Versorgungsprobleme auf dem Land

Die Alten bleiben zurück

Die Versorgung älterer Menschen ist schon in Großstädten nicht optimal. Noch viel schwieriger ist sie aber in ländlichen Gebieten. Weite Wege, ein sich abzeichnender Ärztemangel und Multimorbidität machen den Senioren zu schaffen. Doch es gibt erste Projekte, die die Probleme angehen – auch und gerade in der Zahnmedizin.

DIe Jungen gehen, die Alten bleiben – und sind vielleicht bald alleine auf dem Dorf. Foto: Caro-Sorge

Die Zufriedenheit mit der Gesundheit wird bei älteren Menschen insbesondere auf dem Land immer geringer. Das zeigt die Landgesundheitsstudie eines Forscherteams der Hochschule Neubrandenburg, die zwischen 1974 und 2008 den Gesundheitszustand der Bevölkerung in Nordostdeutschland untersuchte. Der Raum ist stark ländlich geprägt. Dort ist bereits knapp ein Drittel der Bevölkerung 60 Jahre und älter.

Die Wissenschaftler stellen eine „regionale Peripherisierung“ Nordostdeutschlands fest: Es gibt viele prekär Beschäftigte, die Infrastruktur verfällt, eine politische Teilhabe findet kaum statt. Das führe zu einer „sozialstrukturellen Abkopplung eines Teils der Bevölkerung“, heißt es in der Studie. Oft fehlt Geld. Die Lebensqualität sinkt stetig.

Keine Arbeit, kein Geld

Das wirkt sich auch auf die Gesundheitsversorgung speziell der älteren Bevölkerung aus. Aufgrund fehlender Arbeitsplätze und Perspektiven ziehen vor allem junge Menschen weg. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) konstatiert einen Bevölkerungsschwund in ländlichen Regionen, der zum Verlust sozialer und kultureller Infrastrukturen führt. Zurück bleiben die Alten, Kranken und Pflegebedürftigen. Sie haben oft eine starke Bindung an ihren Ort und bleiben auch, wenn die Lebensqualität sinkt. Gleichzeitig steigen im Alter Immobilität, Multimorbidität und der Pflegebedarf, was eine intensivere medizinische und pflegerische Versorgung nötig macht. Laut BMG zeichnet sich aber gerade auf dem Land ein Ärztemangel ab. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen dort sind für die meisten Mediziner nicht attraktiv. Nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) befindet sich die Zahl des Hausärzte-Nachwuchses auf einem Tiefstand. Die Grundversorgung drohe zusammenzubrechen, warnte KBV-Vorstand Regina Feldmann gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Das Problem sei, die Versorgung der Senioren bei einer gleichzeitig abnehmenden Landbevölkerung sicherzustellen.

Ziel: Gesund älter werden

Die Politik reagiert langsam. Im März 2012 wurde „Gesund älter werden“ als siebtes nationales Gesundheitsziel vorgestellt. Dabei wird die „Erhaltung und Verbesserung der Mundgesundheit älterer Menschen“ als ein zentraler Punkt aufgeführt. „Wir brauchen angepasste Konzepte, so dass Pflegebedürftige nicht nur in Heimen, sondern auch zu Hause versorgt werden können“, findet Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses. Seit Januar 2012 ist das Versorgungsstrukturgesetz in Kraft, das eine „wohnortnahe, bedarfsgerechte und flächendeckende medizinische Versorgung“ garantieren will, wie es heißt. Laut BMG würden in den unterversorgten Regionen neue Versorgungsstrukturen jenseits der klassischen Praxismodelle organisiert. Eine neue, leistungsgerechte Vergütung soll zu besseren Bedingungen für Ärzte in strukturschwachen Gebieten führen. In der Zahnärzteschaft hat man den Handlungsbedarf schon länger erkannt. Mit dem Konzept „Mundgesundheit trotz Handicap und hohem Alter“ von KZBV und BZÄK werden Vorschläge für eine adäquate Versorgung älterer Menschen gemacht, um deren besonderen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Im April 2013 greift zudem eine verbesserte zahnmedizinische Versorgung für Menschen in häuslicher und in stationärer Pflege.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen schlägt neue Allianzen aus öffentlichen und privaten Akteuren vor, um den Versorgungsherausforderungen einer alternden Gesellschaft zu begegnen. Die Versorgungssicherheit auf lokaler Ebene, etwa durch ambulante Dienste oder häusliche Hilfen, müsse gegeben sein, heißt es im Bericht zum Gesundheitsziel „Gesund älter werden“.

Hilfe durch Bündnisse

Ein Beispiel für eine solche Allianz ist das „Bündnis Gesund älter werden im Land Brandenburg“, in dem sich Landesministerien, Krankenkassen, Fachgesellschaften und Berufsverbände wie die KZV und die Landeszahnärztekammer Brandenburg zusammengeschlossen haben. Die einzelnen Partner träten durch das Bündnis in einen Dialog, erklärt Holger Kilian von der Arbeitsgemeinschaft „Gesundheit Berlin-Brandenburg“. „Sie lernen sich kennen, nehmen Anregungen für ihre Arbeit mit, und stoßen im Idealfall gemeinsame Projekte an.“ Brandenburg ist besonders von der Landflucht der Jüngeren betroffen. Bis 2025 werden 40 Prozent der Fläche vergleichsweise dünn besiedelt sein, schätzt man im Landesgesundheitsministerium.

Deshalb engagieren sich auch Brandenburger Zahnärzte. Sei es institutionalisiert bei einem Fachforum im Dezember zum Thema „Mundgesundheit bei älteren Menschen“ unter dem Dach des Bündnisses, oder individuell wie Dr. Kerstin Finger aus Templin. Sie sucht in der dünn besiedelten Uckermark mit ihrer mobilen Zahnarztpraxis regelmäßig Senioren auf, für die der Gang zum (weiter entfernten) Zahnarzt nicht mehr möglich ist (siehe zm 13/2012). In Nordrhein-Westfalen gibt es ebenfalls immer mehr mobile Zahnärzte. Ein Hausbesuch gilt als die Antwort auf den demografischen Wandel, sagte Klaus Bartling, Präsident der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe, der dpa. Er geht von einem neuen Trend aus: „Tatsache ist doch, dass es in der Zukunft im zahnärztlichen Bereich flächendeckende Versorgungskonzepte geben wird und muss.“

Nach Angaben von BZÄK-Vizepräsident Prof. Dietmar Oesterreich gibt es bundesweit einige Projekte, die durch ein „hohes Maß an freiwilligem Engagement getragen werden“. Der höhere personelle und zeitliche Aufwand der Zahnärzte bei Hausbesuchen müsse sich aber auch in weiteren Zusatzvergütungen niederschlagen, so Oesterreich gegenüber der dpa.

Mit persönlichem Engagement lassen sich einige der aktuellen Versorgungsprobleme der alternden Landbevölkerung lösen. Langfristig braucht es aber neue Modelle der Zusammenarbeit und Organisation (Medizinische Versorgungszentren, Ärztenetze) und der Mobilität (sowohl von Patienten als auch Ärzten). „Wie kommt die Versorgung zu den Älteren, aber wie können die Älteren gleichzeitig möglichst lange selbst mobil sein“, stellt Kilian die Frage, die für die Versorgungssicherung entscheidend sein wird.