„Hasenscharte“ und „Wolfsrachen“

Korrekte Bezeichnungen wählen

Ärzte und Zahnärzte sollten beim professionellen Umgang mit Betroffenen, aber auch im Alltag zeitgemäße, neutrale Termini etablieren helfen. Da auf diesem Sektor doch vereinzelt „Missbrauch“ getrieben wird, veröffentlichen wir einen Beitrag zu diesem Thema, der im Deutschen Ärzteblatt 6/2012 erschienen ist, mit freundlicher Genehmigung des Verlags in leicht modifizierter Form.

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Spaltpatienten lehnen die Verwendung von Begriffen wie „Hasenscharte“ oder „Wolfsrachen“ mehrheitlich ab. Foto: privat

Zoomorphologische Begriffe sind in der medizinischen und in der umgangssprachlichen Terminologie weit verbreitet. Die „Elephantiasis“, die „Ichthyosis“, die „Facies leon(t)ina“ oder das „Vogelgesicht“ sind einige wenige Beispiele für eine Fülle von Bezeichnungen, deren Zustandekommen auf tatsächlichen oder vermeintlichen morphologischen Analogien zu Tierphysiognomien beruht. Insbesondere für Spaltbildungen des Gesichts findet man in der älteren Medizinliteratur häufig Zoomorphismen, wie „Hasenscharte“ und „Wolfsrachen“. Diese Begriffe werden bis heute von medizinischen Laien, aber auch noch von Ärzten benutzt. Dies ist problematisch, als die betroffenen Patienten selbst sich durch diese Bezeichnungen unangenehm berührt fühlen könnten.

Der Terminus „Hasenscharte“ ist schon sehr alt. In der deutschsprachigen medizinischen Literatur kann er erstmals im Jahre 1460 sicher nachgewiesen werden. Allerdings war wohl nicht nur der deskriptiv-morphologische Vergleich zur Oberlippe des Hasen namensgebend. In Europa ebenso wie im asiatischen und im angloamerikanischen Kulturkreis glaubte man jahrhundertelang, dass das (schreckhafte) Betrachten eines Hasen, das Denken an einen Hasen oder das Verlangen nach Hasenfleisch während der Schwangerschaft zur Geburt eines Kindes mit fazialen Spaltbildungen führen könne. Diese Theorie hatte erstaunlich lange Bestand. Der praktische Arzt und Geburtshelfer Ottmer wies noch im Jahr 1805 darauf hin, dass eine solche Hypothese abwegig sei, da demnach „die Frauen der Jäger und Wildhändler ja fast immer in Gefahr [wären], Kinder mit Hasenscharten zu gebären“.

Immer weniger üblich

Die „Hasentheorie“ geriet im 19. Jahrhundert in Vergessenheit; die Verwendung des Begriffs „Hasenscharte“ ebenso wie der Terminus „Wolfsrachen“ zur Beschreibung von Gaumenspalten hielten sich jedoch hartnäckig im allgemeinen Sprachgebrauch. Im angloamerikanischen Raum lässt sich das Äquivalent „hare lip“, in Asien der Begriff „Tu Que“ (Hasenlippe) nachweisen. In arabischen Ländern werden Begriffe verwendet, die übersetzt „Kamelmaul“ bedeuten.

Zur Beschreibung nasaler Dysmorphien, wie sie bei Spaltpatienten häufig auftreten, gibt es außerdem in der deutschen Literatur Begriffe wie „Habichtsnase“ und „Schafsnase“. 1964 wird in zweiter Auflage ein  einschlägiges spaltchirurgisches Lehrbuch mit dem Titel „Hasenscharten und Wolfsrachen“ herausgegeben. Noch 1976 taucht in einer rhinochirurgischen Publikation zur Bezeichnung von Korrekturmöglichkeiten der Spaltnase der sehr unglückliche Begriff „Hasennase“ auf. Insgesamt wird aber in der Medizin insbesondere der Begriff „Hasenscharte“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer seltener gebraucht und durch den neutralen Begriff „Lippenspalte“ ersetzt. Heute sind „Lippenspalte“ oder „Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte“ als reguläre Termini nicht nur bei Ärzten und beim Fachpersonal in Gebrauch.

Allerdings registriert unsere Einrichtung als Zentrum für Spaltpatienten bis heute fachärztliche Zuweisungen unter Verwendung des Begriffs „Hasenscharte“. Wenn schon unter Ärzten terminologische Unsicherheit herrscht, so lässt sich vermuten, dass medizinische Laien wahrscheinlich in weit größerem Ausmaß auf derartige Begriffe zurückgreifen. Vor diesem Hintergrund untersuchte eine Arbeitsgruppe unserer Klinik die Verbreitung zoomorphologischer Begriffe zur Bezeichnung von Spaltfehlbildungen in ihrem Gebrauch durch junge Erwachsene ohne Spaltbildung. Hierbei wurden Berufsschülern anonymisierte Porträtfotografien von Spaltpatienten vorgelegt mit der Bitte, die vorliegende Anomalie zu benennen. Dabei zeigte sich, dass die Mehrheit der 261 Befragten (57 Prozent) tatsächlich die projizierten Lippenspalten mit dem Begriff „Hasenscharte“ bezeichnete. Demgegenüber ergab eine Befragung von Betroffenen in der Klinik, dass Spaltpatienten die Verwendung von Begriffen wie „Hasenscharte“ negativ empfinden und mehrheitlich ablehnen. Nur in Einzelfällen verwenden Spaltpatienten selbst oder deren Angehörige diese Bezeichnung.

Zeitgemäße Worte suchen

Es steht außer Frage, dass eine unpassende Wortwahl Patienten verletzen, negative Auswirkungen auf deren Selbstwertgefühl haben und das Arzt-Patient-Verhältnis stören kann. Andererseits ist es im Rahmen therapeutischer Maßnahmen notwendig, Malformationen konkret zu thematisieren. Spaltpatienten sind bei der Konfrontation mit ihrer Fehlbildung verständlicherweise einer emotionalen Belastung ausgesetzt. Umso wichtiger erscheint es, im Gespräch mit ihnen die richtigen Worte zu finden. Es wäre also sinnvoll, künftig auf die Benutzung korrekter Termini wie „Lippenspalte“ oder „Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte“ zu drängen. Insbesondere Ärzte und Zahnärzte sollten nicht nur beim professionellen Umgang mit Betroffenen, sondern auch im Alltag ganz allgemein sowie im Rahmen der ärztlichen und pflegerischen Ausbildung zeitgemäße, neutrale Termini etablieren helfen.

PD Dr. Dr. Niels Christian Pausch
Prof. Dr. Dr. Alexander Hemprich
PD Dr. Dr. Thomas Hierl
Universitätsklinikum Leipzig Zentrum für ZMK
Nürnberger Str. 57
04104 Leipzig

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