Perspektive Zahnmedizin – Gesundheitspolitisches Programm 2013 der BZÄK

Zukunftsfeste Säulen bauen

Die zahnmedizinische Versorgung in Deutschland weiterentwickeln – dieses Kernziel formuliert die Bundeszahnärztekammer in ihrer gesundheitspolitischen Agenda 2013. Für die BZÄK ist die Agenda Programm und Messlatte zugleich: Sie bringt auf den Punkt, welche Kautelen für eine hochwertige Zahnmedizin im Sinne der Patienten unerlässlich sind. Und die Politik wird Farbe bekennen müssen, inwieweit deren politische Marschrichtung den Forderungen des Berufsstands entspricht.

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Mit dem Patienten im Mittelpunkt die Praxis für die Zukunft weiterentwickeln – dafür steht die Gesundheitspolitische Agenda der BZÄK. Foto: D. Pietsch

Dreh- und Angelpunkt für ein funktionierendes Gesundheitswesen von morgen ist für die BZÄK das reformierte duale Krankenversicherungssystem von GKV und PKV. Eindeutig spricht sich die BZÄK für eine marktwirtschaftliche statt einer planwirtschaftlichen Umgestaltung aus. Sie plädiert zudem dafür, das duale System aus PKV und GKV Reformen zu unterziehen und eine Einheitsversicherung zu verhindern. „Wir rufen Gesetzgeber und Kostenträger dazu auf, das Zwei-Säulen-System aus PKV und GKV mutig und entschlossen zu reformieren und damit im Interesse der Patientinnen und Patienten zukunftsfest zu machen“, erklärte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel. Dazu stellt die BZÄK entsprechende Forderungen auf:

• Die Debatte zur Reform des Gesundheitssystems soll mit allen relevanten Akteuren ausgewogen und fachlich versiert geführt werden.

• Der Leistungswettbewerb innerhalb der GKV soll gestärkt werden.

• Es soll ein Finanzierungsmodell sichergestellt werden, dass die Einnahmeseite der GKV konsolidiert, demografiefest gestaltet und unabhängig von konjunkturellen Schwankungen macht.

• Der Wettbewerb zwischen GKV und PKV soll gestärkt werden.

• Die Höhe der Maklerprovisionen in der PKV soll eingedämmt und gesetzlich sanktioniert werden.

• Die Forderungen aus dem BZÄK-Memorandum „Reformierung des deutschen Gesundheitssystems“ (www.bzaek.de ) sollen umgesetzt werden, hierzu solle die Politik mit dem Berufsstand in einen konstruktiven Dialog treten.

Probleme benennen

Die BZÄK begründet ihre Forderungen damit, dass die tatsächlichen Probleme im dualen Krankenversicherungssystem identifiziert werden müssten, um Reformschritte einzuleiten. Die GKV leide unter einem Einnahmedefizit und einer immensen Konjunkturabhängigkeit. Zudem werde die Zahl der GKV-Beitragszahler aufgrund der demografischen Entwicklung langfristig abnehmen.

Auch die PKV habe Strukturprobleme: Steigende Beiträge, ein Tarifdschungel und Billigtarife hätten Finanzlöcher in die Bilanzen der Privatversicherer gerissen und den Ruf der Branche geschädigt. Dennoch sei die PKV nach wie vor ein wichtiger Motor für medizinischen Fortschritt in der Zahnmedizin.

„Wir plädieren für mutige Reformen in beiden Systemen und bieten unsere fachliche Expertise und Unterstützung an“, erklärte Engel. „Eine Einheitsversicherung halten wir für die falsche Lösung. Gesundheitsmonopole aus wenigen Unternehmen gefährden die freiberufliche Tätigkeit des Zahnarztes und die flächendeckende Versorgung der Patienten. Die Schaffung einer Bürgerversicherung wäre aus unserer Sicht eine eklatante Fehlentscheidung.“

Der mündige Patient

Der mündige Patient, der im Rahmen der partizipativen Entscheidungsfindung in der Versorgung mitwirkt, steht für die BZÄK im Mittelpunkt zahnärztlichen Handelns. Die Patientenrechte zu wahren – das ergibt sich für die BZÄK aus der Gemeinwohlverpflichtung des Berufsstands und dessen freiberuflicher Identifikation. Kritisch sieht die BZÄK deswegen eine juristische Übersteuerung im Zusammenhang mit den Patientenrechten im Praxisalltag. Dies mache aus einem intakten Vertrauensverhältnis zwischen Zahnarzt und Patient ein bürokratisch überfrachtetes Misstrauensverhältnis.

„Zahnmedizinische Behandlungen sind keine Controlling-Prozesse, die mit bürokratischen Auflagen optimiert werden können“, heißt es in der Agenda. Die BZÄK verweist auf die Kooperationsvereinbarung mit der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD), um die neutrale Patientenberatung weiter auszubauen. Auch beteiligt sie sich an einem von Nationalen Normenkontrollrat initiierten Projekt zur Messung der die Zahnärzte am stärksten belastenden gesetzlichen Vorgaben.

