Die klinisch-ethische Falldiskussion

Unangemessener Umgang mit einer Assistenzzahnärztin

In dieser Kasuistik geht es um nicht-fachgerechte Behandlungsmaßnahmen und -vorschläge, aber auch um die Frage, wie einem weiterbildungsberechtigten Kieferorthopäden gegenüberzutreten ist, der seine Assistenzzahnärztin zeitlich und fachlich ausnutzt und vor den Patienten bloßstellt.

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Ist es richtig, wenn sich eine Assistenzzahnärztin ohne Kenntnis des Vorgesetzten mit ihrer abweichenden fachlichen Sicht an den Hauszahnarzt wendet? Foto: Meinardus-zm
Wie viel elterliche Abwesenheit verträgt ein Kind? Dieser Fall wird durch einen innerfamiliären ethischen Konflikt verschärft. Foto: F1online
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Für die Analyse dieses Falles wenden die Autoren die Methodik der Prinzipienethik an. Foto: Nona L. Vendel/Meinardus
Nichts hören, nichts sehen und nichts sagen geht in diesem Fall nicht: Die Assistenzzahnärztin muss ihre abweichende fachliche Meinung kundtun, will sie das Wohl der Patientin nicht gefährden. Foto: anderm/Fotolia.com / Meinardus/zm

Der Fallbericht:

Die ambitionierte Zahnärztin RI hat nach längerer, mühevoller Suche eine Weiterbildungsstelle in einer kieferorthopädischen Praxis gefunden. Mit ihrer vierjährigen Tochter kann sie die Berufstätigkeit vereinbaren, denn diese besucht nun den Ganztageskindergarten von 8.00 Uhr bis 16.00 Uhr und wird danach bis circa 19.00 Uhr von einer Freundin betreut, die in einem anderen Ort wohnt. Den Zeitaufwand von zwei Stunden täglich, den RI mit den Fahrten zur Praxis und zur Freundin hat, nimmt sie gerne in Kauf. Gleichzeitig belegt RI pro Monat etwa vier kieferorthopädische Fortbildungstage – auch, um ihren eigenen fachlichen Ansprüchen zu genügen.

Mit den Monaten kehrt bei RI jedoch Ernüchterung ein: Ihr Chef PP behandelt seine Patienten äußerst antiquiert und wenig erfolgreich. Mit seinen Behandlungsmethoden und den Behandlungsplänen, die sie jeden Morgen schreiben muss, ist sie zumeist nicht einverstanden.

Als PP realisiert, dass RI sehr gut mit den kieferorthopädischen Geräten und den festsitzenden Behandlungen zurechtkommt, lässt er sie des Öfteren nachmittags allein in der Praxis und erledigt derweil seine Geschäfte. Für RI bedeutet dies, dass ihr an solchen Tagen kaum genügend Zeit für eine bedarfsgerechte Patientenbehandlung zur Verfügung steht, weil sie zusätzlich die Patienten des Vorgesetzten, deren Historie sie gar nicht kennt, behandeln muss.

Dank RI nimmt der Praxisumsatz mit der Zeit kontinuierlich zu, doch RI fühlt sich zunehmend ausgenutzt. Sie möchte aber keine Konfrontation mit ihrem Chef, einem Herrn in vorgerücktem Alter mit standespolitischem Einfluss, riskieren. Zudem ist ihr bewusst, dass sie schwerlich eine andere Weiterbildungsstelle finden würde.

Eines Tages ruft PP seine Assistentin RI zu sich ins Behandlungszimmer. Er stellt ihr die 16-jährige Privatpatientin Martina vor, die seit vielen Jahren bei ihm mit herausnehmbaren Apparaturen behandelt wird und ein tadellos gepflegtes Gebiss aufweist. Ihr Hauszahnarzt hatte ihr vor Kurzem den Zahn 46 extrahiert, weil dieser sehr stark gelockert war. Nun sind auch die Zähne 31 und 41 gelockert. PP bittet RI um ihre Meinung. RI sieht auf dem Röntgenbild großflächige Osteolysen, die symmetrisch die Molarenwurzeln im dritten und im vierten Quadranten umgeben, und die vier unteren Incisivi stehen gleichfalls vollständig in einer großen Aufhellung. Der Vergleich mit den vorangegangenen OPGs zeigt ihr, wie sich die Osteolysen im Lauf der Jahre immer weiter vergrößerten. Spontan äußert sie ihre Vermutung, dass es sich um eine fulminant verlaufende Form einer juvenilen Parodontitis handeln könnte, und empfiehlt der Patientin, sich zur Diagnostik und Therapie dringend in der Universitätszahnklinik vorzustellen.

