Diätportale

Virtuelle Tipps gegen echtes Fett

Die Hose zwickt, das Hemd spannt und im Badeoutfit möchte man sich lieber gar nicht sehen lassen. So mancher wünscht sich ein paar Kilo Hüftgold weniger. Bei dem Versuch, die überflüssige Pfunde loszuwerden, suchen immer mehr Menschen professionelle Hilfe – im Internet.

Ja, man kann auch online abnehmen. Vorausgesetzt, man ist diszipliniert und versucht nicht, das Programm zu betuppen. Foto: KEYSTONE

Foto: privat

Übergewicht ist in Deutschland keine Seltenheit – im Gegenteil. Die im Juni 2012 vom Robert Koch-Institut veröffentlichte „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ stellt fest: Bundesweit sind gut 67 Prozent der 18- bis 79-jährigen Männer und 53 Prozent der Frauen zu dick. Je nach Ausgangslage kann es bis zum persönlichen Idealgewicht ein langer Weg sein. Diäten versprechen Abkürzung.

Der schnelle Weg zum Wunschgewicht

Seit etwas mehr als zehn Jahren können Abnehmwillige auf Spezialportale im Web zurückgreifen, die den Prozess steuern und unterstützen. Das Angebot ist groß. Gibt man den Begriff „Online-Diät“ in eine Suchmaschine ein, erhält man eine umfangreiche Trefferliste. Die Portale heißen Slimcoach, xx-well oder Nutripoli. An Heavy Usern mangelt es ihnen nicht: Das Programm eBalance hat nach eigenen Angaben 5 000 aktive Nutzer, Weight Watchers Online spricht von Interessenten im sechsstelligen Bereich. Hauptsächlich Frauen, bei eBalance sind es 80 Prozent.

Fest steht: Der Markt für Diätportale boomt – ihre Wirksamkeit bleibt aber umstritten. „Dauerhaft Gewicht zu verlieren, gelingt auch mit Onlinediäten“, sagt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale NRW. Auch die Krankenkassen haben erkannt, dass man online abnehmen kann. Immer öfter bieten sie ihren Mitgliedern eigene Portale an oder zahlen einen Zuschuss für die Teilnahme an externen Programmen – sofern diese nach ihren Richtlinien zertifiziert sind.

Das passende Programm zu finden, ist angesichts der Fülle keine leichte Aufgabe. Faustregel: Zertifikate von Krankenkassen oder führenden Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung
oder der Deutschen Adipositas-Gesellschaft deuten auf ein wissenschaftlich fundiertes Konzept hin. Vorsichtig sein sollten Interessenten hingegen bei Programmen, die ihnen den Kauf spezieller Produkte ans Herz legen oder Operationen empfehlen. Vor allem, wenn die Werbung nicht im
Anzeigen-, sondern im redaktionellen Teil des Portals erscheint, gilt eindeutig: Finger weg!

Um die richtige Entscheidung zu treffen, sollten sich Interessenten die Bausteine der Onlinediät vorher genau anschauen, rät Ökotrophologin Clausen. „Ein gutes Programm darf sich nicht nur mit der
Ernährungsumstellung allein beschäftigen. Es sollte außerdem Sport und Entspannungselemente miteinbeziehen“, erklärt die Expertin.

Das passende Format finden

Die Effektivität einer Onlinediät hängt zudem davon ab, wie oft neue Rezepte vorgeschlagen werden. Sie sollten in der Zubereitung unkompliziert und günstig sein. Regelmäßige Tipps per E-Mail, etwa dazu wie man sein Essverhalten umstellen kann, sind ebenfalls hilfreich und stärken die Motivation. „Manche Programme bieten auch E-Learning-Kurse mit einem Dozenten, dem man per Chat Fragen stellen kann oder Apps für das Smartphone, beispielsweise um ein Ernährungstagebuch zu führen“, sagt Clausen. Umsonst bekomme man das alles allerdings nicht. Je nach Umfang der Betreuung sind nach Aussage der Verbraucherberaterin zehn bis 30 Euro pro Monat ein angemessener Preis.

Die Indikatoren für Seriösität

Die Stiftung Warentest hat im Januar 2011 zehn Diätportale getestet und Kriterien herausgearbeitet, an denen Nutzer ein seriöses Angebot erkennen können. „Programme, die starken Gewichtsverlust in
kurzer Zeit in Aussicht stellen, sind zu meiden. Realistisch sind 0,5 bis 1 Kilo pro Woche. Der berechnete tägliche Kalorienbedarf sollte 1 200 Kilokalorien nicht unterschreiten“, heißt es dort.