Dabei geht es ihr vor allem um die Senkung der Bürokratielasten in den Praxen. Ein besonderes Augenmerk legt die BZÄK auf den demografischen Wandel. Vor allem die Mundgesundheit von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderung stelle eine besondere Herausforderung dar. Mit dem Konzept „Mundgesund trotz Handicap und hohem Alter“ hatte die BZÄK zusammen mit der KZBV und der Wissenschaft schon im Jahr 2010 konkrete gesundheitspolitische Lösungsvorschläge für eine bessere Versorgung dieser Patientengruppe unterbreitet.

Die BZÄK fordert ein zahnärztliches Präventionsmanagement im Rahmen des Präventionsgesetzes mit zusätzlichen vorsorgeorientierten Leistungen für diese Patienten. „Gleichzeitig ist hier eine Verbesserung der Kooperation mit den Pflegeberufen und eine konsequente Umsetzung eines zahnärztlichen Obleute-Systems notwendig, unterstreicht BZÄK-Vizepräsident Prof. Dr. Dietmar Oesterreich. „Darüber hinaus muss die medizinische und gerodontologische Kompetenz des zahnärztlichen Berufsstands weiter gestärkt werden.“ Dazu gehöre es beispielsweise auch, zeitgemäße Ausbildungsmodule für die Pflegeberufe zu konzipieren.

Die BZÄK verweist außerdem auf Konzentra-tionsprozesse der Versorgung im städtischen Raum und sinkende Einwohnerzahlen in ländlichen Gebieten. Mit dem Memorandum „Zukünftige Herausforderungen für zahnärztliche Versorgungsstrukturen und für die Kompetenzen des zahnärztlichen Behandlungsteams aufgrund der demographischen Entwicklung“ (www.bzaek.de ) habe der Berufsstand gesundheitspolitische Handlungsoptionen aufgezeigt, erklärt Oesterreich.

Die Zahnärzteschaft hat in Sachen Prävention schon viel erreicht. Dennoch fallen noch einige Patientengruppen durch das Raster. Ein klares Votum für mehr Prävention unterstreicht die BZÄK deshalb bei den Kindern unter drei Jahren und bei Menschen mit Migrationshintergrund. Dazu müsse die Zahnmedizin stärker in gesundheitspolitische Förderungsprogramme integriert werden, so die Agenda. Grundlage hierfür müsse der gemeinsame Risikofaktorenansatz (common risk factor approach) über alle medizinischen Fachdisziplinen hinweg sein. Vor allem für Risikogruppen hätten sich eine strukturierte Mundgesundheitsaufklärung der Eltern und Programme im Rahmen der Gruppenprophylaxe als Erfolg versprechend erwiesen. Hier steht die BZÄK in engem Kontakt mit dem Bundeskanzleramt.

Der Berufsstand tritt für eine Gesellschaft als Wertegemeinschaft ein, für die Gesundheit und Menschenwürde hohe Werte darstellen (siehe dazu den Bericht zur BZÄK-Broschüre BISS, S. 28 in diesem Heft). Das soziale Engagement der Zahnärzteschaft sei auch im Zusammenhang mit den politischen Initiativen zur sogenannten Corporate Social Responsibility (CSR) zu sehen, heißt es in der Agenda. Dazu gehöre der ganzheitliche Blick auf die Medizin bei der Früherkennung und Behandlung von Erkrankungen wie Rheuma, Diabetes, Magersucht oder Krebs. Es zähle aber auch der Einsatz für sozial Schwache, Pflegebedürftige oder Menschen in Not, sei es vor Ort oder mit Hilfsprojekten weltweit, wie etwa mit Projekten des Hilfswerks Deutscher Zahnärzte.

Hoher Qualitätsanspruch

Um eine qualitativ hochwertige Zahnmedizin zu gewährleisten, ist für die BZÄK vor allem eines wichtig: die Ausbildung der Zahnärzteschaft an die aktuellen Anforderungen der zahnmedizinischen Versorgung und der wissenschaftlichen Weiterentwicklung anzupassen. Dazu sagt BZÄK-Vizepräsident Prof. Dr. Christoph Benz: „Die Novellierung der Approbationsordnung für Zahnärzte einschließlich des damit verbundenen nationalen kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Zahnmedizin sind dringend notwendige Grundlagen. Generell muss der Berufsstand der Zahnärzte mit seiner praktischen Erfahrung verstärkt Einfluss auf die Verbesserung der Ausbildung nehmen.“

Wichtig ist der BZÄK die Qualitätsverbesserung und Fehlervermeidung sowie die Erarbeitung von evidenzbasierten Leitlinien. Benz: „In Fragen der zahnärztlichen Qualitätssicherung und des Qualitätsmanagements ist die BZÄK im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beteiligt und begleitet hier aktiv die aktuellen Schritte zur Schaffung einer Fehlervermeidungskultur.“