Der Kieferorthopäde PP schlägt seinerseits ein kollegiales Gespräch mit dem Hauszahnarzt vor und entlässt die Patientin und deren Mutter. Äußerst wütend wendet er sich danach seiner mWeiterbildungsassistentin zu: Er kritisiert ihre Äußerung mit dem Hinweis, dass es allein in das Ermessen des Hauszahnarztes gestellt sei, zu entscheiden, ob eine Parodontalbehandlung indiziert sei und wo diese durchgeführt werden solle.

Am nächsten Tag hört RI durch die offene Tür, wie PP mit Martinas Mutter telefoniert. Er versichert der Mutter, dass alles in Ordnung sei und sie sich keine Sorgen zu machen brauche – die Meinung seiner Assistentin sei „Unsinn“.

RI dagegen stuft das Verhalten des Vorgesetzten als groben Behandlungsfehler ein und würde sich gerne beruflich umorientieren. Sie kennt allerdings die Erfahrungen vieler Weiterbildungsassistenten in der Kieferorthopädie, die sich teilweise seit Jahren erfolglos um entsprechende Stellen an Universitätszahnkliniken bewerben. Als zur selben Zeit ihre zunehmend unglückliche kleine Tochter ernsthaft erkrankt, stellt sich RI einige Fragen:

• Soll – oder muss – sie eigenverantwortlich Klärungen und Verbesserungen an ihrer Arbeitsstelle anstreben, das heißt über den Kopf des Vorgesetzten hinweg den Kontakt zu Hauszahnarzt und Mutter suchen und ihre abweichende fachliche Sicht darlegen?

• Soll sie ihrem Vorgesetzten mangelhafte fachliche Expertise und ein in ihren Augen grob unkollegiales Verhalten vorwerfen?

• Soll sie ihn gar mit dem Vorwurf des Behandlungsfehlers konfrontieren?

• Soll sie ihn vor die Wahl stellen, entweder künftig eigenverantwortlich und zu für sie günstigeren Arbeitszeiten arbeiten zu dürfen oder zu kündigen?

• Oder soll sie – wenn alle Bewerbungsversuche fehlschlagen – den „Weg des geringsten Widerstands“ gehen und bei künftigen Fehlentscheidungen und unkollegialen Verhaltensweisen „wegschauen“?

• Oder soll sie vielleicht doch an dieser Stelle das Ziel der Fachzahnarztausbildung aufgeben und ein noch bestehendes Angebot annehmen, Teilzeit-Entlastungsassistentin bei einem Allgemeinzahnarzt zu werden?

Dominik Groß

Kommentar 1

Im vorliegenden Fall wird auf sehr drastische Weise geschildert, was jungen Kollegen nicht einmal selten nach Beendigung des Studiums im Rahmen des Berufseinstiegs widerfahren kann. Wir sehen ein deutliches Auseinanderklaffen der „good practice“ verschiedener Berufs- und Ausbildungsgenerationen. Die unterschiedlichen Auffassungen darüber, was als zahnmedizinischer Goldstandard in der Patientenbehandlung gilt, birgt erhebliches kollegiales Konfliktpotenzial. Wenn antiquierte Behandlungsmethoden zudem zu einem Schaden seitens des Patienten führen, kommt eine nicht zu unterschätzende ethische Dimension hinzu: Primum nihil nocere. Verschärft wird der vorliegende Fall durch die private Situation der Zahnärztin, die den Bedürfnissen ihres kleinen Kindes offenbar nicht vollumfänglich entsprechen kann. Ein Grund hierfür ist die gegenüber dem weiterbildungsberechtigten Kollegen empfundene Abhängigkeit. Ein Lösungsansatz besteht zunächst darin, die drei verflochtenen Teilaspekte voneinander zu trennen. Diese lauten:

1. interkollegiales Verhältnis zum Praxisinhaber

2. zahnärztlich-ethische Verantwortung für eine gute Patientenversorgung und

3. familiäre Situation der Kollegin und Verantwortung gegenüber ihrem Kind

Zu 1: Das vertrauensbildende Gespräch mit dem Praxisinhaber ist offenbar längst überfällig. Es empfiehlt sich eine konstruktiv-offene Gesprächsführung in einem positiven Setting, bei der die Assistentin zunächst einmal die positive Entwicklung des Praxisumsatzes thematisieren sollte, um dann ein offenes Angebot zum gemeinsamen Besuch der kurrikulären Fortbildungen einzuflechten. Die Argumente könnten lauten: Kalibrieren des fachzahnärztlichen Wissensstands, Aktualisierung der Fachkunde auf den geltenden Goldstandard und Abstimmung eines gemeinsamen Behandlungsschemas und Vorgehens. Auch die Art und Weise des Umgangs mit Patienten und Zuweisern und der Wunsch nach stärkerer interdisziplinärer Vernetzung und gegenseitiger Einbindung sind denkbare Ansätze. Nicht verzichten sollte RI allerdings auf den Hinweis, dass die in der Regel in der Weiterbildungsordnung der einzelnen Landeszahnärztekammern geforderte Anwesenheit des Praxisinhabers für eine strukturierte und qualitativ hochwertige Weiterbildung unverzichtbar ist. Im Rahmen der Entwicklung prozessorientierter Vorgehensweisen könnte RI auch eine Standardverfahrensanweisung entwerfen, in der zum Beispiel genau geregelt ist, wie der Umgang mit zugewiesenen Patienten zu erfolgen hat und welches Vorgehen bei unterschiedlichen Therapieauffassungen sinnvoll ist. Auch hier empfiehlt sich jedoch ein konstruktiver, aber bestimmt vorgetragener Ansatz, um keine „Revierstreitigkeiten“ mit dem Praxisinhaber zu provozieren.

Wenn die positiv formulierten und konstruktiv vorgetragenen Sorgen und Nöte der jungen Kollegin keine Früchte tragen, empfiehlt es sich, nicht mit der Kündigung zu drohen, sondern mit dem Praxisinhaber die Möglichkeit einer einvernehmlichen Trennung zu diskutieren, um weiteren Schaden zu begrenzen und keine noch offenen Türen unnötigerweise zuzuschlagen. Ein Fortführen des für RI unbefriedigenden und zermürbenden Arbeitsverhältnisses in der bisherigen Form scheint hingegen wenig sinnvoll, wenn keine Änderungen erreichbar sind, die auch eine familienfreundlichere Arbeitszeit beinhalten.

Zu 2: Nach den Prinzipien von Beauchamp/Childress [2009] hat RI eine nicht verhandelbare Verantwortung für die Patientin. Davon entbindet sie im Grunde genommen auch nicht die Verpflichtung zu kollegialem Verhalten. Die Remonstration – sprich das explizite Aufzeigen von Bedenken im Fall einer „gefahrengeneigten“ Versorgung – gehört zu den Qualitätszeichen eines funktionierenden Teamworks – unabhängig von einer (nicht) bestehenden Leitungsfunktion. Demnach sind zum Beispiel nachgeordnete Behandler wie Praxisassistenten angehalten, ihre Vorgesetzten auf bestehende Fehler(-quellen) und Risiken aufmerksam zu machen.

RI muss im vorliegenden Fall eine Güterabwägung vornehmen und dem höherwertigen Gut Vorrang einräumen: Meiner Auffassung nach sind Non-Malefizienz und Benefizienz in diesem Fall – auch im Hinblick auf das Lebensalter der Patientin Martina und den drohenden Zahnverlust bei Fortschreiten der juvenilen aggressiven Parodontitis – höher einzustufen als die unbedingte Kollegialität gegenüber einer Person, die sich im Übrigen selbst nicht auf kollegiales Verhalten verpflichtet. Kommt RI zu demselben Schluss, ist es denkbar, nochmals unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit dem Hauszahnarzt und Zuweiser zu sprechen und ihm die Überweisung Martinas an das Universitätsklinikum oder einen versierten Fachspezialisten nahezulegen. Ein „Wegsehen“ ist weder rechtlich noch ethisch statthaft und ebnet nur den Weg für weitere derartige Vorkommnisse.