Betreut werden sollte das Programm von Experten wie Ernährungswissenschaftlern, Diätassistenten oder Medizinern, die leicht erreichbar sind und auf Anfragen reagieren, so der Tipp der Tester. Ob ein Programm wissenschaftlich fundiert ist, zeigt sich auch daran, ob Nutzer bei der Anmeldung nach Daten wie ihrem Alter, Gewicht, Bauchumfang sowie Erkrankungen gefragt werden. Diese Daten seien wichtig, um
Risikofälle zu erkennen. „Leute mit Essstörungen, Minderjährige und Schwangere sollten nicht aufgenommen werden“, erklären die Tester.

Das sieht auch Clausen so. „Ein Diätprogramm braucht auf jeden Fall Kontrollmechanismen, um Gesundheitsprobleme zu erkennen“, sagt sie. Wenn die obligatorische regelmäßige Gewichtsangabe eines Nutzers etwa auf krasses Über- oder Untergewicht hinweist, müsse das angesprochen werden. „Unter Umständen sollten die Berater ihn dann auch dazu anregen, einen Arzt aufzusuchen.“

Abnehmen rund um die Uhr

Onlinediäten sind nicht für jeden, der abnehmen will, die richtige Option. „Es gibt viele Menschen, die brauchen den persönlichen Austausch mit der Gruppe an einem festen Ort zu einer bestimmten Zeit“, betont Clausen. Optimal seien sie für Menschen, die nicht in einer Gruppe abnehmen möchten, sondern anonym bleiben wollen, und dazu eine gewisse Internetaffinität mitbringen.

Auch bei Diätportalen gilt: Nur der Geduldige kommt ans Ziel. „Man kann nicht alles auf einmal ändern. Wer sich 30 oder 40 Jahre ein bestimmtes Essverhalten angewöhnt hat, kann das nicht innerhalb weniger Wochen umkrempeln“, sagt Clausen. Wer zwischendurch in ein Motivationsloch fällt, habe bei Onlinediäten aber einen großen Vorteil: „Egal, ob man abends um sechs oder morgens um drei einen Hänger hat: Man kann immer online gehen und dort Rat suchen. Vielleicht findet sich im  Forum auch ein Gleichgesinnter, mit dem man chatten kann.“

Susanne Theisen

Freie Journalistin in Berlin

info@susanne-theisen.de


INTERVIEW

Auge in Auge ist besser

Als Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen beschäftigt sich PD Dr. Thomas Ellrott regelmäßig mit den Themen Übergewicht und Diät. Über Qualität und Potenziale von Onlinediäten sprach der Mediziner mit den zm.

zm: Herr Ellrott, wie gut sind die Diätportale auf dem deutschen Markt?

Thomas Ellrott: Eine Aussage über die Effektivität der verschiedenen Programme zu treffen ist schwierig, denn es gibt keine vergleichenden Studien für die Angebote hierzulande. Eine solche Untersuchung wäre ohnehin schwierig, da sich die Konzepte ständig verändern. Würde man die Ergebnisse nach einem Jahr veröffentlichen, träfen sie unter Umständen gar nicht mehr auf die Ausgangssituation zu. Die Stiftung Warentest hat dieses Problem gut gelöst, indem sie im vergangenen Jahr nur die Grundlagen und die Servicequalität von Onlinediäten beurteilt hat.

Welche Diätform ist wirksamer: persönliche Betreuung oder Coaching via Web und E-Mail?

Ellrott: Programme, die auf eine persönliche Vor-Ort-Betreuung setzen, erzielen bessere

Ergebnisse. Das dürfte in erster Linie an der wesentlich höheren Verbindlichkeit im Vergleich zu Onlinediäten liegen.

Bringen Diätportale also nichts?

Ellrott: Doch, auch sie sind wirksam, wenn auch im Durchschnitt auf der Waage etwas weniger effektiv. Sie sind eine gute Alternative für Menschen, in deren Nähe kein Vor-Ort-Angebot zur Verfügung steht. Profitieren können auch Berufstätige, die wenig Zeit haben und örtlich flexibel sein müssen. Für eine Gruppentherapie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein, ist für sie häufig schwierig.

Wie kann man Onlinediäten noch effektiver gestalten?

Ellrott: Möglichst viel maßgeschneiderte Interaktion zwischen Programm und Nutzer, ein persönlicher Berater oder auch die Kombination mit Telefoncoaching. All das könnte Onlinediätprogramme noch persönlicher und wirksamer machen.


Die Fragen stellte Susanne Theisen.

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