Konservierende Zahnheilkunde

Reattachement-Restaurationen von Schmelz-Dentin-Frakturen

Kombinationen aus Nano-Hybridkompositen und präparierter Anschrägung sind das Mittel der Wahl für die Wiederbefestigung von Zahnfragmenten bei unkomplizierten Kronenfrakturen.

Abbildung 1: Ausgangssituation nach primärer Versorgung eines avulsierten und frakturierten Zahnes 11.

Abbildung 2: Röntgenologischer Befund.
Abbildung 3: Zustand nach Reattachement-Restauration. Fotos: Gieren

Die Möglichkeiten bei der ästhetischen Restauration von Zahnfrakturen haben sich durch die Optimierung der adhäsiven Zahnmedizin in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Auch wenn restaurative Maßnahmen auf Kompositbasis zwar heutzutage ein Standardverfahren für die Behandlung klinischer Kronenfrakturen darstellen, hat die Weiterentwicklung der modernen Adhäsivtechnik auch die Möglichkeiten bei der Wiederbefestigung von Zahnfragmenten bei unkomplizierten Kronenfrakturen erweitert.

Die ästhetische Restauration von Zahnfrakturen mit Kompositen ist aber besonders in Notfällen problembehaftet, treten doch häufig Schwierigkeiten bei der exakten Farbabstimmung beziehungsweise Farbwahl auf. Ebenso haben Kompositrestaurationen den Nachteil einer geringeren Abrasionsresistenz im Vergleich zu Schmelz. Liegen unkomplizierte Schmelz-Dentin-Frakturen vor, und das abgebrochene Fragment des traumatisierten Zahnes ist noch vorhanden, ist durch die moderne Adhäsivtechnik die Wiederbefestigung des Fragments ein vielversprechendes, zeitsparendes und sehr ästhetisches Wiederherstellungsverfahren. Für die Wiederbefestigung dieses Fragments (auch Reattachement-Restauration genannt) gibt es unterschiedliche Techniken und Materialen, die in der folgenden Studie auf ihre biomechanischen Eigenschaften (Bruchfestigkeit) untersucht wurden. Ein ideales Material für ein derartiges Wiederbefestigungsverfahren muss einerseits gute Bruchfestigkeitswerte (Widerstand gegen Fraktur) aufweisen, um eine Ausbreitung von Fehlern oder Schwachstellen bei erneuter Belastung zu verhindern, andererseits muss es gleichzeitig eine gute Biokompatibilität und Haftfestigkeit aufweisen. Auch dürfen dabei keine gingivalen Irritationen hervorgerufen werden. Abgesehen vom adhäsiven Befestigungsmaterial spielt ebenso die Gestaltung der Präparation des Zahnes vor der Refixation des abgebrochenen Fragments eine entscheidende Rolle. Für die Prognose (Haltbarkeit) dieser Restaurationstechnik ist somit nicht nur eine feste Verbindung des Fragments mit dem Zahn bedeutend. Ebenso haben die Güte des Randbereichs und die Form der Präparation des im Mund verbliebenen Zahnanteils Einfluss auf die Langzeitstabilität der Restauration.

Die vorliegende Studie befasst sich mit dem Vergleich sowie der Bewertung der Bruchfestigkeit unter Verwendung verschiedener restaurativer Materialien und verschiedenen Formen der Präparation des Zahnanteils in situ bei der Wiederbefestigung von Fragmenten.

Studienaufbau

Insgesamt wurde bei 104 extrahierten oberen mittleren Schneidezähnen unter standardisierten Bedingungen mit einer Universal-Prüfmaschine eine Kronenfraktur herbeigeführt, um Frakturen gemäß der Ellis-Klasse II (Schmelz-Dentin-Frakturen mit intaktem Fragment) zu erhalten. Die Fragmente wurden anschließend unter Verwendung dreier unterschiedlicher Befestigungs beziehungsweise Restaurationsmaterialien (Bonding: Adper single Bond 2 (3M-Espe), kunststoffbasierter Befestigungszement: Rely-X ARC (3M-Espe), Nanokomposit: Filtek Z350 (3M-Espe)) refixiert. Des Weiteren wurden zwei unterschiedliche Möglichkeiten der Zahnvorbereitung vor Refixation verglichen. Gegenübergestellt wurden hierbei zum einen die einfache Wiederbefestigung des Fragments am Zahn nach Konditionierung mithilfe eines Bondings und zum anderen die Refixation nach Präparation einer Anschrägung entlang der Frakturlinie des Zahnes. Anschließend wurden die so restaurierten Zähne erneut unter standardisierten Bedingungen frakturiert. Die erhobenen Werte für die mittlere Bruchfestigkeit wurden statistisch für alle Gruppen mit Anova und Post-Hoc Turkey´s Test ausgewertet, verglichen und analysiert.

Ergebnis

In der Studie wurden die höchsten Werte für die Bruchfestigkeit bei Verwendung von Nano-Hybridkompositen in Kombination mit einer präparierten Anschrägung erzielt. Anhand der Ergebnisse konnte gezeigt werden, dass die Anschrägung der Frakturkanten eine statistisch signifikante Erhöhung der Bruchfestigkeitswerte ergab. Somit hat das Design beziehungsweise die Anbringung einer Anschrägung vor Wiederbefestigung des Zahnfragments mehr Einfluss auf die Stabilität als das Befestigungsmaterial. Die mechanischen Eigenschaften des Nano-Kom-posits in Form von erhöhter Fraktur- und Abrasionsresistenz, bei gleichzeitig verringerter Polymerisationsschrumpfung im Vergleich zu konventionellen Kompositen, stellen ebenso einen eindeutigen Vorteil dar. Das Anbringen einer Anschrägung im Bereich der Frakturlinie beeinflusst des Weiteren das Verhältnis von gebundener zu freier Oberfläche durch eine Vergrößerung der Oberfläche zur Materialapplikation (C-Faktor) positiv. Zu beachten ist jedoch der individuelle Zustand des Zahnfragments, insbesondere eine angemessene Lagerung des Fragments. Bei einer langen und trockenen Lagerung kann das Ergebnis durch die Dehydration ästhetisch zunächst beeinträchtigt sein. Bei multiplen, nicht reponierbaren oder fehlenden Bruchstücken sollte der Praktiker zu alternativen Kompositrestaurationen oder indirekt gefertigten Keramikrestaurationen greifen.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass eine Kombination aus präparierter Anschrägung entlang der Frakturlinie mit einer sich anschließenden Reattachement-Restauration unter Verwendung eines Nano-Hybridkomposits die höchsten Bruchfestigkeitswerte und somit die größte Stabilität ergibt und dass diese Technik im Sinne einer minimalinvasiven Zahnmedizin das heutige Mittel der Wahl darstellt.

Quelle: Megha Bhargava, Pandit IK, Srivastava N, Gugnani N, Gupta M: An evaluation of various materials and tooth preparation designs used for reattachment of fractured incisors. Dental Traumatology 2010;26:409-412.

Dr. Anna-Katharina Gieren
Charité-Universitätsmedizin Berlin
CharitéCentrum 3 für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Abteilung für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin/
Abteilung für Parodontologie und Synoptische Zahnmedizin
Aßmannshauser Str. 4-6
14197 Berlin
anna-katharina.gieren@charite.de

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