KZBV-Vertreterversammlung

Die Anwälte der Patienten

Am 21. Juni tagten die Delegierten der KZBV-Vertreterversammlung in Dresden. Ein zukunftsweisendes Datum. Ging es doch darum, die Diskussion über die programmatische Ausrichtung und Positionierung der KZBV für die nächsten Jahre anzustoßen. Eine Menge Input dazu lieferte der Vorstand bereits in seinem Bericht.

Gemeinsam sind wir stark: Die KZBV warb dafür, nach außen mit den KZVen weiterhin mit einer Stimme zu sprechen. Foto: Darchinger_KZBV

„Wir sind bereits mitten in der Auseinandersetzung um die Weichenstellungen für die nächste Legislaturperiode“, eröffnete der KZBV-Vorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz seine Rede. Die zahnärztliche Selbstverwaltung sei daher gefragt, im Diskurs Eckpunkte einer Zukunftsstrategie zu erarbeiten und im politischen wie öffentlichen Raum durchzusetzen. Fedderwitz: „Das war bisher ein wichtiger Teil unseres Erfolgs und sollte es weiterhin sein. Nur wenn wir an einem Strang ziehen, haben wir eine Chance, unsere Vorstellungen auch durchzusetzen.“

Strategien schmieden

Die Patienten stehen im Zentrum der Überlegungen: „Um ihre Mundgesundheit geht es uns, um ihre Betreuung mit qualitativ hochwertigen, zeitgemäßen und wohnortnahen zahnmedizinischen Dienstleistungen, um ihre individuelle Zufriedenheit“, verdeutlichte der KZBV-Chef. Der Patient müsse – in der Zahnmedizin mehr als in anderen Bereichen – zwischen Alternativtherapien frei wählen können. „Wir haben und brauchen heute den mündigen Patienten, der sich informiert, an Entscheidungen partizipiert und in der Behandlung damit zumindest teilweise zum Partner des Zahnarztes wird“, erörterte er. Möglich sei dies nur in einem geschützten Vertrauensverhältnis. Sein Fazit: „Ärzte und Zahnärzte sind deshalb die natürlichen Anwälte ihrer Patienten im Gesundheitswesen.“

Wenn jüngst vermehrt Vertreter der gesetzlichen Krankenversicherung diesen Part für sich beanspruchten, sei dies aus Sicht der KZBV befremdlich. „Krankenkassen behandeln keine Patienten, Krankenkassen heilen keine Krankheiten. Im Gegenteil: Krankenkassen sind in erster Linie daran interessiert, ihre finanziellen Spielträume zu erhalten“, veranschaulichte Fedderwitz. „Auch wenn wir von mündigen Patienten sprechen, heißt das nicht, dass wir sie alleine lassen können in ihrer neuen Rolle.“ In einem komplexer gewordenen Gesundheitswesen müssten die Zahnärzte die Patienten verlässlich aufklären und ihnen Orientierung geben. Die Zahnärzteschaft trage diesem Umstand unter anderem dadurch Rechnung, dass sie Patientenberatungsstellen unterhält und für den Bereich Zahnersatz eigens ein Zweitmeinungsmodell ins Leben gerufen hat: „Jedes Jahr werden Tausende von Beratungen durchgeführt“, sagte Fedderwitz und warb dafür, diese Gespräche nach Parametern einheitlich zu erfassen und auszuwerten, um diese Leistung mit belastbaren Zahlen sichtbar machen zu können.

„Wenn es darum geht, was wir für unsere Patienten in den vergangenen zwei Jahrzehnten medizinisch erreicht haben, brauchen wir uns ohnehin nicht zu verstecken“, so der Vorstandsvorsitzende. „Deutschland hat sich im internationalen Vergleich bei der Mundgesundheit längst zum Klassenprimus gemausert.“ Bei den Teenagern seien die Unterschiede zwischen Ost und West fast verschwunden: Der DMFT-Index liege in den alten Bundesländern bei 0,7, in den neuen mit 0,8 fast gleichauf.

