Arzneimittelversorgung in deutschen Kliniken

Engpässe inbegriffen

Deutsche Krankenhausapotheker schlagen Alarm. Über kurz oder lang, so ihre Befürchtung, könnten Lieferengpässe bei dringend benötigten Arzneimitteln die Patientenversorgung gefährden. Bislang lässt sich das Problem zwar noch nicht in konkrete Zahlen fassen, da keine Meldepflicht und somit keine Statistik existiert. Aber auch in der Ärzteschaft ist man zunehmend beunruhigt über die Knappheit von bestimmten Arzneimitteln, wie Zytostatika und Antibiotika. Das Bundesgesundheitsministerium sieht derweil noch keinen Handlungsbedarf.

Engpässe bei der Medikamentenlieferung an Krankenhäuser gibt es bisher nur in Ausnahmefällen, doch Experten warnen vor wachsenden Schwierigkeiten. Fotos: picture alliance

Rationierung von Arzneimitteln – davon ist Deutschland noch weit entfernt. Fotos: picture alliance

Lieferengpässe habe es durchaus auch in der Vergangenheit immer mal vereinzelt gegeben, erklärt Dr. Torsten Hoppe-Tichy, Präsident des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA). „In den letzten Jahren hat sich das Problem aber deutlich verschärft.“ Dies gelte vor allem für Zytostatika, die in der Krebsbehandlung eingesetzt werden, aber auch für andere Arzneimittelgruppen, wie Schmerzmittel, Antibiotika oder Medikamente zur Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Seines Wissens nach sei zwar noch kein Patient zu Schaden gekommen, meint Hoppe-Tichy, da die Krankenhausapotheken die Ausfälle bislang durch Kontingentierung oder alternative Präparate kompensieren konnten. Wenn Medikamentenhersteller und Lieferanten nicht gegensteuern würden, sei dies aber nur eine Frage der Zeit. „Und darauf sollten wir nicht warten“, mahnt der ADKA-Präsident. Als Gründe für die Verknappung nennt Hoppe-Tichy vor allem Produktions-, Qualitäts- und Beschaffungsprobleme.

Substanzen aus Drittländern

So werden nach Angaben des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA) nur noch etwa 20 Prozent der im EU-Markt für die Arzneimittelproduktion erforderlichen Wirkstoffe in der Europäischen Union produziert. Etwa 80 Prozent der benötigten Substanzen bezieht die Pharmaindustrie aus Drittländern, insbesondere China, Indien, Taiwan und Korea. „Gerät die Wirkstoffherstellung ins Stocken, ist die weltweite Arzneimittelproduktion gefährdet“, so Hoppe-Tichy.

Ähnlich problematisch sehe es aus, wenn eine Produktionsanlage defekt sei. Biopharmazeutika, sprich gentechnisch hergestellte Wirkstoffe und Medikamente, zum Beispiel würden häufig nur noch an einem oder wenigen Standorten produziert. „Das rührt daher, dass die Herstellung von Biopharmazeutika komplex ist und in großtechnischen Bioreaktoren abläuft, die hohe Investitionen erfordern“, so der VfA.

Biologische Arzneimittel wie zum Beispiel Impfstoffe seien daher von temporären Produktionsausfällen aufgrund der teilweise monatelangen und sehr komplexen Herstellungsprozesse sowie vergleichbar kurzer Haltbarkeit stärker gefährdet als chemische Arzneimittel, erklärt Oliver Ewald, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). „In der Regel kann allerdings für die Dauer des Produktionsausfalls auf Impfstoffe anderer Hersteller oder auf andere Kombinationen ausgewichen werden.“

Aus Sicht des BMG stellt sich das Problem der Arzneimittelverknappung hierzulande derzeit grundsätzlich nicht als gravierend dar. „In Deutschland hat es nach den vorliegenden Informationen bislang keine größeren Versorgungsprobleme mit Arzneimitteln gegeben“, sagt Ewald. Pharmazeutische Unternehmer und Großhändler seien zudem nach dem Arzneimittelgesetz verpflichtet, für eine kontinuierliche Bereitstellung der Arzneimittel zu sorgen, die sie in Deutschland in den Verkehr bringen. Hierzulande werden nach Angaben des BMG derzeit jedes Jahr über 1,6 Milliarden Packungen abgegeben. Das sind im Durchschnitt 4,5 Millionen Packungen pro Tag.

Schwierigkeiten nehmen zu

In der Ärzteschaft nimmt man das Problem dagegen bereits deutlich ernster. Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ), verweist auf Daten aus den USA, wonach die Versorgungsschwierigkeiten in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen haben. „In absehbarer Zeit werden wir in Europa vergleichbare Zustände bekommen“, mahnt Ludwig. Bei generisch hergestellten injizierbaren Zytostatika zeichne sich ein entsprechender Trend hierzulande sogar schon ab. Ursächlich hierfür seien vornehmlich Qualitätsmängel. Und auch in der Schweiz mehren sich Berichte über einen Mangel an Krebsmedikamenten mit der Folge, dass Chemotherapien abgebrochen werden müssten. Zwar will Ludwig in dem Zusammenhang noch nicht von Rationierung sprechen. Die Verknappung führe mitunter aber bereits zu einer gewissen Priorisierung von Leistungen.

Die zuständigen deutschen Behörden sollten nach Meinung von Ludwig nach dem Vorbild der USA die Transparenz über die Gründe der Lieferengpässe erhöhen, entsprechende Empfehlungen zu deren Beseitigung aussprechen sowie dafür Sorge tragen, dass die Inspektionen der Produktionsanlagen rasch erfolgen und dass die Pharmaindustrie ihrer Verpflichtung nachkommt, Arzneimittel, für die sie eine Zulassung bekommen hat, auch jederzeit in einem ausreichenden Maße bereitzustellen.

Petra Spielberg

Altmünsterstr. 1

65207 Wiesbaden

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