten fällt es zudem schwer, in den regulären Arbeitsmarkt zurückzufinden.

Ein Warnsystem gefordert

Nach Berechnungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) belaufen sich die gesamtgesellschaftlichen Kosten, die durch psychische Erkrankungen entstehen, auf drei bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU. Von diesen Zahlen ausgehend gibt die OECD politische Handlungsempfehlungen, um die Probleme, die durch psychische Störungen entstehen, eindämmen zu können:

Die Hauptaufgabe für die politischen Entscheidungsträger sehen die Studienautoren darin, eine Art Frühwarnsystem zu entwickeln, mit dem sich psychische Störungen rechtzeitig erkennen lassen, um somit zu verhindern, dass aus leichteren Problemen klinische Erkrankungen werden. Zurzeit gebe es ein fehlendes Bewusstsein, kaum Veröffentlichungen und mangelnde Behandlungen gerade von Jugendlichen – das Durchschnittsalter für den Beginn einer psychischen Störung liegt bei 14 Jahren. Das kann zu einer Abwärtsspirale aus schlechten schulischen Leistungen, dem Verlassen der Schule ohne Abschluss und schließlich bescheidenen Aussichten auf dem Arbeitsmarkt führen.

Schließlich wird von der OECD kritisiert, dass sich die Politik hauptsächlich auf die schweren psychischen Störungen konzentriert, obwohl die moderat verlaufenden Erkrankungen viel weiter verbreitet seien und dadurch auch höhere volkswirtschaftliche Kosten verursachten. eb


INFO

Die OECD

Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wurde 1961 gegründet. In ihr sind 34 Staaten organisiert, die sich zu Demokratie und Marktwirtschaft bekennen. Ihre Ziele sind nach eigenen Angaben:

• Förderung nachhaltigen Wirtschaftswachstums

• höhere Beschäftigung

• Steigerung des Lebensstandards

• Sicherung finanzieller Stabilität

• Unterstützung der Entwicklung anderer Länder

• Wachstum des Welthandels