Gastkommentar

Bürgernah

Deutschlands Patienten sind mit dem Gesundheitssystem weitgehend zufrieden, so die Analyse der Fachjournalistin Dr. Jutta Visarius vom LetV-Verlag, Berlin, zu einer Umfrage des BKK-Bundesverbands. Foto: privat

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Deutschlands Patienten sind mit dem Gesundheitssystem weitgehend zufrieden, so die Analyse der Fachjournalistin Dr. Jutta Visarius vom LetV-Verlag, Berlin, zu einer Umfrage des BKK-Bundesverbands. Anfang September veröffentlichte der BKK-Bundesverband die Ergebnisse einer repräsentativen Bürgerumfrage zur Einschätzung der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Endlich werden Bürger, damit auch Versicherte und Patienten, nach ihrem Urteil, ihren Vorstellungen und ihren Wünschen befragt. Üblicherweise wissen alle, Politik, Ärzte oder Krankenkassen, was Bürger, Versicherte und Patienten wollen und benötigen. Oft werden die eigene Klientelpolitik, Honorarforderungen und strukturelle Vorstellungen mit den vermeintlichen Wünschen und Nöten der Bürger begründet, um die es aber nur selten geht. Die Umfrage, durchgeführt von einem renommierten Institut, umfasst ein Sample von 4 023 Bürgern. Damit sind valide Aussagen differenziert nach Region, Geschlecht,Altersklassen, Bildung und Einkommen, GKV und PKV möglich.
Die Fragen waren klar und leicht verständlich, die Antworten eindeutig: 77 Prozent der Bürger sind mit der Gesundheitsversorgung sehr oder eher zufrieden! 27 Prozent berichteten von negativen Erfahrungen mit Ärzten, Krankenhäusern und Krankenversicherungen in den vergangenen zwei Jahren. 74 Prozent wollen, dass die Überschüsse der GKV im System bleiben, 43 dass investiert wird, 31 Prozent wollen, dass die Überschüsse als Rücklagen verwendet werden, und nur 20 Prozent votierten für eine Prämienausschüttung.
Bürgerinnen und Bürger sind offensichtlich klüger als viele Politiker und Funktionäre. Sie wollen, dass für schlechtere Zeiten vorgesorgt oder in das Gesundheitswesen für eine verbesserte Versorgung investiert wird: 27 Prozent nannten Leistungen, zum Beispiel Zahnersatz, 22 Prozent Altenpflege, Kinder und Jugendliche, Chroniker, 21 Prozent die Versorgung auf dem Land, Verkürzung der Wartezeiten, 19 Prozent die Vorsorge, 16 Prozent Forschung, insbesondere Krebsforschung, 16 Prozent wollten es für eine bessere Krankenhausversorgung eingesetzt wissen. Nur elf Prozent wollen, dass die Praxisgebühr abgeschafft wird!
Die Bürger wurden auch gefragt, welche Zusatzleistungen eine Krankenkasse für sie bieten müsste, damit sie genau in dieser und in keiner anderen Krankenkasse versichert sein wollen. Die Antworten dürften besonders die Zahnärzteschaft erstaunen: 78 Prozent wollten, dass Kunststoff- statt Amalgamfüllungen bezahlt werden, 76 Prozent Brillen und Kontaktlinsen, 66 Prozent alternative Heilmethoden, 63 Prozent wollen einen attraktiven Geldbonus, 61 Prozent eine professionelle Zahnreinigung!
Offensichtlich wollen die Bürger möglichst eine Rundumversorgung. Dazu gehören auch Zahnersatz, Kunststofffüllungen und eine professionelle Zahnreinigung. Sie wollen keine Barauszahlung aus den Überschüssen, die nicht zuletzt auch durch die von der Politik erhöhten Beiträge entstanden sind. Die Bürger sind gegen weitere Einschränkungen des Leistungskatalogs, im Gegenteil, sie wollen mehr solidarisch finanzierte Leistungen. Damit sprechen sie sich klar gegen die Tendenz zur Leistungsausgrenzung seit den 1990er-Jahren aus.
Eine bürgernahe Gesundheitspolitik hieße folglich, eine Trendwende einzuleiten, zumindest aber zu erlauben, alle Eingrenzungen des Leistungskatalogs über Satzungsleistungen zu revidieren, was zum Beispiel mit Selektivverträgen möglich wäre. Das würde den Wettbewerb zwischen den Krankenkassen verstärken, auch ohne eine Beitragsautonomie. Diese wurde, obwohl plausibel, von den Bürgern nicht präferiert, sie ziehen den Einheitsbeitrag vor. Für die Leistungserbringer brächte eine solche Trendwende aber erhebliche Konsequenzen mit sich, die sich zum Beispiel jeder Zahnarzt unschwer in Euro und Cent ausrechnen kann. Diese Mindereinnahmen könnten durch einen größeren Leistungszugang und flexible Verträge kompensiert werden.
Übrigens – die Antworten von GKV- und PKV-Versicherten unterschieden sich kaum.

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