Geldgeschäfte auf andere Art

Zinsen nicht erlaubt

Geld anlegen und Häuser finanzieren ohne Zinsen – auf dieser Basis funktioniert „Islamic Banking“. Was bei manchem Kleinanleger Misstrauen weckt, findet bei Finanzexperten durchaus Anklang. Gewinne machen auf realer Basis lautet die Devise bei den Scharia-konformen Anlagen. Und: Zocken ist verboten.

Auch beim Islamic Banking liegen beiderseitige Profite im Interesse von Kundenund Finanzinstituten.

Nach islamischem Recht sind bei Geldgeschäften Zinsen oder die Investition in Anlagen von Unternehmen der Alkohol- oder Schweinefleischproduktion verboten Foto: picture alliance
Inwieweit das Geschäftsmodell der Kuveyt Türk hierzulande Erfolg hat, bleibt angesichts der schwierigen Einkommenssituation vieler Muslime abzuwarten. Fot: Reuters

Mit ausländischen Banken, die fremd klingende Namen tragen, sind deutsche Anleger bestens vertraut. Bieten sie doch häufig die höchsten Zinsen für die Spargroschen. Jetzt bekundet ein weiteres Institut aus dem Nahen Osten großes Interesse am deutschen Bankenmarkt. In den kommenden Wochen will die Kuveyt Türk Bank bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) einen Antrag auf eine Vollbanklizenz einreichen. Zurzeit betreibt sie in Mannheim eine Filiale mit eingeschränktem Geschäftsbereich. Die Angebotspalette soll nun erweitert werden. Allerdings liegt es nicht in ihrer Absicht, ähnlich wie die bereits etablierten Konkurrenten mit noch höheren Zinsen die Kundschaft anzulocken. Im Gegenteil: Bei der Kuveyt Türk Bank wird es überhaupt keine Zinsen geben. Denn die zu 62 Prozent zum „Kuwait Finance House“ gehörende türkische Bank mit Sitz in Istanbul richtet ihre Produkte nach der Scharia aus. Damit ist die Gesamtheit der islamischen Gesetze gemeint. Anders als zum Beispiel in Deutschland handelt es sich nicht um eine fest verankerte Gesetzessammlung wie das Bürgerliche Gesetzbuch. Vielmehr stellt die Scharia eine Methode zur Rechtsauslegung dar.

Keine hochspekulativen Geschäfte

Gemäß dem islamischen Recht gelten für Bankgeschäfte strenge Regeln. So dürfen die Geldinstitute weder Zinsen auf Einlagen zahlen, noch für Kredite Zinsen kassieren. Sparbücher, Fest- und Tagesgeldkonten gibt es nicht. Ebenso steht der Kauf von Anleihen auf dem Index. Verboten sind alle Investitionen in westliche Versicherungen, Unternehmen aus den Bereichen Alkohol, Tabak, Schweinefleisch, Rüstungsprodukte, Glücksspiel und Unterhaltungsindustrie. Darüber hinaus wendet sich die Scharia gegen hochspekulative und derivative Produkte. Wenig Schariakonform sind die meisten Zertifikate, Leerverkäufe, Subprime-Kredite und Termingeschäfte herkömmlicher Banken. Sie alle gelten als potenzielle Krisenverstärker im westlichen Finanzsystem.

Das heißt aber nicht, dass gläubige Muslime auf Erträge verzichten. Im Gegenteil: Urgulu Soylu, Geschäftsleiter der Kuveyt Türk Bank in Mannheim sagt: „Profite sind ausdrücklich erwünscht.“ Aber im Gegensatz zum westlichen Finanzsystem muss im Islamic Banking jeder Handel mit einem realen Gut unterlegt sein. So ist es kein Problem, auch in Aktien zu investieren, solange sich das Unternehmen nicht mit einem der verbotenen Güter befasst. Welche Aktien „halal“, also Scharia-konform sind, lässt sich aus der Zusammensetzung des Aktienindexes „MSCI World Islamic“, zu finden unter anderem im Internet, ablesen. Wer sicher sein will, investiert gleich in entsprechende Indexfonds wie den „iShares MSCI World Islamic“. Ebenfalls im Angebot sind islamische Fonds. Mit mehr Risiken behaftet als ein herkömmlicher Sparbrief sind dies Möglichkeiten, die für Kleinanleger geeignet sind. So wandern die Spargroschen bei der Kuveyt Türk Bank zum Beispiel in einen Pool. Aus diesem Topf, der mit den Einlagen vieler Sparer gefüllt ist, verleiht die Bank Geld an Unternehmer, die in Projekte investieren wollen. Statt Zinsen zu kassieren, beteiligen sich Anleger und Bank am Gewinn, aber auch an den Verlusten. Der Anteil der Bank liegt zwischen fünf und 25 Prozent. „Musharaka“ heißt das Produkt und ähnelt von der Struktur her einer Private-Equity-Anlage.

