Engagement nach dem Berufsleben

Zum Zähne ziehen nach Togo

Der pensionierte Arzt und Zahnarzt Rüdiger Kaps (Jahrgang 1943) hat vor zwei Jahren seine Praxis in Berlin-Zehlendorf verkauft. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin arbeitete er Anfang dieses Jahres drei Wochen ehrenamtlich – quasi im Unruhestand – in der Zahnstation im Hôpital Bethesda Agou-Nyogbo in Togo.

Togolesische Frauen warten auf der offenen Galerie auf die Behandlung beim deutschen Zahnarzt. Foto: R. Kaps

Mit 90 Kilogramm Gepäck, verteilt auf vier Gepäckstücke, vollgestopft mit Materialien und Medikamenten für die Zahnstation im Bethesda-Krankenhaus, traten die beiden ihre Reise nach Togo an. 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lomé liegt das 70-Betten-Krankenhaus der Norddeutschen Mission. Ein geräumiges Appartement in der Klink diente als Unterkunft.

In der Klinik arbeiten nur Einheimische, mit Ausnahme der Zahnstation, auf der etwa drei Monate – über das Jahr verteilt – deutsche Zahnärzte im Einsatz sind. Ihre Dienstzeit wird jeweils 14 Tage vorher per Buschradio angekündigt. Die Arbeit beginnt pünktlich um 8.00 Uhr. Auf der Galerie vor dem Behandlungszimmer wartet schon eine große Schar traditionell gekleideter Patienten. Der Zahnarzthelfer lässt sich geduldig auf Ewe, der Stammessprache, erklären, welche Beschwerden die Patienten haben, und übersetzt dann ins Französische, Kaps Lebensgefährtin übersetzt wiederum ins Deutsche. Es ist viel zu tun – bis über den Mittag hinaus.

Und es wird viel extrahiert, denn die Menschen kommen in der Regel zu spät für eine zahnerhaltende Behandlung. Es werden aber auch Füllungen gelegt. Selten erfolgt eine Wurzelbehandlung. Zahnlücken im sichtbaren Bereich werden durch einfache Kunststoffprothesen ohne Klammern geschlossen, die ein oft bis in die Nacht hinein arbeitender Zahntechniker gleich vor Ort anfertigt. Die Behandlungen sind teilweise schwierig, zahlreiche Osteotomien notwendig. Es sind anstrengende Arbeitstage. An einem Vormittag werden bis zu 25 Patienten behandelt und das bei über 30 Grad Hitze und einer Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent. Glücklicherweise ist der Behandlungsraum klimatisiert.

Dienstzeiten werden via Buschradio verkündet

Nachmittags bleibt etwas Zeit, um Streifzüge durchs Dorf zu unternehmen. Alles spielt sich öffentlich, draußen vor den Hütten ab, so dass man direkt teilnehmen kann am Leben der Bewohner. Ein Schneider erhitzt sein Bügeleisen mit Kohlenglut. Ein Tischler präsentiert stolz seinen frisch gefertigten weißen Sarg. Eine Töpferin fertigt – auf dem Boden sitzend – Öfen aus Ton. Der Maismehlmüller führt seine einfache Mühle vor, nicht ohne um einen kleinen Betrag für den abendlichen Schnaps zu bitten. Ein junger Mann mit einem Gewehr zeigt seine Jagdbeute: eine armdicke, schwarze, zusammengeringelte Kobra. Er bietet sie zum Verkauf an und liefert das Kochrezept gleich mit. Die Schule wartet mit 100 Schülern pro Klasse und einem PC im Sekretariat auf, der seit einem Jahr darauf wartet, angeschlossen zu werden. Dank eines befreundeten Kieferchirurgen besichtigen die beiden das zu der Zeit im Hafen von Lomé liegende Lazarett Schiff „Africa Mercy“ (siehe zm 6/2011) Dessen hoher technischer Standard mit Tomografen und 3-D-Röntgenapparaten überrascht Kaps und seine Partnerin. 15 Ärzte und etwa weitere 100 Personen aus aller Welt arbeiten hier ehrenamtlich. In sechs OPs werden eindrucksvolle Operationen vorgenommen: Kiefer-Lippen-Gaumenspalten, Riesentumore, die den Menschen Ananas-groß aus dem Mund wachsen und an denen sie ohne Hilfe erbärmlich ersticken würden. Die Bilanz nach drei Wochen: 161 Patienten wurden in 183, teils langen Sitzungen behandelt, 183 Zähne gezogen, 66 Füllungen gelegt, acht Wurzelbehandlungen gemacht und 42 Prothesen eingegliedert. Die Zahnstation ist zufriedenstellend ausgestattet, überwiegend durch Spenden aus Deutschland, ein modernes Röntgengerät stammt aus Beständen der Bundeswehr. Gelegentlich fällt das Wasser aus. Dann muss mit Mineralwasser aus einem Gefäß mit Gießvorrichtung gekühlt werden. Während Kaps Einsatz besucht der deutsche Botschafter in Togo das Krankenhaus. Eine Woche lang werden Klinik und -gelände auf Hochglanz gebracht. Begrüßt wird er schließlich von den Kindern des Krankenhaus-Kindergartens mit dem Lied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“, was den Kindern und offensichtlich auch dem deutschen Botschafter viel Spaß macht. Kaps stellt ihm die Zahnstation vor. Er zeigt sich beeindruckt. Die Klinikmitarbeiter hoffen nun auf finanzielle Mittel, denn das Haus befindet sich in ständiger Geldnot.

Dr. Rüdiger Kaps

Potsdamer Str. 50

14163 Berlin