Welt-Aids-Konferenz

Aufruf zum finalen Kampf

Experten, Politiker und prominente Unterstützer trafen sich Ende Juli sechs Tage lang in der US-Hauptstadt Washington, um den Kampf gegen HIV voranzutreiben. Das Fazit der 19. Welt-Aids-Konferenz mit insgesamt 25000 Teilnehmern fällt zweigeteilt aus: Während Politiker die erzielten Erfolge loben, warnen Hilfsorganisationen vor zu viel Optimismus.

Die Teilnehmer gaben sich angesichts der ermutigenden Entwicklungen in jüngerer Zeit zuversichtlich. Foto: IAS/Ryan Rayburn – Commercialimage

US-Außenministerin Hillary Clinton sagte neue Millioneninvestitionen zur Aids-Bekämpfung zu. Foto: IAS/Ryan Rayburn – Commercialimage

Wie in Abschlusserklärungen üblich, fanden die Delegierten in Washington salbungsvolle Worte: Die Konferenz habe einen „Impuls für das Ende des Anfangs von Aids entfacht“. Obwohl ein Impfstoff oder ein Heilmittel nach wie vor benötigt würden, sei es durch eine Ausweitung der Ressourcen und die bereits heute zur Verfügung stehenden Mittel möglich, Millionen von Leben zu retten.

Die aktuellen Zahlen des Aids-Programms der Vereinten Nationen (UNAids) geben durchaus Anlass zu einem optimistischen Blick in die Zukunft. Im Jahr 2011 haben sich weltweit 2,5 Millionen Menschen mit HIV infiziert – das sind rund ein Fünftel weniger als 2001. Die Anzahl der neu infizierten Kinder ist binnen zwei Jahren um fast 25 Prozent auf rund 330 000 gesunken. Diese Erfolge sind zu einem Großteil auf Fortschritte in der Behandlung zurückzuführen – insbesondere in Subsahara-Afrika. So hatten im vergangenen Jahr mehr als acht Millionen Menschen weltweit Zugang zu Therapien. Das ist ein Fünftel mehr als im Jahr zuvor. 2003 erhielten nur 400 000 Menschen eine Behandlung. „Wir sehen einen schnellen Fortschritt“, kommentiert UNAids Direktor Michel Sidibé die Entwicklung. Das von den Vereinten Nationen angestrebte Ziel, 2015 mehr als 15 Millionen Infizierte behandeln zu können, könne erreicht werden. Für Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) markiert der Rückgang der Neuinfektionen „eine Trendwende“.

Irritationen um Obama

Von den im Vorfeld der Konferenz veröffentlichten Zahlen von UNAids zeigten sich viele Delegierte ermutigt, den Kampf gegen die Krankheit weiter voranzutreiben. „In einem noch vor wenigen Jahren undenkbaren Szenario wissen wir jetzt, dass wir noch zu unseren Lebzeiten damit beginnen können, Aids zu beenden“, sagte der Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS), Elly Katabira. Auch Weltbank-Präsident Jim Yong Kim gab sich zuversichtlich. „Wir können Aids jetzt als etwas betrachten, dass wir wirklich kontrollieren können“, so Kim bei der Eröffnungsfeier der Tagung, die unter dem Motto „Gemeinsam das Blatt wenden“ stand.

Für Irritationen sorgte , dass US-Präsident Barack Obama nicht persönlich an dem Treffen teilnahm, obwohl es in „seiner“ Hauptstadt stattfand. Lediglich per Online-Videobotschaft äußerte er sich zu der Konferenz. „Wir haben große Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu tun. Lasst es uns  gemeinsam anpacken“, sagte er.

Die Hauptthemen der Konferenz waren neue Forschungsergebnisse und die Frage nach der Finanzierung von HIV-Prävention und -Behandlung. Insbesondere bei Impfung und Vorbeugung sind in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt worden – wie die Zahlen von UNAids belegen.