Neben einer attraktiven und hochwertigen Ausbildung ist ein stabiles Arbeits- und Lebensumfeld wichtig. Mit Blick auf die Feminisierung des Berufsstands spielt die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Rolle, Aspekte, die auch geschlechterübergreifend neue Erwartungen an das Berufsfeld stellen. „Da die zahnärztliche Berufsausübung überwiegend in selbstständiger Praxisniederlassung erfolgt, sind Unterstützungsangebote für eine familienfreundliche Niederlassung und flexible Berufsausübungsformen für den Berufsstand wichtig“, sagt Oesterreich und verweist auf das BZÄK-Memorandum „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Hier geht die BZÄK mit gutem Beispiel voran: Anlässlich des Deutschen Zahnärztetages 2013 wird erstmals eine Kinderbetreuung parallel zur Bundesversammlung angeboten.

Europa nimmt Einfluss

Immer häufiger werden gesundheits- und binnenmarktpolitische Weichen in Brüssel gestellt – mit wachsenden Auswirkungen auf den zahnärztlichen Berufsstand in Deutschland. Sei es die Rolle der Freien Berufe, die Revision der Berufsanerkennungsrichtlinie, Aktivitäten rund um die Quecksilberdebatte oder die Überarbeitung des Rechtsrahmens für Medizinprodukte – Europa nimmt Einfluss. „Wir müssen mehr denn je darauf achten, dass über Europa keine funktionierenden Strukturen in Deutschland zerschlagen und zusätzliche Verwaltungslasten geschaffen werden“, mahnte Engel. „Deshalb fordern wir die Bundesregierung auf, sich konsequent für den Erhalt des hohen Qualitätsniveaus im deutschen Gesundheitssystem einzusetzen. Dazu gehört, das Niveau der zahnärztlichen Ausbildung beizubehalten, Tendenzen zur Substitution von Leistungen auf das Assistenzpersonal entgegenzuwirken und das System der freiberuflichen Selbstverwaltung als bewährtes ordnungspolitisches Modell beizubehalten.“

Freiberuflichkeit stärken

Die Freiberuflichkeit stellt in diesem Zusammenhang eine wichtige Säule für ein funktionierendes bürgernahes Wirtschafts- und Sozialsystem dar, betont die BZÄK. Freiberuflichkeit sei der Garant für eine qualitativ hochwertige Zahnmedizin. Das gründe sich auf die professionelle Eigenverantwortung des Berufsstands und die besondere Vertrauensbeziehung zum Patienten. Darüber hinaus trage die Zahnmedizin dazu bei, Arbeitsplätze im Gesundheitswesen zu schaffen und habe sich zu einem echten Wirtschaftsmotor entwickelt. Deshalb fordere die BZÄK, die volkswirtschaftliche Bedeutung der Freien Heilberufe anzuerkennen und diese als Potenzial für den Arbeitsmarkt zu fördern. Der Zahnarzt müsse seine Diagnose- und Therapieentscheidungen frei und ohne Einwirkung Dritter zum Wohle des Patienten treffen können. Und mit der beruflichen Selbstverwaltung stehe ein bewährtes System der Qualitätskontrolle zur Verfügung.

„Maßstab und Motiv des zahnärztlichen Handelns sind in erster Linie das selbst auferlegte Berufsethos und die gesetzlichen Berufspflichten“, so die Bilanz der Agenda. Es gilt daher, auch dafür Sorge zu tragen, dass die zahnärztliche Selbstverwaltung ihre Aufgabe, die Werte des Berufsstands nach innen und außen aktiv zu schützen und zu verteidigen, weiterhin erfüllen kann.


Info

Die BZÄK-Forderungen im Einzelnen

• Freiberuflichkeit: Eigenverantwortlichkeit stärken – Selbstverwaltung fördern

• Patienten in den Mittelpunkt stellen: Patientenrechte wahren – Bürokratielasten verringern

• Versorgungspolitische Herausforderungen annehmen: Flächendeckende Versorgung sichern – auch für Pflegebürftige und Menschen mit Behinderungen

• Marktwirtschaft statt Planwirtschaft: Duales System aus PKV und GKV reformieren – Wettbewerb und Qualität erhalten

• Qualität fördern: Approbationsordnung novellieren – Versorgungsforschung ausbauen

• Europapolitik: Hohes Qualifikationsniveau sichern – Überreglementierung vermeiden

• Mehr Prävention: Für Kinder unter drei Jahren – für Menschen mit Migrationshintergrund

• Unterstützen und fördern: Soziales Engagement der Zahnärzteschaft – vor der eigenen

Haustür und weltweit

• Junge Zahnmediziner: Ausbildung attraktiv gestalten – Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern

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