Alkohol und Medikamente

Suchtgefahr steigt mit dem Alter

Die fröhliche Großmütter-Runde, bei der gerne ein Gläschen Eierlikör getrunken wird – dieses Klischee kennt jeder. Doch Alkohol und auch Medikamente sind für eine steigende Zahl von Senioren ein echtes Suchtproblem. Lange haben Gesellschaft und Politik das Thema nicht erkannt. Nun entwickelt sich langsam ein Bewusstsein für die Problematik. Allerdings muss noch viel getan werden – auch von der Politik.

Einsamkeit kann ein Grund sein, dass Menschen auch im fortgeschrittenen Alter noch zu trinken beginnen. Foto: picture alliance

Die demografische Entwicklung stellt nicht nur Arbeitsmarkt und Sozialsysteme vor Herausforderungen, auch im Gesundheitsbereich stellen sich neue Fragen. Hier rückt der Missbrauch von Rauschmitteln durch Senioren zunehmend in den Fokus bei der Suchtbekämpfung. „Alkohol und psychoaktive Medikamente sind ein gravierendes Problem, auch und gerade unter älteren Menschen“, erklärt Dr. Rüdiger Meierjürgen, Leiter Prävention der Barmer GEK.

Die Bedeutung von Suchterkrankungen im Alter „nimmt erheblich zu“, hat auch die Bundesregierung in ihrer im Februar 2012 verabschiedeten „Nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik“ erkannt. Es gebe eine wachsende Zahl älterer Menschen mit höherem Konsum oder sogar Missbrauchsverhalten und eine zunehmende Zahl von Abhängigen. Das betreffe insbesondere den Alkohol- und den Medikamentenkonsum.

Nach Erkenntnissen des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) liegt der Hauptauslöser für Medikamenten- und Alkoholmissbrauch im Alter in einem einschneidenden Lebensereignis wie dem Übertritt aus dem Berufsleben in den Ruhestand oder dem Verlust des Lebenspartners.

Die Konzentration steigt

Menschen ab 65 Jahren können Alkohol schlechter abbauen als jüngere Menschen. Grund ist eine veränderte Physiognomie mit höherem Fett- und geringerem Wasseranteil. Dadurch wird schneller eine höhere Alkoholkonzentration im Blut erreicht, das heißt die Auswirkungen von Alkohol zeigen sich schneller. „Viele rechnen nicht damit, dass sie im Alter weniger vertragen und konsumieren weiter wie in jüngeren Jahren“, bemerkt Gabriele Bartsch, stellvertretende Geschäftsführerin der „Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen“ (DHS). Dadurch steige auch die Gefahr von Stürzen.

Laut Erkenntnissen der Organisation haben 28 Prozent der Männer und 18 Prozent der Frauen in der Altersgruppe 65+ einen gesundheitsriskanten Alkoholkonsum. Sie schätzt deren Gesamtzahl auf 400 000 Personen. Im Jahr 2010 wurden bundesweit knapp 8 000 Senioren ab 65 aufgrund alkoholbedingter psychischer und/oder Verhaltensstörungen in einer Klinik stationär behandelt. Das entspricht einer Steigerung um fast 190 Prozent im Vergleich zum Jahr 2000.

Nach Bartschs Ansicht hat dieser immense Anstieg neben der demografischen Entwicklung auch mit einer zunehmenden Vereinsamung älterer Menschen zu tun. „Manche fangen erst im Alter zu trinken an und benutzen den Alkohol als eine Art Trostpflaster. Früher waren Senioren mehr in die Familie eingebunden, heutzutage nimmt die Einsamkeit in dieser Altersgruppe immer mehr zu.“ Die höheren alkoholbedingten Behandlungsraten hätten aber auch mit einer größeren „gesamtgesellschaftlichen Sensibilisierung“ zu tun, sagt die DHS-Vertreterin. Durch eine häufigere mediale Berichterstattung über Alkoholvergiftungen werde heutzutage auch schneller ein Krankenwagen gerufen.