Zu 3: In der Analyse der familiären Situation sollte RI ein großes Augenmerk auf die Verantwortung gegenüber ihrer vierjährigen Tochter legen. Hier besteht also ein zusätzlicher innerfamiliärer ethischer Konflikt. Klar ist, dass es dringend einer Verbesserung der Situation der Tochter bedarf. Hier steht im Vordergrund, dass RI sich bemüht, Arbeitszeiten einzuführen, die es ihr ermöglichen, mehr Zeit mit der Tochter zu verbringen. Sollte dies in der bisherigen Beschäftigungssituation nicht umsetzbar sein, so ist eine berufliche Veränderung unvermeidbar. In diesem Fall muss RI auch abwägen, wie wichtig ihr eine Weiterbildung im Fach Kieferorthopädie ist. Eine strukturierte und zukunftsgerichtete Spezialisierung in diesem Fach ist in der bisherigen Praxis offenbar ohnehin nicht oder nur bedingt möglich, sodass RI dies im Fall einer beruflichen Neuorientierung ebenfalls in die Bewertung einfließen lassen muss. In jedem Fall sollte sie die Familienfreundlichkeit der Beschäftigung und der damit verbundenen Arbeitszeit stärker gewichten als die persönliche Neigung zur Spezialisierung. Diese verantwortungsvolle Haltung ist sie ihrer Tochter schuldig.

Abschließend bleibt Folgendes zu sagen: Wie in vielen anderen interessanten, kontrovers wahrgenommenen und hier diskutierten Fällen dokumentiert auch dieser Fallbericht die kleinen und großen Nöte des zahnärztlichen und privaten Alltags, die wir alle kennen und die sich – wie hier – zu großen Problemen „auswachsen“ können. Wie eingangs erwähnt, lassen sich diese Konflikte nur nach umfassender Güterabwägung – und dann gegebenenfalls auch nur teilweise – lösen. Einen schmerzlosen Königsweg gibt es – wie so oft in klinisch-ethischen Grenzfällen – leider auch hier nicht.

Jens Kaschuba

Kommentar 2

Im vorliegenden Fallbericht sind gleich mehrere ethisch relevante Problemfelder auszumachen: Zum ersten imponiert ein virulenter kollegialer Konflikt zwischen der Weiterbildungsassistentin und dem Praxisinhaber, zum zweiten stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem verantwortlichen Umgang mit abweichenden beziehungsweise konträren Behandlungsempfehlungen bei Patienten und zum dritten zeigen sich deutlich soziopolitische Missstände (Mangel an Weiterbildungsstellen im Fach KFO, schwierige Betreuungssituation für Kleinkinder), die ebenfalls erhebliche ethische Implikationen aufweisen. Auch in diesem Fall ist es hilfreich, vor der konkreten Beantwortung der gestellten Fragen die vier ethischen Prinzipien nach Beauchamp/Childress zugrunde zu legen: den Respekt vor der Patientenautonomie, das Prinzip der Non-Malefizienz, das Benefizienz-Prinzip und das Gebot der Gerechtigkeit beziehungsweise Fairness (Prinzipienethik) – wobei es sinnvoll erscheint, die Fragen der Kollegialität beziehungsweise des fairen Umgangs unter Kollegen als Spezifikation des Gebots der Gerechtigkeit aufzufassen und eben dort näher zu diskutieren.

Der Respekt vor der Patientenautonomie gebietet es aus der Sicht von RI, Martina und ihre sorgeberechtigte Mutter (im Nachgang zum „einseitig“ verlaufenen Telefonat von PP mit der Mutter) über die Verdachtsdiagnose einer aggressiven juvenilen Parodontitis aufzuklären – auch wenn dies ein ungünstiges Licht auf den vorgesetzten Kieferorthopäden wirft und gegebenenfalls zu einer weiteren Belastung des kollegialen Verhältnisses zwischen RI und PP führt. Tatsächlich sind nachgeordnete Praxisassistenten angehalten, auf fachlich falsche Anordnungen und Empfehlungen leitender (Zahn)Ärzte hinzu weisen und diese auf eine „gefahrengeneigte“ Situation aufmerksam zu machen (Remonstration). Zudem gilt: Nur wenn Mutter und Patientin alle maßgeblichen Argumente kennen, ist dem Gebot des Respekts vor der Patientenautonomie Genüge getan, denn nur dann sind beide wirklich in der Lage, eine „Informierte Entscheidung“ (engl.: informed choice) zu treffen, die als Ausdruck ihrer Selbstbestimmung gelten kann. Bei dieser Vorgehensweise hätte sich RI auch dann nichts vorzuwerfen, wenn Mutter und Tochter auf der Grundlage aller Informationen zu der Entscheidung gelangen, der Einschätzung des Kieferorthopäden PP (und nicht dem Rat von RI) Folge zu leisten.

