Editorial

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Ärzteserien im Fernsehen sind – zumal für Fachleute – nicht jedermanns Sache. Psychologisch interessant ist das Thema und sein seit Jahrzehnten anhaltender Erfolg allemal. Und wer das nicht mag, kann immerhin die beste Erfindung in der Geschichte des Fernsehens jederzeit bequem vom Sofa aus nutzen ... Foto: Zero Creatives-Cultura RF-Avenue Images

Liebe Leserinnen und Leser,

was ginge es schon die Fachwelt an, wenn jemand namens Dr. House in eine Schwarzwaldklinik käme, dort in aller Freundschaft den Emergency Room beträte und das Krankenhaus am Rande der Stadt als Brutstätte aller Scrubs bezeichnete?

Auf den ersten Blick: gar nichts! Und wer zu diesem Thema ohnehin nur „Bahnhof“ versteht, hat medizinisch in der Regel wenig verpasst, mal abgesehen vom Nutzen solcher Arztserien als didaktisches Hilfsmittel an dem einen oder anderen Lehrstuhl. Dort dienen sie zwischenzeitlich zur Schulung in Differenzialdiagnostik oder zwecks Motivation erstsemestriger Studenten in der einen oder anderen Lehrveranstaltung.

Aber der Erfolg dieser Serien wirft auch Fragen auf: Inwieweit fußt dieser ganze Schrank voller Fernsehunterhaltung auf medizinisch-korrektem Wissen? Lässt sich das alles auch als Aufklärungsarbeit, also quasi als Beitrag zur Prävention verstehen? Oder muss man angesichts der Nebenrolle, die die Medizin hier hat, eher befürchten, dass zur Sendezeit grundsätzlich falsche Botschaften gesetzt und verbreitet werden.

Das würde bedeuten, dass man den Patienten in den Arztserien via Bildröhre auch noch nachteilige Hirngespinste transplantiert.

Nachdenklich macht auch, dass in diesem Umfeld die realiter psychologisch längst verabscheuten profanen Sehnsüchte nach dem medizinisch-allgewaltigen Halbgott in Weiß augenscheinlich noch funktionieren. So überleben Klischees. Aber Vorsicht: Sollte das zu Tagträumereien anhalten, an alte Sauerbruch-Spielfilme erinnern und mit Wehmut erfüllen, wird man spätestens in der Praxisrealität unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgestoßen. „Gesundheitspolitisch korrekt“ ist heute anderes. Eher machen abstruse Vorschläge zum Patientenschutzrecht hypochondrisch als das emotionale Abgreifen fiktiver Schicksale im Serienformat. Dass dieser Themenkreis erfolgreich ist, beweist dessen inzwischen lange Geschichte. Urvater Richard Chamberlain alias „Dr. Kildare“ beglückte schon in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts mitfühlende Fangemeinden, seine „sozialistische“ Schwester, „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“, ging Ende der siebziger Jahre auf Sendung, zu einem Zeitpunkt, als Deutschlands erstes Arztserien-Baby „Schwarzwaldklinik“ noch nicht einmal erzeugt war.

Tot gespielt ist das Format bis heute nicht. Im Gegenteil: Manche Blockbuster funktionieren inzwischen auch via Internet. Eingefleischte Begeisterte kennen die jüngsten Staffeln meist schon, bevor sie über die Sender in die Wohnzimmer-Flatscreens pixeln. Medizin spielt dabei – trotz inzwischen üblicher fachlicher Beistände – immer noch die Nebenrolle. Wer anderes befürchtet, sollte es wie Liza Minelli nehmen: „Über die angeblichen Gefahren des Fernsehens kann ich nur lachen. Ein Knopfdruck genügt, und jede Gefahr ist vorüber.“

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Ihr

Egbert Maibach-Nagel

zm-Chefredakteur