Die Medikamente triggern

Komplikationen können zudem durch eine mit dem Alkoholkonsum kombinierte Medikamenteneinnahme entstehen. Probleme drohen insbesondere dann, wenn Schlafmittel und Tranquilizer mit dem Wirkstoff Benzodiazepin – der selbst ein hohes Suchtpotenzial besitzt – bei Alkoholabhängigen zur Behandlung verordnet werden. Nach DHS-Angaben kann es vor allem bei älteren Menschen dadurch zu einer Verstärkung der Sucht kommen, zu Unkonzentriertheit, zu Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten und zu Bewegungsproblemen (mit der Folge von Knochenbrüchen).

Die Organisation schätzt die Zahl der Senioren, deren „Gebrauch“ psychoaktiver Medikamente mindestens Gewohnheitscharakter hat, auf ein bis zwei Millionen Menschen. Nach Angaben des BMG sind sieben Prozent aller Pflegeheimbewohner medikamentenabhängig. Bartsch fordert deshalb mehr Aufmerksamkeit bei der Medikamentenabgabe und -verabreichung, sowohl von Ärzten wie von Angehörigen und vom Pflegepersonal. „Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln oder Alkohol können zu unerwünschten und gefährlichen Nebenwirkungen führen. Durch einige Medikamente, die vor allem ältere Menschen nehmen, können sich Abhängigkeiten entwickeln.“ Entgegenwirken lasse sich diesem Problem durch eine regelmäßige Über- prüfung der Medikation, so Bartsch.

Die konsistente Linie fehlt

Inwieweit Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit unter älteren Menschen in Deutschland wirklich verbreitet sind, ist nicht klar – ist die Datenlage zu ungenau beziehungsweise basiert auf Schätzungen. Laut Antwort des BMG auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion Ende Mai betreuen 80 Prozent aller ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen auch Senioren mit Suchtproblemen.

Von einer konsistenten Linie der Bundesregierung, um der Problematik zu begegnen, kann keine Rede sein. Einerseits verweist sie in ihrer Antwort bei der Frage nach Präventionsmaßnahmen lediglich auf bekannte Programme der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die sich an die gesamte Erwachsenenbevölkerung richten. Auch Kooperationsprojekte zwischen BMG und anderen Ministerien oder den Ländern seien nicht geplant. Andererseits sieht sie in der praktischen Arbeit zur Bekämpfung der Suchprobleme von Senioren noch vielfältige Defizite. In der Nationalen Strategie heißt es: „Vieles deutet darauf hin, dass die bestehenden Beratungs- und Hilfsangebote der Suchthilfe nur sehr eingeschränkt für ältere Menschen geeignet sind. Beim Ausbau spezieller Hilfen für ältere Menschen besteht daher ein großer Handlungsbedarf.“

Dahingehend hat das BMG einen ersten Schritt unternommen. Seit Oktober 2010 bis September 2012 fördert das Ministerium acht Modellprojekte zur Qualifizierung von Fachkräften in der Alten- und Suchthilfe mit insgesamt 1,2 Millionen Euro. Die Sozialdemokraten sehen Prävention und Behandlung von Sucht im Alter finanziell aber noch lange nicht adäquat ausgestattet. Die Bundesregierung müsse hier eigene Mittel bereitstellen, fordert Angelika Graf, Drogenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion.

Insgesamt stelle die Nationale Strategie das Thema „Sucht im Alter“ zwar in den Vordergrund, präsentiere aber nicht die notwendigen Reaktionen, findet Bartsch. Man müsse auch auf Sensibilisierung setzen – also nicht nur auf die Sucht eingehen, sondern auch vor den gesundheitlichen Risiken warnen. „Man muss bei den heute 30- bis 50-Jährigen ein größeres Bewusstsein schaffen, dass der heute „normale“ Konsum oft schon ein gesundheitsriskanter Konsum ist.“

Die DHS-Vertreterin sieht in Zukunft sogar noch eine Zunahme der Suchtproblematik im Alter. „Die Jugendlichen beginnen immer früher zu trinken, immer mehr alkoholische Produkte sind auf Jugendliche ausgerichtet. Der riskante Konsum ist erhöht, und mit diesem Problem werden die Teenager dann alt.“ eb

INFO

Hilfe im Internet

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) bietet eine eigene Webseite zum Thema „Sucht im Alter“ an: www.unabhaengig-im-alter.de.

Dort findet man neben Erklärungen zur Wirkung von Alkohol und Medikamenten auf ältere Menschen auch Berichte von Betroffenen und Kontaktdaten von Beratungs- und Selbsthilfeeinrichtungen.