Doch es gibt auch negative Entwicklungen beim Kampf gegen Aids. Denn es zeigen sich zunehmend Resistenzen gegen HIV-Medikamente und steigende Infektionszahlen in Afrika, Zentralasien, Osteuropa und dem Nahen Osten. So zeigten knapp sieben Prozent der Menschen, die 2010 in Entwicklungs- und Schwellenländern eine Aids-Therapie begannen, zumindest gegen einige Medikamente eine Resistenz, wie aus einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervorgeht, der auf der Konferenz vorgestellt wurde. In hoch entwickelten Ländern schlugen einige Anti-HIV-Mittel sogar bei zehn bis 17 Prozent der Behandelten nicht an – auch weil die Medikamente dort schon länger verfügbar seien. Am schnellsten breiteten sich die Resistenzen in Ostafrika aus. Allerdings zeigt der Einsatz anti-retroviraler Medikamente nach wie vor positive Ergebnisse. Menschen, die von HIV/Aids betroffen sind, können dank deren Wirkung arbeiten und ihre Familien versorgen. Die indische ASHA-Stiftung verwies während der Konferenz auf die große Bedeutung der anti-retroviralen Therapie für die Armutsbekämpfung von HIV-positiven Menschen in Indien.

„Uns ist es dank anti-retroviraler Medikamente allein in einem Jahr gelungen, in 30 Kliniken 3 600 aidskranke Erwachsene und 160 HIV-positive Kinder umfassend und fachgerecht zu betreuen“, sagte die Projektleiterin der Stiftung, Dr. Glory Alexander, in einem Interview mit der Kindernothilfe Österreich.

Weiterhin ein Problem bleibt aber die ausreichende Finanzierung, um Infizierte adäquat versorgen und wirksame Präventionsmaßnahmen ergreifen zu können. UNAids-Direktor Sidibé forderte die europäischen Staaten auf, trotz Eurokrise ihre gegebenen Versprechen einzuhalten. „Ich mache mir Sorgen um die Zukunft der globalen Solidarität“, sagte er. Jährlich fehlten rund sieben Milliarden Dollar. „Diese Finanzierungslücke kostet Menschenleben. Dies ist keine Zeit für Isolationismus – es ist eine Zeit für Zusammenhalt.“ US-Außen-ministerin Hillary Clinton kündigte auf der Konferenz neue Investitionen in Millionenhöhe an, die der weltweiten Behandlung, Vorsorge und Forschung zugute kommen sollen. „Die USA sind dem Ziel einer Aids-freien Generation verschrieben und sie werden es bleiben. Das ist ein Kampf, den wir gewinnen können. Wir sind schon weit gekommen.“

Nicht zu viel Optimismus

Vor zu optimistischen Prognosen warnen jedoch mehrere Hilfsorganisationen. „Die Geschwindigkeit, mit der die Behandlung ausgebaut wird, und die finanziellen Mittel müssen verdoppelt werden“, forderte Oliver Moldenhauer von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Auch er betonte, dass immer öfter neue Medikamente benötigt würden, weil das Virus gegen die bisherigen Medikamente zunehmend Resistenzen ausbilde. Die HIV/Aids-Epidemie sei noch lange nicht unter Kontrolle. Auch Microsoft-Gründer Bill Gates, der zusammen mit seiner Frau Melinda über eine milliardenschwere Stiftung die Aids-Bekämpfung unterstützt, bremste die Euphorie. „Wir brauchen viel mehr Instrumente im Kampf gegen Aids. Nur damit – und letzten Endes mit einem Impfstoff – können wir über ein Ende der Epidemie sprechen. Niemand sollte denken, dass wir diese Instrumente schon haben, aber wir werden dahin kommen.“

Aids sei heute eine meist vermeidbare Folge der HIV-Infektion, sagte Carsten Schatz, Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe. „Obwohl wir auf eine Heilung noch länger werden warten müssen, können wir die Krankheit tatsächlich ,beenden’, wenn wir alle Menschen an den Erfolgen von Therapie und Prävention teilhaben lassen.

Ob dies gelingt, ist eine Frage des politischen Willens.“ eb


Weitere Bilder
Bilder schließen