Leitartikel

Wir brauchen seriöse Daten

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

„open data“, „open source“, „data journalism“ – ein Hoch auf die von allen frei verwaltete Wissensgesellschaft: jedermann und -frau weiß und kann heute alles! Danke, Google, Wikipedia und Kumpanen? Schön, wenn es wirklich so einfach wäre.

Wer den 11. Versorgungsforschungs- und 4. Nationalen Präventionskongress (Dresden, 27. bis 29. September) aufmerksam verfolgt hat, erkennt schnell, wo wir landen, wenn unsere Entscheidungen künftig auf nicht validierten Daten und über den Daumen gepeilten Überzeugungstaten einzelner Experten fußen. Das, was uns diese schöne neue Welt in ihrer simplen Weise vorgaukelt, reicht – zumindest im qualitativ hochwertigen deutschen Gesundheitswesen – nicht für verlässliche Perspektiven.


National wie international, das war eine implizite Erkenntnis der ärztlichen und zahnärztlichen Fachwelt in Dresden, werden nur seriöse Datenbestände – ob evidenzbasiert oder als Beleg von „good clinical practice“ – die Entscheidungen für die Versorgung der Menschen untermauern können. Nennenswerte Alternativen gibt es dazu keine.


Dass das auch für uns Zahnärzte nicht ohne Konsequenzen bleiben kann, liegt auf der Hand. Entscheidungen in der Gesundheitspolitik fallen heute auf Basis umfassender Datenbestände. Diese zu generieren und punktgenau einzusetzen ist für den Berufsstand Verpflichtung und Chance zugleich.
Denn egal ob Gesetzgeber, Krankenkassen oder Gemeinsamer Bundesausschuss: Im Zuge knapp kalkulierter Finanzen wird nur der gut (ver-) handeln, der auf überzeugende Nachweise setzen kann. Deutschlands Zahnärzteschaft muss hier vorsorgen. Wer, wenn nicht wir selbst, soll Daten in unseren eigenen Reihen erheben, pflegen, prüfen, vorhalten und – vor allem – vernünftig vor etwaigem Mißbrauch schützen?


Eine Gesellschaft, die qua Gesetzgeber auferlegt bekommt, künftig das Versorgungswesen an Morbiditätsentwicklungen zu orientieren, wird den dafür notwendigen Bedarf auf Basis seriöser Daten ermitteln müssen. Und das können wir selbst, so wir die entsprechenden Strukturen innerhalb der Kollegenschaft dafür schaffen, am besten.


Wer die hohe Qualität der Zahnmedizin in Deutschland erhalten will, wer die Teilhabe der Patienten am wissenschaftlichen Fortschritt sicher durch die künftig zu erwartenden Untiefen demografischer Herausforderungen lotsen will, der wird nur vorankommen, wenn er sachlich gestützt argumentiert. Das gilt für Überzeugungsarbeit zur besseren Versorgung alter, pflegebedürftiger Patienten oder von Menschen mit Behinderungen genau so wie für die bessere Prävention von Kariesrisiko-Kindern.


Recht wird im absehbar schwieriger zu gestaltenden Grabenkampf mit den Krankenkassen in der Regel der bekommen, der seine Forderungen mit Daten belegen kann. Durchsetzen wird sich, wer Gesundheit möglichst weit in den „meßbaren“ Bereich bringt. Das früher so einleuchtende wie simple Prinzip, als Plädoyer für das Bessere reiche tradiertes Fachwissen, das gehörige Quäntchen an persönliche Erfahrung und das Vertrauen des Patienten in die Reputation des zahnärztlichen Berufsstandes, lässt sich nicht ohne Schwierigkeiten auf die heutigen Strukturen übertragen.


Falsch wäre auch, sich von Gremien wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss einfach Verfahrensweisen überstülpen zu lassen. Dann laufen wir Gefahr, dass wir mit anderen Heilberufen einfach über einen Kamm geschoren werden. Eigentlich geht das ohnehin nicht mehr: Der von uns seit Mitte der neunziger Jahre eingeschlagene Weg, mit Hilfe unterschiedlicher Therapieformen dem Patienten – ob im Füllungsbereich oder beim Zahnersatz – Wahlmöglichkeiten zu eröffnen, verlangt eigene Maßgaben auf Basis eigener wissenschaftlich und datengestützt erarbeiteter Methoden, um die Versorgung der Bevölkerung auf allen Ebenen seriös und vernünftig abzusichern.


Das sind die Hausaufgaben, die wir als freiberuflich denkende Heilberufler angehen müssen, bevor die Öffentlichkeit anfängt, über Qualität und Fortschritt im Gesundheitswesen mit den Füßen abzustimmen.
 
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Jürgen Fedderwitz
Vorsitzender der KZBV