Das Non-Malefizienz-Prinzip basiert auf dem Gebot, der Patientin keinen ungerechtfertigten Schaden zuzufügen, wobei auch das (leichtfertige oder vorsätzliche) Unterlassen einer Maßnahme einen Schaden – und damit einen Verstoß gegen das Nichtschadensgebot – bedeuten kann. Im vorliegenden Fall bestünde der Schaden darin, die Mutter in dem Glauben zu lassen, dass die Verdachtsdiagnose einer aggressiven juvenilen Parodontitis – wie von PP in besagtem Telefonat suggeriert – zwischenzeitlich widerlegt sei. Gerade vor dem Hintergrund dieser möglichen Fehlannahme empfiehlt sich dringend ein Gespräch mit der Mutter.

Auch das Gebot des Wohltuns (Benefizienz-Prinzip) legt ein aufklärendes Telefonat mit der Mutter nahe: Sollte sich die Verdachtsdiagnose von RI bestätigen, wäre ein rasches und konsequentes fachzahnärztliches Handeln unabdingbar, um den Erhalt der Zähne zu sichern. Das „Risiko“ eines solchen aufklärenden Gesprächs besteht lediglich darin, dass sich die Verdachtsdiagnose als falsch erweist und Mutter und Tochter ohne Not „geängstigt“ worden sind. Diese „Risiken“ stehen aber in keinem Verhältnis zum möglichen Nutzen einer rechtzeitigen und zielgerichteten parodontalen Therapie.

Eine besondere Rolle kommt im vorliegenden Fall den Fragen der Gerechtigkeit beziehungsweise Fairness zu: Das Verhalten von PP muss in mehrfacher Hinsicht als unfair gelten: Im kollegialen Maßstab ist es unfair, die fachliche Meinung von RI zu ignorieren beziehungsweise zu desavouieren. Ebenso ist es ungerecht, dass PP die Kollegin gegenüber der Mutter fachlich diffamiert („die Meinung seiner Assistentin sei ‚Unsinn‘“), während er ihre fachliche Kompetenz und ihre zeitlichen Ressourcen an anderer Stelle gezielt ausbeutet – etwa, indem er RI nachmittags „seine“ Patienten überlässt, während er selbst privaten Geschäften nachgeht. Auch der Patientin und deren Mutter ist PP nicht gerecht geworden, da er sich nicht ernsthaft – zum Wohle der Patientin – mit der Verdachtsdiagnose seiner jüngeren Kollegin auseinandergesetzt, sondern stattdessen seine Chefrolle für ein „Machtwort“ missbraucht hat, mit dem er seine Autorität absichert und die Patientin und deren Mutter in (falscher) Sicherheit wiegt.

Darüber hinaus offenbart der Fall Konflikte, die gesellschaftlichen Missständen geschuldet sind und insofern – neben den vorgenannten individualethischen Aspekten – erhebliche sozialethische Implikationen, das heißt soziale Ungerechtigkeiten, zeigen: So ist es aus berufs- und gesundheitspolitischer Sicht kritikwürdig, wenn es aufgrund eines Mangels an Weiterbildungsstellen zu Abhängigkeitsverhältnissen kommt, die ein strukturelles Risiko für fachliche und zeitliche Ausbeutung, unkollegiales Verhalten oder sonstige Unbotmäßigkeiten bergen. Auch ist zu fragen, inwieweit die geschilderte Betreuungssituation für Kleinkinder noch dem Gebot der sozialen Gerechtigkeit entspricht: Ist es gesellschaftlich akzeptabel, dass Kleinkinder zwischen Kita und privat zu organisierendem „Kinder-Sitting“ „verschoben“ werden müssen, damit eine Mutter die rare Chance auf eine Weiterbildungsstelle nicht verwirkt? Welchen Preis zahlt eine Familie, wenn das betroffene Kind – wie im geschilderten Fall – in einer solchen Lebenssituation psychische oder somatische Zeichen einer Überforderung zeigt? Hier steht weniger der weiterbildungsberechtigte Kieferorthopäde als vielmehr die Gesellschaft in der Verantwortung.

Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen scheint es geboten, die Fragen wie folgt zu beantworten:

RI sollte den Kontakt zu Hauszahnarzt und Mutter beziehungsweise Patientin suchen und ihre abweichende Sicht darlegen. Sollten ihr die Mutter und Martina beziehungsweise der Hauszahnarzt kein Gehör schenken, hätte sie doch ihrer Aufklärungs- und ihrer Remonstrationspflicht Genüge getan und sich somit fachlich nichts vorzuwerfen. Die Kritik ihres Vorgesetzten muss sie in Kauf nehmen – das Wohl des Patienten ist zweifellos höher zu gewichten als eine (falsch verstandene) Loyalität und Kollegialität.

Sie sollte ihrem Vorgesetzten deutlich machen, dass sie sein Verhalten als unkollegial und diffamierend empfunden hat, und ihn sine ira et studio bitten, sein Verhalten diesbezüglich zu überprüfen. Ebenso sollte sie darauf hinweisen, dass sie als approbierte Zahnärztin angehalten ist, ihre abweichende fachliche Meinung kundzutun, wenn sie das Wohl der Patientin bedroht sieht, und dass diese zusätzliche Perspektive sowohl für die betroffenen Patienten als auch für die Praxis selbst eine wertvolle Bereicherung darstellen kann. Um keine Eskalation des Gesprächs zu riskieren, sollte sie allerdings nicht von einem Behandlungsfehler sprechen.

Es ist weder zielführend noch opportun, PP mit einer Kündigung zu drohen für den Fall, dass die eigenen „Bedingungen“ nicht erfüllt werden. Die Zeit wird zeigen, ob sich das kollegiale Miteinander verbessert. Sollte dies nicht der Fall sein, wäre es sinnvoll, erst eine neue Stelle zu suchen und dann einen Schlussstrich zu ziehen.

Ob es RI gelingt, im Fall einer unveränderten Situation künftig wegzuschauen, ist fraglich und hängt nicht zuletzt von ihrer Leidensfähigkeit und ihrer Bewerbungssituation ab. Sollte PP uneinsichtig bleiben, ist eher davon auszugehen, dass RI – im Sinne einer nachhaltigen Sensibilisierung – besonders stark auf fachliche Fehlentscheidungen und kollegiale Diffamierungen reagiert und einen zunehmenden inneren Drang verspürt, sich beruflich zu verändern.

Ob sie auf das Ziel der Fachzahnarztausbildung verzichten sollte, ist von außen nicht zu beantworten. Zu wünschen wäre allerdings – sofern es die Psychen von Zahnärztin und Kind erlauben –, dass sie an ihrem Weiterbildungsziel festhalten kann. Hierbei kommt der Familie und dem Freundeskreis, gerade bei einer Berufstätigkeit mit Arbeitszeitschwerpunkt an den Nachmittagen, eine wichtige unterstützende Rolle zu. Auch das Angebot, in einer allgemeinzahnärztlichen Praxis zu arbeiten, hat letztlich eine supportive Funktion: Es signalisiert Dr. RI, dass sie im ungünstigen Fall einer Eskalation über einen „Plan B“ verfügt.

Gereon Schäfer

Dr. med. dent. Jens Kaschuba
Eppendorfer Landstr. 139a
20251 Hamburg
jens@drkaschuba.de


Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß
Dr. med. dent. Gereon Schäfer
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Universitätsklinikum der RWTH Aachen
Wendlingweg 2
D-52074 Aachen
gte-med-sekr@ukaachen.de

Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Klinisches Ethik-Komitee des Uniklinikums der RWTH Aachen
Wendlingweg 2, 52074 Aachen

Richtig oder falsch? Ein Behandlungsplan ist nicht in Stein gemeißelt. Auf dem Weg zu einer konsentierten Therapieplanung liegen dennoch oftmals viele Stolpersteine, die alle Beteiligten gemeinsam aus dem Weg schaffen sollten.

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