Umfrage zu den Arbeitsbedingungen in Mecklenburg-Vorpommern

Was Zahnärztinnen wollen

Eine von der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern initiierte Umfrage zielt darauf ab, die spezifischen beruflichen und persönlichen Probleme von Zahnärztinnen in dem nordöstlichen Bundesland zu erfassen, um daraus berufspolitische Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Die Zahnärztinnen in Mecklenburg-Vorpommern sind überdurchschnittlich häufig langjährig im Beruf tätig – jede Fünfte pflegt nebenbei noch Angehörige. Die jungen Kolleginnen wünschen sich bessere Betreuungsmöglichkeiten und Anreize zur Niederlassung seitens der Zahnärztekammer. Foto: MEV

Abbildung 1: Altersverteilung der Teilnehmerinnen der Umfrage
Mitautorin Dr. Angela Löw (links) mit einer Assistentin bei einer Behandlung in der Praxis (in der sie als angestellte Zahnärztin tätig ist). Foto: A. Löw
Abbildung 2: Gründe für Unzufriedenheit mit der beruflichen Situation
Abbildung 3: Vorschläge zur Verbesserung des Wiedereinstiegs

Prognosen des Instituts Deutscher Zahnärzte (IDZ) weisen darauf hin, dass im Jahr 2017 die Hälfte aller Zahnärzte in Deutschland weiblich sein wird. In Mecklenburg-Vorpommern beträgt der Anteil von Zahnärztinnen bereits seit Jahren etwa 60 Prozent. Neben Brandenburg nimmt Mecklenburg-Vorpommern damit bundesweit einen Spitzenplatz ein. Vergleichbare Umfragen gab es bisher in Bayern und in Hamburg. Beide Bundesländer weisen jedoch einen weit geringeren Anteil an Zahnärztinnen auf. Zwischenzeitlich hat sich die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) in einem Memorandum zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf grundsätzlich positioniert und Handlungsfelder aufgezeigt.

Die Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern orientierte sich bei der Erstellung des Fragebogens an den Vorlagen aus Hamburg und aus Bayern und nutzte darüber hinaus methodische Ansätze des IDZ. Somit wurde die Umfrage empirisch so gestaltet, dass die Ergebnisse mit denen aus den Kammerbezirken Hamburg und Bayern verglichen werden konnten. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass Mecklenburg-Vorpommern historisch betrachtet schon immer einen besonders hohen Anteil an Zahnärztinnen besaß.

Die Rücklaufquote des Fragebogens ist mit 45,1 Prozent im Vergleich zu den Umfragen in Bayern (31 Prozent) und in Hamburg (42 Prozent) beachtlich. Die große Beteiligung zeigt, wie wichtig den Kolleginnen dieses Thema ist. 65 Prozent der Teilnehmerinnen waren älter als 45 Jahre (Abbildung 1).

Die vereinzelt geäußerte Kritik an der Ausgestaltung des Fragebogens – man beschäftige sich nur mit Problemen jüngerer Zahnärztinnen – ist zwar ernst zu nehmen, die konkrete Gestaltung ist jedoch beabsichtigt, um die Vergleichbarkeit der Umfrage zu gewährleisten.

Im Gegensatz zur bayerischen (30 Prozent Frauenanteil über 45) und zur Hamburger (40 Prozent Frauenanteil über 45) Studie wurde der Fragebogen der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern überproportional von langjährig tätigen Zahnärztinnen beantwortet.

Auch ältere Zahnärztinnen mit einer Doppelbelastung

Die Probleme dieser Gruppe resultieren unter anderem aus dem Umstand, dass 19,6 Prozent der Befragten die Pflege von Angehörigen übernommen haben. Diese Tatsache erklärt die damit einhergehende Suche nach Assistenten beziehungsweise angestellten Zahnärzten zur Entlastung. Ferner wurde deutlich, dass sich die Kolleginnen in der Phase der Praxisabgabe beziehungsweiseübergabe Unterstützung seitens der Kammer wünschen.

Durchschnittlich waren die Teilnehmerinnen 22,7 Jahre im Beruf tätig. Die Einzelpraxis ist zu über 60 Prozent die vorherrschende Berufsausübungsform. In Berufsausübungsgemeinschaften arbeiten 16 Prozent der Teilnehmerinnen. Nur 6,6 Prozent sind angestellt tätig.

Die Berufstätigkeit der Zahnärztinnen ist durch eine hohe Arbeitsbelastung gekennzeichnet. Der durchschnittliche Zeitaufwand einer niedergelassenen Kollegin für Behandlung, Verwaltung und Fortbildung beträgt wöchentlich 42,2 Stunden. Die jüngeren angestellten Zahnärztinnen arbeiten im Durchschnitt 33,6 Stunden pro Woche.

Etwa 70 Prozent der Kolleginnen arbeiten allgemeinzahnärztlich ohne weitere Schwerpunkte. Ein Fünftel hat einen oder mehrere Tätigkeitsschwerpunkte gewählt, etwa acht Prozent führen eine Fachzahnarztpraxis. Bei den Praxen mit Schwerpunkten werden vorwiegend Fachgebiete wie die Parodontologie, die Kinderzahnheilkunde und die Prothetik benannt.

Bei den Fortbildungsaktivitäten wird die allgemeine zahnärztliche Fortbildung präferiert. Darüber hinaus nimmt ein nicht unerheblicher Anteil an Fortbildungen in Schwerpunkten, an Qualitätszirkeln sowie an curricularen Fortbildungsmaßnahmen teil. Fast 50 Prozent der Zahnärztinnen wenden jährlich zwischen 21 bis 50 Stunden für Fortbildungen auf.

Über 85 Prozent der Befragten stellten eine gute Vereinbarkeit der Fortbildungen mit Berufstätigkeit und Familie fest. Als Vorschläge zur Verbesserung wurden vorwiegend Fortbildungsaktivitäten in der Woche und an dezentralen Standorten benannt. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse ist im Fortbildungsausschuss verstärkt über eine regional breitere Verteilung der Fortbildungsangebote nachzudenken. Darüber hinaus wird von jüngeren Kolleginnen im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen auch eine Kinderbetreuung gewünscht. Solche Bedarfe sollen zukünftig von der Zahnärztekammer geprüft und entsprechende Angebote gemacht werden. 22,3 Prozent der Kolleginnen empfanden den Wettbewerb als sehr stark beziehungsweise stark.

Sehr lange Notdienste versus familiäre Pflichten

Die Erfüllung des Notdienstes wurde von 72,3 Prozent der Zahnärztinnen als unproblematisch angesehen. Ein Viertel schilderte jedoch, Angst vor Übergriffen im Notdienst und Probleme bei der Betreuung der eigenen Kinder während der Notdienstzeiten zu haben. Der 24-Stunden-Bereitschaftsdienst und die teilweise sehr langen Notdienstabschnitte über eine ganze Woche wurden von einigen als schwer vereinbar mit dem Familienleben beklagt.

Fast 90 Prozent gaben an, nicht berufspolitisch tätig zu sein. Interesse an der Berufspolitik äußerte jedoch weit über die Hälfte, wobei das Interesse mit den Jahren der zahnärztlichen Berufsausübung zunimmt. Hier sind noch große Potenziale ungenutzt. Nur wenn Frauen sich aktiv in die Berufspolitik einbringen, sei es auf Ebene der Kreisstellen oder der Kammerversammlung beziehungsweise deren Ausschüssen, können sie ihre spezifischen Interessen auch vertreten.

Für die Zukunft plant ein deutlicher Anteil der Teilnehmerinnen die Arbeitszeit zu reduzieren (24,9 Prozent). Sieben Prozent planen, die Berufstätigkeit zu beenden, ebenso viele Kolleginnen wollen die Praxisform verändern. Sechs Prozent stehen vor einer Praxisgründung. 37,1 Prozent gaben keine Veränderungsabsichten an.

