Editorial

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Alles klar mit Ihrer „Lebenslinie“ auf dem schmalen Korridor Gesundheitswesen? Die Frage ist opportun. Schließlich gilt das gesellschaftliche Gebot nach gesundheitlicher Eigenverantwortung auch für den Heilberufler selbst. eugenesergeev – Fotolia.com

Liebe Leserinnen und Leser,

mehr denn je leben wir in einer Gesellschaft, die gesundheitsbewusstes Verhalten fordert. Wo einst Sport Mord war, regieren Fit- und Wellness längst als beherrschendes Korrelat für verantwortungsbewusstes und gesellschaftskonformes Verhalten.

Ob man das will oder nicht: Der Wertewandel ist vollzogen. Stigmata wie die des „Gesundheitsmuffels“ – aktuell eindeutig dem männlichen Geschlecht zugeordnet – oder das Fordern eines gesunden Verhältnisses von Arbeit und Leben (geschlechtsneutral) haben längst ehemals geachtete Werte von prinzipieller Verantwortlichkeit oder bedingungsloser Aufopferung – egal wofür – abgelöst. Soviel zur gesellschaftlichen Gesinnungslage.

Alles kein Problem? Aber wie steht es denn um die Compliance, wenn zum Beispiel Ärzte oder Zahnärzte selbst zu Patienten werden? Wer ist der geeignete Arzt Ihres Vertrauens? Halten die Klischees über die ehemaligen „Halbgötter in Weiß“, was man dieser Berufsgruppe in den vergangenen Jahrzehnten zugesprochen hat? Kann oder darf, wer über die Gesundheit anderer wachen, andere heilen soll, sich überhaupt zugestehen, selbst krank zu sein?

All das sind Fragen, die der Berufstand immer wieder fachlich geprüft, gecheckt und dargestellt hat. Man weiß um die erhöhte Sucht- oder gar Suizidgefährdung eines notorisch überarbeiteten Berufsstands.

Man kennt die verschiedenen ergonomischen Maßnahmen, um speziell für Zahnärzte die durch starke Belastung erhöhte Gefahr orthopädischer Schäden gering, die Zahl der Dermatosen in Grenzen zu halten.

Was an Erkenntnissen erarbeitet wurde und als Handlungshilfe existiert, steht, selbst wenn es in den Köpfen der Heilberufler angekommen ist, immer noch im Widerspruch zu den abgeforderten Leistungen.

Fakten und aktuelle gesellschaftliche Befindlichkeiten kann man festhalten. Aber bewusst werden muss allen Beteiligten – vom Patienten über den verantwortlichen Politiker bis zum beruflichen Interessenvertreter –, dass die Erkenntnis von Gefährdung durch Überlastung bis zum Burn-out (Was ist das?) nicht damit abgetan ist, dass man Betroffenen anrät, es im Schichtdienst des Krankenhauses oder in der eigenen Praxis mal etwas langsamer angehen zu lassen.

Das System, das immer mehr an Arbeitsverdichtung bringt, das extrem hohe Wochenstundenzahlen abfordert, das gleichzeitig zum Perfektionismus und zur Fehlerfreiheit auffordert, dafür aber nicht die Voraussetzungen schafft, bietet aktuell keine Lösung.

Wer bei dem extremen Gefälle, das das Gesundheitswesen in Deutschland vorgibt, immer nur aufgefordert wird, noch einen Gang runter zu schalten, überlastet den Motor. Wer es nicht tut, fliegt aus der nächsten Kurve. Das Traurige daran: Entscheiden muss das zurzeit leider jeder für sich selbst.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur