Inklusion und Integration aus psychologischer Sicht

Die Willkommenskultur verbessern

Ob die Angst der Nachbarn vor dem geplanten Asylbewerberheim oder die Furcht der Eltern vor schlechten Leistungen ihrer Kinder, wenn sie zusammen mit Kindern mit Behinderung lernen: Psychologen führen das auf eine schlechte Willkommenskultur zurück. Sie fordern deshalb eine Veränderung im Umgang der Gesellschaft mit Minderheiten.

In inklusiven Schulen lernen Kinder mit und ohne Behinderung zusammen. Das schafft ein Gefühl des Miteinanders und führt im besten Fall zu einer offeneren Willkommenskultur. Foto: picture alliance

„Fremdheit erzeugt Unsicherheit und – wenn die Fremdheit als bedrohlich erlebt wird – Angst“, erklärt Prof. Michael Krämer, Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Angst beeinträchtige das Selbstbewusstsein und begünstige den Rückzug aus der gesellschaftlichen Verantwortung. „Ein Teufelskreis kann entstehen, der Inklusion, Integration und Partizipation verhindert“, sagt er.

Der BDP plädiert deshalb für ein gesellschaftliches und politisches Umdenken, um Ungerechtigkeiten und Unsicherheiten nachhaltig zu verändern. Krämer: „Voraussetzungen für Veränderungen sind, das Anderssein zu akzeptieren und zu verstehen, und dafür einzutreten, jedem gute Chancen auf Teilhabe und Gesundheit einzuräumen.“

Nach Ansicht der Psychologen besteht großer Handlungsbedarf hinsichtlich der Teilhabe und Integration von Menschen mit Einschränkungen, aus einem fremden Kulturkreis, mit einer fremden Religion oder nur mit einem anderen Alter.

Gesetzlich sanktionieren

Der BDP will die Willkommenskultur bei jedem Einzelnen verbessern, aber auch im öffentlichen Bewusstsein und in den gesellschaftlichen Strukturen. In seinem aktuellen Bericht „Inklusion – Integration – Partizipation“ will der Berufsverband neue Wege zu einer solchen Willkommenskultur aufzeigen.

Psychologen könnten diesen Prozess voranbringen, glaubt Krämer. Die Partizipation, also die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, soll dabei als Wegbereiter und Motor für Integration und Inklusion dienen. „Partizipation beginnt mit der Teilnahme im Sportverein, an öffentlichen Festen und kommunalen Projekten“, sagt Prof. Siegfried Preiser, Rektor der Psychologischen Hochschule Berlin. Partizipation sei nicht nur Anstrengung, sondern eine Bereicherung für die Gesellschaft. Er merkt an, dass aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen müssten – sie hätten einen positiven Einfluss.

Würde von Rechts wegen Ausgrenzung sanktioniert, wirke sich das nachweislich positiv auf den Abbau von Diskriminierung und Vorurteilen in der Gesellschaft aus.

Was Bürgerinitiativen gegen Asylbewerber- und Flüchtlingsheime in der Nachbarschaft wie jüngst in Berlin angeht, sagt Preiser: „Ängste vor Fremden, psychisch Kranken oder Menschen mit Behinderung müssen im Vorfeld schon ernst genommen werden.“

Nicht nur der Verweis auf ermutigende Fallbeispiele in den Medien sei hier wichtig, sondern auch persönliche Kontakte, um Ängste abzubauen. Dazu gehörten „unter anderem Hausbesuche von Politikern, Sozialarbeiten oder engagierten Bürgern in der Nachbarschaft – und zwar vor einer Entscheidung“, betont Preiser.

Keine Angst vor Fehlern

Zahnärzten, die sich in ihrer Praxis speziell auf Menschen mit Behinderung oder Migranten einstellen wollen, rät Krämer sich im Vorfeld mit Personen zusammenzusetzen, die auf diesem Feld arbeiten und die Erfahrungen auszutauschen. Zudem solle der Zahnarzt keine Angst vor Fehlern im Umgang haben. Davor sei niemand gefeit.

Im Umgang mit Personen aus einem anderen Kulturkreis empfiehlt der Psychologe, auf Nähe und Distanz zu achten. Durch den direkten Kontakt, der beim Zahnarzt stattfindet, könne es zwischen den verschiedenen Geschlechtern schwierig werden. „Hier sollte man zumindest darauf achten, vorsichtig zu sein, nicht zu überrennen, sondern sich langsam zu nähern – einfach erklären, was passiert“, sagt Krämer. „Das ist meines Erachtens in der zahnärztlichen Praxis ganz wesentlich.“