Berufszufriedenheit ist nicht nur für die persönliche Lebensqualität, sondern auch im Hinblick auf eine hohe Qualität der zahnärztlichen Versorgung als auch für die Erfüllung der Aufgaben der zahnärztlichen Selbstverwaltung von zentraler Bedeutung. Fast 75 Prozent der Zahnärztinnen sind mit ihrer beruflichen Situation sehr zufrieden oder zufrieden. Als Gründe für eine Unzufriedenheit wurden zu viel Bürokratie, zu viel Arbeit beziehungsweise zu wenig Freizeit und die belastende Situation durch Budgets genannt (Abbildung 2). Auffällig ist, dass fast 46 Prozent über berufsbedingte gesundheitliche Beeinträchtigungen beziehungsweise Probleme berichteten. Diese bestehen als Folge der spezifischen Belastungssituation durch die zahnärztliche Tätigkeit vorwiegend in Beschwerden der Wirbelsäule, insbesondere der Halswirbelsäule beziehungsweise der Schulter.

Ein Drittel arbeitet auch im Mutterschutz

82,1 Prozent der Zahnärztinnen leben privat in einer festen Partnerschaft. 54,6 Prozent haben ein Kind, 38 Prozent zwei und sechs Prozent drei Kinder. Fast 20 Prozent der befragten Zahnärztinnen sind im Rahmen der Pflege von Angehörigen tätig. Auffällig ist, dass während der gesetzlichen Mutterschutzfristen ein Drittel der Zahnärztinnen weiterhin berufstätig war. Besonders kritisch hinterfragt wurde das gesetzliche Beschäftigungsverbot für schwangere angestellte Zahnärztinnen. Dies stellt besonders Berufsanfängerinnen oft vor das Problem, überhaupt eine Stelle zu finden. Notwendige Abwesenheiten der niedergelassenen Zahnärztinnen während der Schwangerschaft wurden vorwiegend durch Vertretungen innerhalb der Praxis (36 Prozent) beziehungsweise durch neu eingestellte Kollegen (15,6 Prozent) abgedeckt. 11,8 Prozent mussten allerdings auch zeitlich begrenzt die Praxis schließen beziehungsweise eine anderweitige Vertretung (11,3 Prozent) benennen. 40 Prozent der niedergelassenen und 50 Prozent der angestellten Kolleginnen nahmen Erziehungszeiten zwischen sieben und zwölf Monaten in Anspruch.

Die Betreuung von Kindern wird vorwiegend selbst, aber auch durch den Ehepartner, öffentliche Einrichtungen oder zusätzliche Personen vorgenommen. Erkrankte Kinder werden gleichermaßen durch die Zahnärztinnen selbst, durch die Lebenspartner oder durch bezahlte Personen betreut. 21,6 Prozent gaben an, Probleme beim Wiedereinstieg in die Praxis nach der Geburt ihrer Kinder gehabt zu haben. Eine Berufsaufgabe wurde jedoch in keinem Fall geäußert.

Betreuungseinrichtungen sollten länger öffnen

Um die Probleme beim Wiedereinstieg, die insbesondere durch die unzureichende Absicherung der Betreuung der Kinder entstehen, lösen zu können, wünschen sich die Befragten längere Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen, finanzielle Unterstützung beziehungsweise Entlastung als auch die Reduktion von Arbeitszeiten oder Teilzeitbeschäftigungsmöglichkeiten. Darüber hinaus wurde auch der Wunsch nach einer Befreiung vom Notdienst geäußert (Abbildung 3). Von 8,1 Prozent der Kolleginnen wurden Wiedereinstiegsprogramme in Form von fachlicher Unterstützung, betriebswirtschaftlichen und Praxisführungsseminaren angeregt.