Nur mit realem Gegenwert

Als Alternative zu den konventionellen Anleihen erlaubt der Koran Firmen und Staaten einen Mittelweg zwischen Aktien und Anleihen, die „Sukuk“ (Singular: Sakk). Normalerweise leiht der Käufer der bei uns üblichen Anleihen dem Schuldner Geld gegen Zinsen und erwirbt damit einen schuldrechtlichen Anspruch, den der Schuldner erfüllen muss, egal was er mit dem Geld macht. Ein Sakk aber muss einen realen Gegenwert haben wie zum Beispiel eine Immobilie oder ein Nutzungsrecht. Als Gegenwert verboten sind Kreditpakete, deren Handel einen großen Teil der Finanzkrise verursacht hat. Der Sakk hat eine feste Laufzeit und es gibt keine Dividende. In der Praxis funktioniert das Produkt so: Ein Land verkauft Immobilien an eine zu diesem Zweck gegründete Gesellschaft („Special Purpose Vehicel“, SPV). Diese Gesellschaft vermietet die Immobilien wieder an das Land, kassiert die Miete und darf Gewinn machen. Anleger können Anteile an dieser Gesellschaft kaufen und sind so an Gewinn und Verlust beteiligt.

Hausfinanzierung funktioniert im Islamic Banking ohne Zinsen. Statt eine Hypothek zu vergeben, kauft die Bank das Haus und verkauft es zu einem höheren Preis an den Kunden zurück. Bei dieser „Murahaba“ genannten Finanzierung zahlt er letztendlich wie bei einem Kredit seine Schuld in Raten ab. Auf diese Weise tragen beide Seiten die Risiken des Kreditausfalls. Probleme dabei bereiten in Deutschland derzeit noch die Steuergesetze: Sowohl beim Kauf als auch beim Verkauf einer Immobilie wird hierzulande die Grunderwerbssteuer fällig. Alle Produkte auf dem islamischen Finanzmarkt bedürfen der Prüfung. Die Auslegung der im Koran vorgegebenen Prinzipien erweist sich nicht immer als einfach. Es gibt in der muslimischen Welt keine einheitliche Interpretation, an die sich Banken und Konsumenten halten können. Im Finanzwesen muss bei jedem Produkt neu entschieden werden, ob es erlaubt, also halal, oder verboten – „haram“ – ist. In der Regel lassen sich Banken und auch Versicherungen von einem Komitee beraten, das sich aus Experten in religiösen Angelegenheiten zusammensetzt. Diese fällt dann ein Urteil, „Fatwa“ genannt, und entscheidet über die Einführung des Produkts.

Bankenaufsicht gibt Zustimmung

Die BaFin sieht kein Problem für die Genehmigung einer Vollbanklizenz für die Kuveyt Türk, sollte sie einen Antrag einreichen. Im Gegenteil, die Finanzdienstaufseher zeigen großes Interesse am Islamic Banking. In diesem Jahr veranstaltete die Behörde zum zweiten Mal eine Islamic-Finance-Konferenz, auf der die Präsidentin der BaFin, Dr. Elke König, die Frage stellte: „Hätte die Finanzkrise verhindert werden können, wenn die Finanzwelt den Regeln des islamischen Rechts, der Scharia, gefolgt wäre?“ Grundlegende Prinzipien wie konsequentes Risikomanagement trügen ihrer Meinung nach dazu bei, ein sicheres und funktionsfähiges internationales Finanzsystem zu gewährleisten. Sie versicherte, dass die Tatsache, dass ein Produkt nach religiösen Grundsätzen entwickelt wurdei, in Deutschland kein Problem darstelle: „Die deutsche Aufsichtsgesetzgebung ist weltanschaulich neutral. Jeder Finanzdienstleister und jedes Produkt müssen jedoch den Anforderungen der relevanten Gesetze entsprechen – soweit sie darunter fallen. Selbes Geschäft, selbe Regel.“

