Viele Fortschritte beim Thema Brustkrebs

Steigende Krankheitszahlen mit rückläufiger Sterblichkeit

Die Zahl der Frauen, die an Brustkrebs erkranken, steigt beständig. Dem steht aber eine sinkende Zahl an Todesfällen gegenüber. Ursache der Diskrepanz sind Fortschritte bei der Früherkennung und auch bei der Behandlung des Mammakarzinoms, wie beim Deutschen Senologiekongress in Stuttgart dargelegt wurde.

Das Brustkrebsscreening ist aus Expertensicht mitverantwortlich für die Rückläufige Sterblichkeit am Mammakarzinom, Foto: yourphototoday

Brustkrebs im MRT Foto: F1 online

Auf knapp 75 000 wird die Neuerkrankungsrate beim Brustkrebs in Deutschland beziffert. Rund 17 500 Todesfälle gehen auf das Konto des Tumors, wobei seit einigen Jahren eine abnehmende Tendenz der Sterblichkeit zu registrieren ist. Die Zahl der Neuerkrankungen steigt dagegen infolge der demografischen Entwicklung stetig an. Die Zahlen belegen laut Prof. Dr. Wilfried Budach, Düsseldorf, dass die Mehrzahl der Frauen, die heutzutage an Brustkrebs erkranken, die Krebserkrankung überlebt.

Das dürfte zum einen an den durch das Mammografie-Screening verbesserten Früherkennungsmaßnahmen liegen, die zur Folge haben, dass viele Tumore in einem früheren Stadium erkannt werden. Gleichzeitig kämen aber auch Fortschritte bei der Behandlung zum Tragen, hieß es in Stuttgart. So habe sich durch die Etablierung zertifizierter Brustzentren die Behandlungsqualität entscheidend verbessert, berichtete Kongresspräsident Budach. Dazu trägt nach seinen Worten in entscheidendem Maß die verbesserte interdisziplinäre Zusammenarbeit der Onkologen, Chirurgen und Strahlentherapeuten in den Zentren bei. Zudem würden dort eine qualitätsgesicherte Versorgung und eine leitlinienkonforme Behandlung gewährleistet. „Derzeit sind 265 Brustzentren bundesweit zertifiziert, und 92 Prozent der Frauen mit Brustkrebs werden mittlerweile in einem solchen Zentrum behandelt“, erklärte Prof. Dr. Diethelm Wallwiener aus Tübingen.

Davon unabhängig wurden in den vergangenen Jahren Behandlungskonzepte erarbeitet, die auf das Stadium und die Aggressivität des Tumors abgestimmt sind. Dies ist insbesondere bei der Strahlentherapie der Fall, die in ihrer Bedeutung beim Mammakarzinom lange umstritten war. Inzwischen ist laut Budach in Studien gut dokumentiert, dass die Radiotherapie die Rezidivrate über zehn Jahre gerechnet halbiert.

Ultraschall ortet den Tumor während der OP

Auch bei der Mammachirurgie gibt es Fortschritte: Bislang orientierten die Chirurgen sich bei der Lokalisation des Karzinoms während der Operation vor allem an der präoperativen Bildgebung und am Tastbefund. Nicht selten stellte sich bei der pathologischen Untersuchung dann jedoch heraus, dass der Tumor nicht mit ausreichendem Sicherheitsabstand entfernt wurde, so dass nachreseziert werden musste. Inzwischen ist es möglich, den Tumor intraoperativ per Ultraschall darzustellen. Das erleichtert das Aufsuchen des Tumors, vor allem, wenn dieser klein und nur schwer palpabel ist. Damit erhöht sich die diagnostische Sicherheit, der Tumor wird zuverlässiger vollständig reseziert und zugleich wird die unnötige Entfernung von gesundem Gewebe vermieden.

Weitere Fortschritte wurden in Stuttgart hinsichtlich der systemischen Tumortherapie berichtet, die zunehmend zielgerichtet und – so hieß es vor Ort – „personalisiert“ erfolge. „Dank der immer besser möglichen molekularen Charakterisierung der Tumore gelingt es zunehmend, aus der länger werdenden Liste der verfügbaren Medikamente den jeweils richtigen Wirkstoff für die richtige Patientin auszuwählen“, erläuterte Prof. Dr. Andreas Schneeweiß aus Heidelberg. Er ist überzeugt, dass die Entwicklung molekularer Biomarker und zielgerichteter Antitumormedikamente vielen Krebspatienten die Chance auf eine besser wirksame Behandlung mit geringeren Nebenwirkungen und besseren Überlebenschancen eröffnet.

Antikörper als Vehikel für Zellgifte

Wie raffiniert die modernen Strategien sind, machte Schneeweiß an einem Beispiel deutlich: So wurde kürzlich beim weltgrößten Krebskongress, dem ASCO, eine erste Studie zu einem Wirkstoffkonjugat vorgestellt, das aus einem HER2-Antikörper und einem Zytostatikum besteht und damit die Prinzipien der althergebrachten Chemotherapie mit den modernen Möglichkeiten der Antikörperbehandlung und der zielgerichteten Therapie kombiniert. Der Clou: Der Antikörper dient quasi als Vehikel, das das Zytostatikum – ein hochwirksames Zellgift, das ohne Antikörperschutz nicht verabreicht werden könnte – gezielt in die Tumorzellen einschleust.

Denn der Antikörper transportiert das Zytostatikum zur Tumorzelle, bindet dort an spezielle Rezeptoren, die sogenannten HER2-Rezeptoren, auf der Zelloberfläche und wird dann zusammen mit dem Zytostatikum in die Zelle aufgenommen. Dort wird das Konjugat gespalten, das Zytostatikum wird frei und kann die Tumorzelle quasi von innen heraus zum Absterben bringen. Eine erste Erprobung des neuen Konzepts beim Menschen zeigt, dass Frauen mit metastasiertem, HER2-positivem Brustkrebs, die mit dem Konjugat behandelt werden, deutlich länger tumorfrei leben als Frauen, die eine herkömmliche Chemotherapie erhalten. Es gibt außerdem erste Hinweise darauf, dass sich durch die neue Strategie auch die gesamte Lebenszeit deutlich verlängern lässt. Das Konjugat kann offenbar das Fortschreiten der Erkrankung hemmen und hat dabei vergleichsweise wenig Nebenwirkungen, so Schneeweiß.

Chemo-Indikation wird sich verändern

Mit neuen Testverfahren lässt sich außerdem die Konzentration bestimmter Boten-RNA in Brustkrebszellen analysieren. Die ermittelten Gen-Expressionsprofile erlauben eine bessere Abschätzung des Krankheitsverlaufs und geben außerdem konkrete Hinweise auf die Sensitivität der Zellen gegenüber einer Chemotherapie. Die Testungen können bislang nur retrospektiv vorgenommen werden, an prospektiven Verfahren wird jedoch intensiv gearbeitet. Sobald solche Signaturen möglich sind – was nach Schneeweiß in absehbarer Zukunft der Fall sein dürfte – könnten die Tests helfen, vielen Frauen mit neu diagnostiziertem Brustkrebs eine Chemotherapie zu ersparen. Schneeweiß: „Wir gehen davon aus, dass wir bei 15 bis 30 Prozent der Frauen auf die klassische Chemotherapie verzichten können, ohne ihre Heilungschancen zu beeinträchtigen.“

Christine Vetter Merkenicher Str. 225

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