Filter Bubble

Im eigenen Netz gefangen

Internetuser bewegen sich in einer „Filter Bubble“, sagt der amerikanische Polit-Aktivist Eli Pariser. Sie entsteht, weil Internetkonzerne unser Surfverhalten analysieren und daraus einen personalisierten Filter errechnen. Dadurch erfährt jeder in seiner Blase vorrangig die Dinge, die ihn sowieso schon interessieren. Das schränkt den Horizont ein und gefährdet die Mündigkeit der User, warnt Pariser.

Das Internet ist schneller als die Zeitung? Ja, oft werden die User in ihren Ansichten bestätigt und anderslautende Informationen nicht angezeigt. Foto: Fotolia.com - Sergej Khackimullin

Für Ärzte und Zahnärzte spielt die Gesundheitspolitik die entscheidende Rolle. Nicht nur die Entscheidungen der Regierungsparteien, auch die Positionen der Opposition sollten die Mediziner im Blick behalten, um zu wissen, wer den Gesundheitsbereich wie gestalten will.

Wer sich online über Politik auf dem Lau-fenden hält, kann aber laut Eli Pariser nicht damit rechnen, neutrale Informationen zu bekommen, denn: Google, Facebook und auch Konsumplattfomen wie Amazon arbeiten mit Algorithmen, die berechnen, welche Ergebnisse am besten zu den Präferenzen und Interessen eines Users passen. Dementsprechend werden die Ergebnisse sortiert: Politisch Konservative erhalten eher gutbürgerliche Nachrichten, Freigeister eher liberale.

Pariser fiel diese Entwicklung eines Tages beim Surfen auf Facebook auf, erzählt er in seinem Buch „Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden“. Seine Kontakte aus den Reihen der republikanischen Partei waren plötzlich aus seinem Newsfeed auf Facebook verschwunden.

Persönlich gelinkt

„Ich tendiere politisch nach links, möchte aber gerne hören, was Konservative denken und habe deshalb extra einige zu meinen Freunden hinzugefügt. Aber ihre Links tauchten nicht mehr unter meinen Neuigkeiten auf. Facebook hatte wahrscheinlich nachgerechnet und bemerkt, dass ich dennoch mehr Links von progressiven als von konservativen Freunden anklickte. Also bekam ich deren Links nicht mehr“, berichtet der 31-jährige Autor.

Auch Google hat sich von Standardergebnissen verabschiedet, teilt Pariser mit. Zum Beweis führt er ein Experiment an, das er mit zwei Freundinnen durchführte. Nach dem Untergang der BP-Bohrplattform „Deep-water Horizon“ und der nachfolgenden Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 ließ er die beiden den Begriff „BP“ googeln. Das Ergebnis: Es erschienen sehr unterschiedliche Links. „Eine Freundin bekam Investmentinformationen zu BP, die andere aktuelle Meldungen zur Katastrophe“, schreibt Pariser.

Diese Tendenz zur Personalisierung von Ergebnissen, die der Netzaktivist beobachtet hat, kann sich auch bei wissenschaftlichen Recherchen bemerkbar machen: Zahnärzte,die sich vorrangig über Neuigkeiten in ihrem Fachgebiet informieren, könnten aufgrund der Filterung spannende Entdeckungen in fachfremden Bereichen verpassen. Diese Informationen sind zwar nicht verschwunden, von den Filtern aber aus dem Zentrum an den Rand gerückt worden.

Dinge zu finden, die über den eigenen Tellerrand hinausgehen, erfordert in einem personalisierten Netz viel Eigeninitiative. Parisers Sorge: Viele User bringen die nicht mit. Mit der Konsequenz, dass sie sich in einem Netz bewegen, das ihnen nur Bekanntes zeigt. Besonders bedenklich wäre das, wenn auch Anbieter von Nachrichten oder Meinungsseiten per Algorithmus vorsortieren würden.

Ahnungslos unterinformiert

Dass die meisten Internetnutzer immer noch glauben, bei Suchanfragen die relevantesten Ergebnisse auf einer neutralen Basis geliefert zu bekommen, findet Pariser sehr gefährlich. Der Personalisierungsstrategien vieler Internetkonzerne seien sich zu viele Menschen nicht bewusst, erklärt er.