Fedderwitz: „Unsere Vision ist, dass Menschen ihre natürlichen Zähne und damit ein hohes Maß an Lebensqualität bis zum Ende behalten.“ Voraussetzung dafür sei der mehrstufige Ausbau der zahnmedizinischen Präventionsstrategie. Ein wichtiges Feld: die Kariesentwicklung bei Kindern. Wie Fedderwitz erläuterte, geschehe in den ersten drei Jahren zu wenig: „Die Betreuung durch den Kinderarzt reicht nicht aus. Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass eine systematische Betreuung durch den Zahnarzt schon mit dem Durchbrechen des ersten Zahnes beginnen kann und damit zum frühestmöglichen Zeitpunkt das Fundament für ein zahngesundes Leben gelegt wird.“

Zentrales Thema für die Zahnärzteschaft sei die alternde Gesellschaft in Deutschland und damit die mit der demografischen Entwicklung häufiger auftretende altersassoziierte Wurzelkaries und Parodontalerkrankung. Fedderwitz: „Klar ist, dass wir hier eine Unterversorgung haben. Klar ist auch, dass die in der GKV angebotene Therapie nicht mehr zeitgemäß ist.“ Sie schließe den Patienten von bestimmten Elementen einer modernen Parodontaltherapie aus. „Selbst die Politik formuliert hier mittlerweile Handlungsbedarf und hat uns ganz klar aufgefordert, diese Defizite anzugehen“, betonte er.

Mit Blick auf das KZBV-Diskussionsforum skizzierte der stellvertretende Vorsitzende Dr. Wolfgang Eßer in dem Zusammenhang den Sachstand zum Konzept Alters- und Behindertenzahnmedizin. Er wies darauf hin, dass die Zahnärzte als erste Heilberufler den Mut hatten, die unzureichende Versorgung von alten und pflegebedürftigen Menschen zu thematisieren und anzugehen.

Bekanntes Kürzel

Eßer: „Wir haben mit unserem Konzept Lösungen präsentiert. Heute weiß jeder Gesundheitspolitiker etwas mit dem Kürzel „AuB“ anzufangen. Praktisch alle Parteien haben den Handlungsbedarf auf diesem Gebiet anerkannt.“ Grundsätzlich begrüße die KZBV daher die Initiativen des Gesetzgebers. Diese ersten Schritte, die mit dem Versorgungsstrukturgesetz und dem Pflege-Neuordnungsgesetz gemacht wurden, setzten darauf, durch neue Gebührenpositionen positive Anreize für die aufsuchende Betreuung von Pflegebedürftigen und Behinderten zu schaffen. Eßer: „Was fehlt, ist der Einstieg in ein konsequentes zahnärztliches Präventionsmanagement mit zusätzlichen vorsorgeorientierten Leistungen. Wir fordern den Gesetzgeber daher auf, diesen zentralen Baustein des Konzepts „Mundgesund trotz Handicap und hohem Alter“ umzusetzen.“

Für Eßer lässt sich eine gute Versorgung nur in einem System verwirklichen, in dem es Wettbewerb gibt. „Und zwar Wettbewerb unter fairen Bedingungen. Wettbewerb und Kontrolle, wie gerade vom GKV-Spitzen- verband gefordert, schließen sich aus.“

