1. Bundeskongress Gender-Gesundheit

In Zukunft gleich

Passend zum „Equal Pay Day“ diskutierten Expertinnen und auch einige Experten auf dem 1. Bundeskongress Gender-Gesundheit in Berlin über Lohn- und Machtverhältnisse der Geschlechter im Gesundheitswesen. Tenor: Die ungleiche Ressourcenverteilung zwischen Frau und Mann müsse abgeschafft werden.

Annette Widmann-Mauz, die parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, war Schirmherrin des Kongresses. Foto: BMG Bund

Obwohl die medizinische Versorgung zukünftig überwiegend in der Hand von Ärztinnen liegen wird, sind die oberen Führungsetagen in Politik, Forschung und Verwaltung im deutschen Gesundheitswesen nach wie vor männlich dominiert. „Die demografische Entwicklung und die sich wandelnden Anforderungen an eine häufig auch von Männern gewünschte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind Gründe, das Gesundheitssystem künftig stärker aus geschlechtsspezifischer Perspektive zu betrachten“, forderte Dr. Martina Kloepfer als Initiatorin des Kongresses.

Die Fakten: Sind noch 67 Prozent aller Studienanfänger der Medizin weiblich, so reduziert sich ihr Anteil bei den leitenden Oberarztstellen auf 24 Prozent. Leitende Krankenhausärztinnen gibt es nur zu 8,8 Prozent. Nur knapp sechs Prozent der medizinischen Lehrstühle sind von Frauen besetzt. Selbst in der Frauenheilkunde werden bei 36 Medizinfakultäten nur zwei von Ordinaria geführt. Und: Wie in anderen Branchen auch müssen Frauen im deutschen Gesundheitswesen rund drei Monate länger arbeiten, um auf das gleiche Gehalt zu kommen wie ihre männlichen Kollegen.

Für Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium und Schirmherrin des 1. Bundeskongress Gender-Gesundheit, steht die Rechtmäßigkeit der Forderung nach einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen im Gesundheitswesen außer Frage: „Sowohl im stationären und im ambulanten Bereich als auch in der Pflege sind gendersensible Aspekte unter Berücksichtigung der psychosozialen Lebensumstände noch nicht ausreichend diskutiert“, betonte Widmann-Mauz. Zwar veränderten sich die gesellschaftlichen Geschlechterrollen, doch trügen berufstätige Frauen noch immer die Hauptlast bei der Familienversorgung und bei der Pflege von Angehörigen. „Die psychische und körperliche Beanspruchung stellt hierbei für Frauen noch immer das größte Gesundheitsrisiko dar.“

Stand für das Gesundheitsministerium bislang die Stärkung der Frauen und ihrer Gesundheit im Mittelpunkt von Aufklärungskampagnen und von Forschungsprojekten, rücke zunehmend das männliche Geschlecht in den Fokus des Ministeriums, so Widmann-Mauz. „Männer sterben doppelt so häufig an Unfällen, trinken mehr Alkohol, gehen größere private und berufliche Risiken ein, suchen später einen Arzt auf und nehmen weniger Präventionsleitungen in Anspruch. Ihre Suizidrate liegt deutlich höher.“ Deshalb werde sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zukünftig „stärker um den Mann kümmern“. Zehn Jahre Genderdiskussion zeigten, so Widmann-Mauz, „wie wichtig qualitätsgesicherte Informationen, deren kontinuierliche Aktualisierung und die Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in einer geschlechterspezifischen Versorgung sind“.

Der große Unterschied

In Prävention, Diagnostik und Therapie nehmen Genderaspekte einen immer größeren Raum ein. Grund: Frauen und Männer zeigen bei gleicher Erkrankung unterschiedliche Symptome und reagieren unterschiedlich auf eine identische Medikation. Beispiel Myokardinfarkt: Typischerweise schmerzt Männern das Brustbein und der linke Arm. Bei Frauen hingegen zeigen sich eher Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit und Erbrechen.

Im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) wurde jüngst darüber diskutiert, ob ein Medikament, das nach Studienlage keinen Effekt bei Frauen zeigte, in den GKV- Leistungskatalog aufzunehmen sei, jedoch ausschließlich für Männer, berichtete Dr. Beate Wieseler vom Institut für Qualität und Wirtschaft im Gesundheitswesen (IQWiG). Würden Frauen dadurch diskriminiert, dass ihnen ein Medikament vorenthalten wird, das bei ihnen nachweislich nicht wirkt oder sollte der Schutz vor unbekannten Nebenwirkungen im Vordergrund einer Entscheidung des G-BA stehen, umschrieb Wieseler das Dilemma der Diskussion. Die Faktenlage ist klar: In sieben Jahren werden 48 000 Ärzte und Ärztinnen in den Ruhestand gehen, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung jüngst mitteilte. Die Ressourcen werden also knapper und damit die Chancen auf eine gerechte Ver-teilung von Lohn und Macht auf beide Geschlechter im Gesundheitswesen auf natürlichem Weg größer.

Wolfgang Straßmeir
Fachjournalist für Gesundheit
e-w.strassmeir@t-online.de