Filter werden seit circa fünf Jahren verstärkt eingesetzt. Google hat im Jahr 2007 – ohne große Ankündigung – damit begonnen. Betroffen waren zunächst nur User mit einem Googlekonto. Seit Dezember 2009 personalisiert der Internetkonzern mithilfe von Cookies auch die Daten nicht angemeldeter Nutzer. Bei Facebook registriert ein Filter, mit welchen Freunden man häufig kommuniziert oder welche Seiten man anklickt. Der Filter stuft diese Kontakte und Seiten als besonders relevant ein und vernachlässigt andere – sie erscheinen gar nicht mehr oder nur selten im Newsfeed.

Pariser beschreibt die Gefahr, die er darin sieht, in einem Vortrag zu seiner Filter-Bubble-Theorie (siehe Kasten) wie folgt: „Deine Filter Bubble ist dein persönliches, einzigartiges Universum von Informationen, in dem du online lebst. Was sich in deiner Filter Bubble befindet, hängt davon ab, wer du bist und was du tust. Aber die Sache ist die: Du bekommst nicht die Möglichkeit zu entscheiden, welche Informationen es
hineinschaffen und – noch viel wichtiger – du siehst nicht, welche draußen bleiben.“

Nichtsdestotrotz sind in der täglich wachsenden Flut der Informationen im Netz Filter unerlässlich, um sich als User zurechtzufinden. Ungeachtet der Nachteile. Das streitet auch Pariser nicht ab. Er fordert allerdings transparente Algorithmen und die Möglichkeit für User, ihre Präferenzen selbst festzulegen.

Einseitig betrachtet

Parisers Filter-Bubble-Theorie bringt wichtige Aspekte auf den Tisch, über die man als Internetnutzer Bescheid wissen sollte. Nicht immer informiert der Polit-Aktivist jedoch ausgewogen. So lässt er unerwähnt, dass User von Google und Facebook viele Filtermechanismen ausschalten oder einschränken können. Auf Facebook etwa, indem sie bei „Sortieren“ das Auswahlkriterium „Neueste Nachrichten“ statt „Hauptmeldungen“ wählen. Google bietet die Möglichkeit, das Webprotokoll, in dem alle Aktionen und aufgerufenen Seiten gespeichert werden, zu entfernen. Für User mit Konto geht das unter www.google.com/history, für unregistrierte User auf www.google.com/history/optout. Trotzdem werden auch dann noch einige Daten gespeichert.

Oft kam auch die Kritik, dass Pariser für die drohende Unmündigkeit der Internetnutzer keine Beweise bringe und diese daher reine Spekulation sei. Ein Autor der New York Times merkte außerdem an: „Es ist noch nicht klar, ob Personalisierung das filterfreie Internet ablösen wird oder es nur erweitert. Vielleicht wird diese Entwicklung durch Innovationen ausgeglichen, die es vereinfachen, mit ungesuchter Information in Kontakt zu kommen.“ Er lobte Pariser aber dafür, mit seiner „Filter Bubble“ Aufmerksamkeit auf den Umstand gelenkt zu haben, dass Vermittler von Informationen wie Suchmaschinen oder Onlinenetzwerke immer mehr Macht bekämen, ohne ihre Regeln, Filter und Motivationen hundertprozentig offenzulegen.

Susanne Theisen

Freie Journalistin in Berlin

info@susanne-theisen.de


INFO

Der Netzexperte

Der aus dem US-Staat Maine stam-mende Eli Pariser ist im Netz kein Unbekannter. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 setzte er mit einem College-Kollegen eine Online-Petition für eine nichtmilitärische Reaktion auf die Terroranschläge auf. In weniger als einem Monat kamen mehr als eine Million Unterschriften zusammen. Seine Filter-Bubble-Theorie hat Pariser schon bei verschiedenen Veranstaltungen live vorgestellt, unter anderem im Rahmen der Vortragsreihe „TED Talks“, die sich der Verbreitung innovativer Ideen verschrieben hat. Hier geht’s zur Aufzeichnung:

www.thefilterbubble.com/ted-talk