Die Äußerungen machen deutlich, dass eine Anpassung der Öffnungszeiten der Kindertagesstätten an die Praxiszeiten und die Möglichkeit einer Ganztagsbetreuung von Schulkindern insbesondere für junge Mütter wichtig sind. Die Selbstverwaltung ist gefordert, Gespräche mit den Städten und Gemeinden zur Lösung dieser Problemlagen zu führen. In größeren Städten wären sogar Initiativen zur Schaffung eigener Betreuungseinrichtungen – auch mit vergleichbaren Berufsgruppen – denkbar.

87 Prozent wollen Beruf und Familie vereinbaren. Das „Management“ der Vereinbarkeit wird dabei von über 80 Prozent als sehr belastend eingeschätzt. Selbstständige Zahnärztinnen gaben deutlich häufiger als die übrigen Befragten „sehr große Belastung“ an. Hilfe im Haushalt bei der Bewältigung aller Aufgaben und zur eigenen Entlastung nimmt aber nur etwas mehr als ein Drittel in Anspruch.

Mehr Hilfestellung durch die Kammer erwünscht

Assistentinnen und angestellte Zahnärztinnen forderten mehr Unterstützung durch die Zahnärztekammer. Dabei wurde auch deutlich, dass momentan nur geringe Anreize für junge Zahnärztinnen zur eigenen Niederlassung bestehen.

Work-Life-Balance Älterer – neues Arbeitsthema

Als Ergebnis der Umfrage im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist festzustellen, dass die berufliche und private Belastung der Zahnärztinnen mit langjähriger beruflicher Tätigkeit bisher weder im Fokus von Befragungsstudien noch der Wahrnehmung der Öffentlichkeit beziehungsweise Selbstverwaltung stand. Tendenziell zeigt sich, dass die Arbeitszeit und damit die für die Versorgung der Bevölkerung zur Verfügung stehende zahnärztliche Behandlungszeit mit zunehmendem Lebensalter sinken. Die sich daraus möglicherweise ergebenden Probleme in der zahnärztlichen Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere im ländlichen Raum, bedürfen einer weiteren Analyse durch Erhebungen zur Altersstruktur der Zahnärzteschaft in den einzelnen Regionen.

Bei den jungen Kolleginnen zeigen sich bei den dargestellten Problemen und den artikulierten Forderungen zur Bewältigung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ähnliche Ergebnisse wie in Hamburg und in Bayern. Wesentliches Handlungsfeld ist die Verbesserung der Kinderbetreuung für Zahnärztinnen – aber auch für Mitarbeiterinnen.

Der Aufbau von Netzwerken für den flexiblen Einsatz von Zahnärztinnen respektive ihren Mitarbeiterinnen wird als Lösungsansatz benannt und ist für die Selbstverwaltung eine Aufgabe für die nahe Zukunft. Darüber hinaus wird deutlich, dass die Selbstverwaltung zukünftig stärker auf eine Interaktion mit den Städten und Gemeinden angewiesen ist, um Probleme zu bewältigen. Dies gilt einerseits für die Erfassung von Problemen bei der zahnärztlichen Versorgung als auch für die Suche nach Lösungsmöglichkeiten für eine bessere Kinderbetreuung. Vorrangiges Ziel muss sein, die Umfeldbedingungen für junge Zahnärztinnen zu verbessern. Darüber hinaus müssen zukünftig möglicherweise auftretende Versorgungsprobleme insbesondere im ländlichen Raum durch die Belastungssituation von langjährig tätigen Zahnärztinnen wahrgenommen und entsprechende Lösungsansätze diskutiert werden. Die vorliegende Umfrage bietet hierfür einen Ansatz und reiht sich damit maßgeblich in die Diskussion zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf für den zahnärztlichen Berufsstand ein.

Prof. Dr. Dietmar Oesterreich

Präsident der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern

Dr. Angela Löw

Referentin für Prävention, Alters- und Behindertenzahnheilkunde und die Belange der Zahnärztinnen bei der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern

angela.loew@t-online.de

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