Apollonia-Preis für Hans-Dietrich Genscher

Der letzte große Liberale

„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ ist der wohl bekannteste unvollständige Satz der deutschen Geschichte. Gesprochen hat ihn Hans-Dietrich Genscher als Außenminister 1989 in der Prager Botschaft, vor tausenden jubelnden DDR-Bürgern. In Münster erhielt der FDP-Politiker für sein politisches und gesellschaftliches Wirken nun den diesjährigen Preis der Apollonia-Stiftung der Zahnärzte Westfalen-Lippe.

Preisträger Hans-Dietrich Genscher mit Laudatorin Petra Gerster und dem Stiftungsvorsitzenden Dr. Klaus Bartling (von links). Foto: Stefan Möllers

Dr. Klaus Bartling, Präsident der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe (ZÄK-WL) und Vorsitzender des Stiftungsvorstands, lobte Genscher als Vorbild für Kreativität und Eigeninitiative. Er habe den Gedanken der Prävention, der sich der Apollonia-Preis verschrieben hat, in seiner politischen Karriere in die Gesellschaft getragen, so Bartling.

Prävention sei nicht nur auf Medizin und Zahnmedizin, sondern auf eine Geisteshaltung bezogen, ergänzte der Ehrenpräsident der BZÄK und langjährige Präsident der ZÄK-WL, Dr. Dr. Jürgen Weitkamp. Es gehe um die Vermeidung von Schäden, was sich auch gut auf den Beruf des Politikers beziehen lasse. Durch Gestaltung könne der Politiker dafür sorgen, dass ein gutes Zusammenleben im Land und mit den Nachbarn gelingt. Dafür sei Hans-Dietrich Genscher ein herausragendes Beispiel.

Der ewige Außenminister

Bekanntheit und Beliebtheit bei der Bevölkerung und Ansehen und Respekt in der Weltpolitik erlangte der FDP-Politiker Genscher vor allem als Bundesaußenminister in verschiedenen Kabinetten zwischen 1974 und 1992. Damit ist der gebürtige Sachsen-Anhaltiner bis heute dienstältester Außenminister der Welt. Zudem war Genscher zwischen 1969 und 1974 Bundesinnenminister und von 1974 bis 1985 Parteivorsitzender der Freien Demokraten. Seit 1995 ist er Namensgeber des Hans-Dietrich Genscher Preises, der alle zwei Jahre von der Johanniter-Unfall-Hilfe verliehen wird.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) würdigte in einem schriftlichen Grußwort seinen Parteifreund als herausragenden Politiker, der Deutschland maßgeblich mitgestaltet hat, indem er die Menschen zur Solidarität und Eigenverantwortung aufgefordert habe.

Von den Partnern im Ausland würden vor allem Genschers Verbindlichkeit und Verlässlichkeit gelobt, sagte die „heute“-Moderatorin Petra Gerster, die die Laudatio auf den Preisträger hielt. Sie rühmte seine freundliche und den Menschen zugewandte Art, die sie bereits als junge Journalistin erleben durfte. Der 85-Jährige stehe für einen vorausschauenden, auf Versöhnung ausgerichteten Politikstil. So ist der Fall des Eisernen Vorhangs zu großen Teilen der Ostpolitik Genschers zu verdanken, die in der Zusammenarbeit mit Willy Brandt ihren Anfang nahm. Mit dem SPD-Bundeskanzler stellte er 1969 die erste sozial-liberale Koalition auf die Beine. Diese habe die Bundesrepublik zu ihrem Vorteil verändert, so die Moderatorin. Dazu trug Genscher als Innenminister seinen Teil bei. Mit Blick auf den Preisträger sagte Gerster: „Geschichte wird immer von großen Persönlichkeiten mit Charakter gestaltet.“

Plädoyer für Europa

Dass ihn der Mauerfall als prägendes Lebensereignis immer noch bewegt, zeigte Genscher in seiner Festrede. „Der Mauerfall war das Ende der Teilung der Welt“, sagte er. Doch vor allem ging es ihm um das Projekt Europa, das durch die aktuelle Eurokrise ins Wanken geraten ist. Genscher hielt ein mitreißendes Plädoyer für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit in der EU und der Bundesrepublik, „für ein europäisches Deutschland und kein deutsches Europa“, wie er in Anlehnung an Thomas Mann sagte. Damit wies er auch manchen allzu lehrmeisterlich auftretenden Politiker aus der schwarz-gelben Koalition in die Schranken, der Griechenland gerne den Kurs diktieren will.

Die heutige Welt sie multipolar, so Genscher, die Global Player kämen nicht nur aus dem Westen wie die USA, Frankreich oder Deutschland, sondern auch aus anderen Regionen. Russland, China oder Brasilien seien unter anderen zu beachten.

Doch der ehemalige Minister analysierte nicht nur die Weltlage, sondern schickte auch noch einen Gruß an die Zahnmediziner. „Mit Zahnärzten habe ich nur die besten Erfahrungen gemacht. Meine Zähne sind immer noch die eigenen, das spricht für Ihren Berufsstand.“eb