Wettbewerb unter Leistungsträgern brauche ein Fundament kollektivvertraglicher Leistungen und verlässlicher Gebührenordnungen. Selbstredend dürfe er nicht auf die Mediziner beschränkt, sondern müsse auch aufseiten der Kostenträger gegeben sein, und zwar in Form unterschiedlicher Versicherungssysteme und Krankenkassen. „Das bedeutet auch, dass die Bürgerversicherung keine Lösung sein kann“, unterstrich der KZBV- Vize. Die KZBV spreche sich hier für den Wettbewerb zwischen GKV und PKV aus. „Aber eine zukunftsfähige PKV muss sich reformieren. Wir brauchen keine PKV, die den dualen Weg verlässt und sich immer mehr GKV-Instrumente zu eigen macht“, konstatierte Eßer. „Auch ein Rollback der GKV in Richtung erneuter Regulierung und Entmündigung des Patienten lehnen wir ab“, bemerkte er. Der GKV gehe es allein um die Deckelung der Honorierung privater Leistungen. „Sie will die GOZ zugunsten einer einheitlichen Gebührenliste kippen. Wir können darauf nur eine Antwort haben: Wo die GKV kein Payer ist, kann sie auch kein Player sein“, brachte es Eßer auf den Punkt.

Die Zahnärzteschaft habe die Forderung nach mehr Wettbewerb mit dem Konzept der befundorientierten Festzuschüsse beantwortet. „Wir scheuen nicht den Wettbewerb um gute Qualität“, stellte er klar. „Was wir nicht wollen, sind destruktive Wettbewerbsformen, bei denen die Schutzwirkung von Gebührenordnungen unterlaufen wird und dem Verfall von Honoraren der Verfall der Behandlungsqualität folgt.“

Sein Kollege, der stellvertretende KZBV-Vorsitzende Dr. Günther Buchholz, bestätigte: „Wir stellen uns dem Zielkonflikt zwischen bestmöglicher Patientenversorgung und der dauerhaften Finanzierbarkeit der GKV.“ Die Zahnärzte seien bereit, eine sozial abgefederte Grundversorgung zu definieren, die zwischen „Need“ und „Want Dentistry“ unterscheide. Buchholz: „Zugleich verlangen wir, dass die Besonderheiten der zahnmedizinischen Versorgung in der Gesetzgebung und in den Strukturen der Selbstverwaltung Berücksichtigung finden.“ Nicht alles, was für die Ärzte gut ist, lasse sich auf die Zahnmedizin übertragen.

Insbesondere der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) müsse sich in seinen Entscheidungsprozessen und -strukturen verschlanken, um arbeitsfähig zu sein und die spezifischen Besonderheiten der einzelnen Sektoren zu wahren. „Der G-BA ist dazu da, die Arbeit der zahnärztlichen Selbstverwaltung zu unterstützen, nicht sie zu verdrängen“, sagte Buchholz. „Wir brauchen letztlich eine Balance im System“, bilanzierte er. „Eine Balance zwischen Patient und Zahnarzt, die im Mittelpunkt des Versorgungsgeschehens stehen. Eine Balance zwischen PKV und GKV, eine Balance zwischen Need und Want Dentistry. Und eine Balance zwischen unvermeidlichen gesetzgeberischen Eingriffen und der größtmöglichen Gestaltungskompetenz der Selbstverwaltung.“

Balance im System

Die Verantwortlichkeiten, Zuständigkeiten und Lasten müssten gleichgewichtig unter den Akteuren verteilt werden. „Für diese Balance sollten wir uns gemeinsam einsetzen, und zwar auf der Basis eines klaren Selbstverständnisses unseres Berufsstands“, appellierte er. „Wir stehen zur Freiberuflichkeit und der damit verbundenen sozialen Verantwortung und ethischen Orientierung.“

Die KZBV wolle zudem die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte noch mehr unterstützen. Das bedeute auch, sich gezielt um die Kolleginnen und Kollegen zu kümmern, die nicht in der eigenen Praxis arbeiten, sondern angestellt sind. „Wir möchten uns für eine bessere zahnmedizinische Versorgung und vernünftige Arbeitsbedingungen für Zahnärzte engagieren. Das erwarten die Vertragszahnärzte von uns!“, benannte Buchholz die Aufgaben und die an die KZBV herangetragenen Erwartungen. ck

Alle Beschlüsse der VV sowie ein Video zum Diskussionsforum auf www.kzbv.de