Hyperbilirubinämie

Der Morbus Meulengracht

Rund drei bis zehn Prozent der Bevölkerung weisen anormal hohe Bilirubinspiegel auf, ein Phänomen, das als Morbus Meulengracht bezeichnet wird oder im englischsprachigen Raum auch als Gilbert-Syndrom. Der Störung wird allgemein kein Krankheitswert zugeschrieben, wenngleich in Einzelfällen unspezifische Symptome auftreten können. Neuere Studien deuten sogar eine Schutzwirkung der Hyperbilirubinämie vor verschiedenen Erkrankungen an.

Erhöhte Bilirubinwerte ohne spezifische Symptomatik weisen auf einen Morbus Meulengracht hin. Foto: littlebell/Fotolia.com

Die Störung zeigt sich oft an einer Gelbfärbung der Augen. Foto: OKAPIA
Der richtige Umgang mit Arzneimitteln ist besonders wichtig beim M. Meulengracht. Foto: Pixelot/Fotolia.com

Müdigkeit, Verstimmungszustände, Verdauungsstörungen, Unterbauchbeschwerden sowie Kopfschmerzen – das sind Symptome,die bei einem Morbus Meulengracht auftreten können. Sie können die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen, gelten aber als gesundheitlich unbedenklich. Die Störung, die zwar gelegentlich als Meulengracht-Erkrankung bezeichnet wird, gilt daher offiziell nicht als Erkrankung, sondern wird als harmlose Stoffwechselanomalie angesehen, kann aber die Metabolisierung von Arzneimitteln beeinflussen.

Verzögerter Abbau von Pharmaka und Alkohol

Charakteristikum des Phänomens ist eine leichte Erhöhung des Hämoglobin-Abbauprodukts Bilirubin im Blut, was eine leichte Gelbfärbung der Haut und der Augen bedingen kann. Die Bilirubin-Erhöhung geht auf eine eingeschränkte Aktivität des Enzyms UGT1A1 zurück, die genetisch bedingt ist und einen autosomal-rezessiven Erbgang aufweist. Das Enzym besitzt wichtige Aufgaben im Stoffwechsel, es katalysiert Glucuronidierungen und damit Stoffwechselreaktionen, bei denen Glucuronsäure übertragen wird.

Das ist bei der Metabolisierung von körpereigenen Substanzen wie etwa dem Bilirubin, aber auch bei Gallensäuren, Tyroxin und Steroiden der Fall sowie beim Abbau einiger Vitamine. Auch viele Pharmaka werden im Körper glucuronidiert und über diesen Weg abgebaut. Dazu gehören Paracetamol, Phenole, Carbonsäuren, Amine, Thiole und übrigens auch Alkohol. Fehlt das Enzym oder ist es nur vermindert aktiv, so resultiert eine entsprechend ver-zögerte Abbauleistung dieser Substrate. Dies ist nicht nur im Hinblick auf einen verzögerten Abbau von Alkohol und entsprechende Probleme hinsichtlich der Fahrtüchtigkeit bedeutsam, sondern auch bei der Arzneimitteltherapie.

Paracetamol ist kontraindiziert

So ist Paracetamol bei Vorliegen eines Morbus Meulengracht kontraindiziert, weil es durch den verzögerten Abbau zur Akkumulation lebertoxischer Metabolite kommen kann.

Es gibt weitere Wirkstoffe, die mittels Glucuronidierung abgebaut werden. Dazu gehören beispielsweise die Lipidsenker Atorvastatin und Simvastatin, das Opioid Buprenorphin, die Östrogene Estradiol und Ethinylestradiol sowie Gemfibrozil, Indinavir und Ketoprofen und auch das Zytostatikum Irinotecan. Dessen Toxizität ist bei Vorliegen eines Morbus Meulengracht deutlich erhöht, und es gibt renommierte Mediziner, die vor der Behandlung mit diesem Zyto-statikum eine entsprechende genetische Untersuchung fordern.

Hinweise auf geringere Morbidität und Mortalität

Fassen lässt sich der Morbus Meulengracht aber auch über erhöhte Bilirubinspiegel im Blut. Zusätzlich gesteigert sind die Bilirubinspiegel zudem oft während besonderen Lebensbedingungen, zum Beispiel unter einer Reduktionskost, bei ungewohnter körperlicher Aktivität, unter Stress, während der Menstruation und auch im Krankheitsfall. Es kann dann zu einer Verstärkung der Gelbfärbung der Haut kommen, was von den Betroffenen nicht selten mit Besorgnis registriert wird.

Schutz vor einigen Erkrankungen

Dabei gibt es aktuelle Studien, die sogar eine mögliche Schutzwirkung einer Hyperbilirubinämie andeuten. Menschen, die ein chronisch erhöhtes Bilirubin aufweisen, scheinen demnach seltener als die Normalbevölkerung eine Arteriosklerose zu entwickeln. Auch das Risiko für ein kolorektales Karzinom scheint erniedrigt zu sein. Ferner wurde gezeigt, dass geringfügig erhöhte Bilirubinspiegel langfristig mit einer geringeren Rate an Lungenerkrankungen assoziiert sind und auch insgesamt mit einer verminderten Mortalität einhergehen.

Christine Vetter
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