Fachkräftemangel in der EU

Komplexe Strategien

Ist der europäische Binnenmarkt eine Gefahr für die Freien Heilberufe und für die Qualität der Versorgung? Dieser Fragestellung widmete sich der Europatag der Bundeszahnärztekammer am 5. September in Berlin. Experten aus Politik, Standespolitik und Wissenschaft diskutierten über Mobilität, Migration, berufliche Anerkennung und die Rolle der Gesundheitsberufe.

BZÄK-Präsident Engel fordert bessere Anreize, um junge Ärzte für den Beruf zu motivieren Foto: BZÄK-Axentis.de

Annette Widmann-Mauz will mehr Transparenz bei den Anerkennungsverfahren. Foto: BZÄK-Axentis.de
Intensiver Austausch zum Fachkräftemangel in Europa (v.l.n.r.): Caroline Hager, Prof. Dr. Winfried Kluth, Dr. Rolf Koschorrek, Dr. Peter Engel, Gertrud Stöcker, Dr. Volker Grigutsch und Dr. Ursula Weidenfeld Foto: BZÄK-Axentis.de

BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel ging in seiner Einführung auf den sich anbahnenden Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ein, der einerseits durch den demografischen Wandel begründet sei, aber auch auf fehlende Leistungsanreize, auf staatliche Reglementierungen oder auf Berufskarrieren jenseits der eigentlichen medizinischen Ausbildung zurückzuführen sei. Die EU habe das Problem erkannt und suche trotz ihrer in diesem Bereich begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten nach Lösungen. Engel verwies auf den veröffentlichten „Aktionsplan Gesundheitsberufe“ und die „Joint Action Gesundheitsberufe“, mit denen künftige Bedarfe an Gesundheitspersonal besser ermittelt und abgestimmt werden sollen.
Für die Zahnärzteschaft stelle sich die Frage, welche Auswirkungen der Fachkräftemangel auf die Qualität zahnärztlicher Leistungen haben werde. In einigen ländlichen Regionen stehe man bereits vor Versorgungsproblemen, zudem könne der Fachkräftemangel durch die steigende innereuropäische Mobilität der Beschäftigten noch verschärft werden.

Die Mobilität regulieren

Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Annette Widmann-Mauz, stellte die Position des BMG zur Revision der Berufsanerkennungsrichtlinie dar. „Mobilität und ihre Möglichkeiten“ würden nicht genügend ausgeschöpft. Ziel der Bundesregierung sei es daher, die Anerkennungsverfahren einfacher, transparenter und nutzerfreundlicher zu machen. Dabei stehe die Richtlinie „im Spannungsfeld mit dem Aktionsplan für die Gesundheitsberufe“. Einerseits könne eine höhere Mobilität helfen, den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen zu lindern. Der Aktionsplan wolle aber andererseits auch dazu beitragen, wirksame Strategien zur Bindung von Fachkräften in den Mitgliedsstaaten zu entwickeln.
Einige Punkte im Revisionsverfahren erachte die Bundesregierung als kritisch für die Zahnärzte. So wolle die EU-Kommission delegierte Rechtsakte erlassen, um in vereinfachten Verfahren Belange des beruflichen Kenntniserwerbs zu regeln. Dies sei, so Widmann-Mauz, aber ausschließlich Sache der Mitgliedsstaaten. Zu begrüßen sei hingegen ein Vorwarnmechanismus, durch den die zuständige Behörden verpflichtet werden, vor Fachkräften zu warnen, denen die Ausübung ihres Berufs untersagt wurde. Dies sei ein Schritt hin zu einem verbessertem Informationsaustausch und zu mehr Qualitätssicherung. Begrüßenswert sei außerdem die systematische Einführung von Sprachprüfungen. Entschieden abzulehnen sei die geplante Zugangsvoraussetzung zur Krankenpflege- und Hebammenausbildung von zehn auf zwölf Jahre.

Die Bedarfe ermitteln

Die Gesundheitswirtschaft sieht Caroline Hager, Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz der EU-Kommission, als wichtigen Motor für neue Arbeitsplätze in Europa. Die Kommission schätze, dass dort bis zum Jahr 2020 rund eine Million Fachkräfte fehlen, vor allem Allgemeinmediziner und Krankenpfleger. Verstärkt sei mit einer ungleichen Stadt-Land-Verteilung zu rechnen. Die Kommission habe keine Kompetenz für die Rechtsetzung, sondern übe koordinierende Funktion aus, etwa durch den Austausch von „best practices“.
Im April wurde, so Hager, ein EU-Aktionsplan für Fachkräfte im europäischen Gesundheitswesen vorgelegt, der drei Aktionsbereiche vorschlägt:

• Die Verbesserung der Planung und der Prognose des Bedarfs an Fachkräften, etwa durch die systematische Sammlung von Daten und die Erstellung von Studien.
• Die verbesserte Abstimmung des Kompetenzbedarfs auf die Bedürfnisse im Gesundheitswesen. Hier wird eine Studie zum Überblick über die Vielfalt der Weiterbildungen in den einzelnen Staaten vorgeschlagen.
• Die Verbesserung von Strategien zur Personalbeschaffung und -bindung, um die Arbeit effizienter und attraktiver zu machen.

Um den Aktionsplan umzusetzen, sind entsprechende EU-Finanzmittel vorgesehen.

Die Qualität garantieren

Welche Auswirkungen hat der Fachkräftemangel auf die Qualität der Gesundheitsversorgung in der EU und und wie kann die hohe Qualität heilberuflicher Dienstleistungen auch in Zukunft europaweit sichergestellt werden? Experten aus Politik, Wissenschaft und Verbänden diskutierten diese Frage und skizzierten mögliche Lösungen, moderiert von der Wirtschaftsjournalistin Dr. Ursula Weidenfeld. Prof. Dr. Winfried Kluth, Institut für Kammerrecht am Lehrstuhl für Öffentliches Recht der Universität Halle-Wittenberg, verwies auf Vorschläge des Wissenschaftsrats, die Berufsbilder im Gesundheitswesen neu zu ordnen und die Gesundheitsberufe auf Hochschulniveau anzuheben, was erheblichen Konfliktstoff in sich berge. Für Gertrud Stöcker, Vizepräsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, ist die Professionalisierung der Pflegeberufe und die Organisation in Pflegekammern der richtige Weg. Herausforderungen wie die Demografie und die wachsende Multimorbidität in der Bevölkerung machen laut Dr. Rolf Koschorrek, MdB, Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Gesundheitsausschuss und Präsident des Bundesverbands der Freien Berufe, eine verstärkte Zusammenarbeit über Sektoren hinweg und eine Stärkung der Selbstverwaltung erforderlich.

Die Flexibilität erhöhen

Ministerialdirigent Dr. Volker Grigutsch, Bundesgesundheitsministerium, arbeitete Gemeinsamkeiten bei der Analyse des Fachkräftemangels, aber Unterschiede bei den Lösungswegen der einzelnen Gruppierungen heraus. BZÄK-Präsident Engel brachte die „saubere Trennung“ von Substitution und Delegation ein. Befund, Diagnose und Therapie gehörten allein in die Hand des Arztes. Die Schnittstelle der Zahnmedizin zur Medizin müsse herausgearbeitet, die zahnärztliche Selbstverwaltung gestärkt und staatliche Reglementierungen müssten zurückgefahren werden.

Das Fazit aus Sicht aller Beteiligten: Veränderung und mehr Flexibilität tun not.pr

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