Bislang gibt es noch keine islamische Bank mit Hauptsitz in Deutschland. Die Deutsche Bank hat zwar eine Abteilung für Islamic Banking eingerichtet, um eventuelle Wünsche ihrer rund 380 000 türkischstämmigen Kunden zu erfüllen. Doch aggressiv Werbung betreibt sie dafür nicht. Die meisten Kunden muslimischen Glaubens begnügen sich mit den hier üblichen Produkten. Insgesamt leben in Deutschland etwa 4,4 Millionen Menschen türkischer Abstammung, die als potenzielle Interessenten für Islamic Banking betrachtet werden können. Sie verfügen über ein geschätztes Vermögen von 20 Milliarden Euro. Doch eine Untersuchung der Stresemann-Stiftung hat ergeben, dass die schwierige Einkommenssituation vieler Muslime die Nachfrage klein hält. Sie kommt zu dem Schluss, dass eine Scharia-konforme Geldanlage hierzulande kaum eine Zukunft hat.

Ähnlich skeptisch beurteilt der auf Islamic Finance spezialisierte Rechtsanwalt Jens- Peter Gieschen die Situation. Wie die BaFin-Chefin sieht er im islamischen Finanzsystem durchaus Chancen, die helfen können, die Krise zu bewältigen. Andererseits hält er die deutschen Anleger nicht für aufgeschlossen genug, um sich für die Scharia-konformen Produkte zu interessieren. Dazu addieren sich die steuerlichen Probleme. Er zieht eine pessimistische Bilanz: „Diese einzelnen Aspekte sind es, die mich daran zweifeln lassen, dass es in naher Zukunft hier einen Markt für Islamic Finance geben wird.“

Erfolg islamischer Banken in Großbritannien

Dass es auch anders geht, zeigt die Situation in Großbritannien. Dort agieren bereits fünf islamische Banken mit wachsendem Erfolg. Großbanken wie die „HSBC“ betreiben ebenfalls mit Engagement Islamic Banking. Die Regierung hat schon in der Vergangenheit ihren Teil dazu beigetragen, indem sie die Steuergesetze angepasst hat. So fällt bei der Hausfinanzierung die Grunderwerbssteuer nur einmal an, weil man das Ganze als einen Vorgang betrachtet. Ähnlich in Frankreich. Weltweit prognostiziert man dem Islamic Banking enorme Wachstumschancen. So rechnet die Deutsche Bank in einer Ende 2011 veröffentlichten Studie mit einer Verdopplung der unter Scharia-Gesichtspunkten verwalteten Geldbeträge von rund 940 Milliarden auf 1,8 Billionen Dollar bis 2016.

Den bisherigen Misserfolg in Deutschland erklärt der Direktor des „Institut für Islamic Banking Finance“ in Frankfurt, Zaid el-Mogaddedi, in einem Interview mit der Deutschen Welle mit einer eher schlechten Marketingstrategie: „Die entscheidenden Punkte werden sein, ob die islamischen Banken ein interessantes Produktportfolio und einen guten Service bieten und ob die Kommunikation so eindeutig ist, dass Muslime und Nicht-Muslime erkennen, dass die Banken eine interessante Alternative bieten.“

Dass auch ein ethisch-fundiertes Finanzsystem nicht immer funktioniert, zeigt die Fast-Pleite des Emirats Dubai. Vor negativen Auswüchsen ist wohl kein System gefeit.

Marlene Endruweit

Fachjournalistin für Finanzen

m.endruweit@netcologne.de

INFO

Die Ziele der Kuveyt Türk Bank

Dass Islamic Banking auch bei den rund 4,4 Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland bislang kaum auf Interesse stieß, sieht der Geschäftsleiter des Kuveyt Türk Finanzdienstleistungsinstituts in Mannheim als Herausforderung an. Er glaubt, dass es bis jetzt an geeigneten Angeboten gefehlt hat. Kuveyt Türk will besonders auf Transparenz achten. Jedes Produkt ist mit einem realen Gut oder einer Dienstleistung unterlegt und nach ethischen Grundsätzen konstruiert. Damit will sich das Geldinstitut in der Nähe der hiesigen alternativen Banken wie GLS oder Ethikbank positionieren und auch deren Kundschaft ansprechen.

Um diesen Anspruch zu unterstreichen, plant Kuveyt Türk den Ethikrat, der jedes Produkt prüft, um je ein jüdisches und ein christliches Mitglied zu erweitern. Auch mit dem Finanzministerium steht man schon in Kontakt, um eine Verbesserung der steuerlichen Bedingungen zu erreichen.

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