Gastkommentar

Was Ärzte wollen

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Für Fachleute waren die Ergebnisse der von der KBV durchgeführte Befragung von Ärzten zu Sicherstellungsauftrag und Gesundheitssystem wenig überraschend, meint Andreas Mihm, Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Zum Jahreswechsel hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) erstmals in ihrer Geschichte alle mehr als 150 000 Haus- und Fachärzte sowie die kassenärztlichen Psychotherapeuten gefragt, was sie vom Gesundheitswesen halten und was am Zusammenspiel von Ärzten und Kassen geändert werden sollte. Das Experiment ist gelungen. Viele Ergebnisse der Befragung überraschen, doch am Ende war doch niemand überrascht. Wie das?

Überraschend ist die hohe Beteiligung an der Befragung. 78 258 auswertbare Fragebögen blieben nach Abzug der unvermeidlichen Falsch- und Fehlmeldungen übrig.

Das ist eine beeindruckende Quote von 53 Prozent. Auch wenn der Aufwand für die Beantwortung der neun Fragen nicht all zu hoch war, so zeigt die Tat-sache, dass jeder zweite Arzt den Bogen gelesen und ausgefüllt, sich also Gedanken über die Themen gemacht hat. Die Frage nach der Zukunft des ärztlichen Arbeitens ist kein Funktionärsthema, das zur Durchsetzung honorarpolitischer Forderungen auf der politischen Bühne debattiert wird.

Überraschend ist zweitens das Ranking der Forderungen: Die Meinungsforscher konnten in den Antworten kaum Unterschiede zwischen den Ärztegruppen ausmachen, ebenso wenig in der regionalen Verteilung von Nord und Süd, Ost und West. „Etwas mehr Skepsis“ gegenüber dem System konnten sie nur bei „jüngeren Berufs- gruppen und wirtschaftlich weniger etablierten Ärzten“ herausfiltern. Das war es dann aber auch schon. Alles in allem also ein zuverlässiges Meinungsbild. Die Forderungen, die die KBV daraus ableiten kann und wird, sind im wahren Sinne repräsentativ: bezogen auf die Anzahl der Antworten wie auf die große Übereinstimmung der Inhalte.

Überraschend, drittens, die politische Reife der Ärzteschaft: Drei von vier Ärzten wollen am Sicherstellungsauftrag der ärztlichen Versorgung durch die Kassenärztlichen Vereinigungen festhalten. Nur sechs Prozent hängen noch radikalen Utopien nach, die zuweilen in der Ärzte- wie auch in der Zahnärzteschaft grassierten, den Sicherstellungsauftrag an die Kassen (oder sonst wen) abzutreten, mit all seinen ungewissen Folgen für die Honorierung der Ärzte, die Versorgung der Patienten und die Therapiefreiheit.

Nun kann man mit einiger Berechtigung darauf hinweisen, dass Art und Weise der Fragestellung auf genau diese Antwort hinführten: festhalten am System, aber mit anderen Rahmenbedingungen. Als da – in dieser Reihenfolge – wären: feste und kostendeckende Preise, Weiterbildung nur nach Maßgabe der ärztlichen Selbstverwaltung und nicht der Kassen sowie eine Mengensteuerung, die nicht zu einer Absenkung der Einzelvergütung führen darf. Vielleicht ist das die vierte Überraschung dieser Be- fragung: Es geht den Ärzten nicht darum, vor allem mehr Geld zu bekommen, es geht ihnen um die Kalkulierbarkeit ihres Einkommens. Sie wollen schlicht wissen, was ihre Arbeit am Patienten wert ist, dem sie mehr Zeit widmen wollen.

Wem helfen diese Ergebnisse? Das KV- System wird dadurch gestärkt. Fragen und Vorschläge folgten einem Beschluss der Vertreterversammlung. Sie kann sich durch die Ergebnisse zusätzlich legitimiert sehen. Zugleich dürfte damit auch die in ärztlichen Organisationen immer wieder hochschwappende Debatte um Sinn und Unsinn der KV bis auf Weiteres erledigt sein. Die Umfrage zeigt eine in ihren wesentlichen Forderungen einige Ärzteschaft. Das macht die Vertretung ihrer Anliegen vielleicht leichter, ein Selbstläufer wird sie dadurch aber immer noch nicht. Die KV hat mit der Befragung alte Inhalte ohne neue Instrumente in die Hand bekommen. Dass Kassen und Politik sich dadurch beeindrucken lassen, ist eher unwahrscheinlich.

Insofern dürften die aus der Umfrage zu erwartenden gesundheitspolitischen Schlussfolgerungen alles in allem dann doch wieder wenig überraschend sein.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.


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