Die Kunstsammlung BonaDent

Von Heiligen und Scharlatanen

Kunstsammlungen von Firmen gehen in Deutschland bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück. Auch heute noch packt manchen Unternehmer die Sammelleidenschaft, wie etwa das Beispiel der BonaDent GmbH aus Frankfurt/Main zeigt. Dort ist nach jahrelangen Aktivitäten in Auktionshäusern, Galerien oder auch im Internet ein beträchtlicher Kunstschatz zu zahnärztlichen Themen entstanden, der auch die Geschichte der Profession erzählt.

Skulptur der Heiligen Apollonia, Holz, 18. Jahrhundert Fotos: Sammlung BonaDent

Gemälde der Heiligen, 18. Jahrhundert
Antonio Triva, Apollonia mit ihrem Pendant, der Heiligen Katharina, Gemälde, Öl auf Leinwand, 1650
Antonio Triva, Apollonia mit ihrem Pendant, der Heiligen Katharina, Gemälde, Öl auf Leinwand, 1650
Das Motiv der Habgier zeigt sich auf dem Gemälde eines unbekannten Künstlers, Öl auf Leinwand, aus dem 17. Jahrhundert
Zahnbehandlung auf der Bühne: Gemälde eines unbekannten Künstlers, Öl auf Leinwand, 18. Jahrhundert
Der Patient als komische Figur: nach Piet de Bloot, Öl auf Holz, 17. Jahrhundert Fotos: Sammlung BonaDent

Wurde anfangs noch vereinzelt gesammelt, gehört es mittlerweile für Unternehmen fast schon zum guten Ton, eine eigene Kunstsammlung präsentieren zu können. Die meisten werden zu Repräsentations- und Marketingzwecken genutzt und wenn nicht regelmäßig, dann doch wenigstens an bestimmten Tagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für diese Sammelleidenschaft reichte das einfache Wort „Kunstsammlung“ nicht mehr aus und so wurde ein neues gefunden: Corporate Collection.

Natürlich haben alle Sammlungen ein Konzept, ein Profil, das im Zusammenhang mit dem eigenen Unternehmen steht. Als Manfred Schmitt, Geschäftsführer der Firma BonaDent, vor über dreißig Jahren nach der Gründung seines eigenen Unternehmens für zahnmedizinische Produkte damit begann, eine Kunstsammlung aufzubauen, geschah dies aus reiner Begeisterung für die Kunst. In die Zukunft und an den in unseren Tagen zweckgebundenen Boom dachte er damals nicht. Er sammelte schon in seiner Kindheit. Erst waren es Murmeln, später Bücher. Als Junge ging er mit Begeisterung ins Museum und nahm an archäologischen Ausgrabungen teil. Die heutige Spezialisierung auf die Zahnmedizin ist untrennbar mit seinem Beruf und seinem Unternehmen, der BonaDent GmbH, verbunden. Über die Jahre hinweg kaufte er Gemälde, Bücher und Skulpturen, die die Darstellung von Zahnärzten und der Heiligen Apollonia zum Thema haben. Viele zahnmedizinische Instrumente und ein Zahnarztstuhl von circa 1885 aus der Fürstenfamilie der von Hohenzollern gehören ebenfalls dazu.

Einen begeisterten Sammler lässt seine Leidenschaft nur schwer los und so sucht Schmitt noch immer in Auktionskatalogen, Galerien, Antiquariaten oder mittlerweile im Internet nach Kunstschätzen. Mit den Jahren ist so eine Sammlung entstanden, die eine Zeitspanne von fünf Jahrhunderten umfasst.

Kult um Apollonia

Die Heilige Apollonia, Schutzpatronin der Zahnkranken und Zahnärzte, ist oftmals in der bildenden Kunst dargestellt. Sie spielt auch in der Sammlung BonaDent eine tragende Rolle. Apollonia „verdankt“ ihre Aufgabe dem Martyrium, das sie während der Christenverfolgung im Jahre 249 n. Chr. in Alexandria erlitt. Der Kirchenhistoriker Eusebius (circa 260–340) beruft sich in seiner Kirchengeschichte auf einen Brief des Bischofs Dionysius von Alexandria an den Bischof Fabianus von Antiochia, in dem die Geschehnisse bei jenem Massaker unter Kaiser Philippus Arabs (244–249) geschildert werden:

„Damals stand die an Jahren vorgerückte Jungfrau Apollonia in hohem Rufe. Auch diese ergriffen sie und brachen ihr durch Schläge auf die Kinnbacken alle Zähne heraus. Hierauf errichteten ihre Verfolger vor der Stadt einen Scheiterhaufen und drohten ihr, sie lebendig zu verbrennen, wenn sie nicht mit ihnen die gottlosen Worte aussprechen würde. Sie aber sprang, auf ihre Bitten etwas losgelassen, von selbst in die Flammen.“ Vergleicht man die späteren bildlichen Darstellungen der Heiligen Apollonia mit diesem Text, ist auffallend, dass sie fast immer als junge Frau und nicht als „an Jahren vorgerückte Jungfrau“ beschrieben wird.

Der Kult, der sich um die Heilige entwickelte, weitete sich von Alexandria nach Europa aus. Erstmals wurde sie um 850 von Florus von Lyon erwähnt. Heute ist ihr Gedenktag der 9. Februar. Erste Darstellungen der Heiligen Apollonia finden wir in Stundenbüchern des 11. Jahrhunderts. In Kalendern und Handschriften des deutschsprachigen Raumes taucht der Name Apollonia erst im 14. Jahrhundert auf, was darauf schließen lässt, das der Kult lange Zeit räumlich begrenzt war. Während bei anderen Heiligen aufgrund unseres Wissens um ihr Leben sehr bewegte Bilder mit vielen erzählerischen Momenten über die Jahrhunderte hinweg entstanden sind, wird die Heilige Apollonia meistens alleine, in ruhiger, ehrwürdiger Haltung und eher statuarisch gezeigt. In einigen Fällen wird die Geschichte ihres Martyriums erzählt.

Heilige werden im christlichen Glauben als in ethischer und religiöser Hinsicht vollkommene Menschen betrachtet. Durch ihre Nähe zu Gott können sie ihn im Auftrag des Gläubigen um die Erlösung von dessen Schmerzen und Nöten bitten. Da die meisten Heiligen einen grausamen Tod gefunden haben, sind sie für die Menschen durch ihr Martyrium zum Vorbild in ihrer Liebe zu Gott, ihrer Standhaftigkeit im Glauben und im Erdulden von Qualen geworden. Wie man am Beispiel der Heiligen Apollonia sieht, bekommen Heilige in ihrer Verehrung durch den Menschen immer eine ganz spezielle Aufgabe zugewiesen. Damit die einzelnen Angebeteten von den Gläubigen unterschieden werden können, sind sie in bildlichen Darstellungen mit ihren jeweiligen Attributen ausgestattet. Diese stehen in Verbindung mit ihrem Leben oder erinnern an ihr Martyrium. Die Heilige Apollonia weist sich auf Andachtsbildern und Altarblättern durch die Zange mit dem Zahn, ein Buch und einen Palmzweig aus.

In der Sammlung BonaDent sind der Heiligen Apollonia Gemälde, Miniaturen aus Stundenbüchern, Skulpturen, Schmuckanhänger, Votivtafeln und sogar ein Glasfenster gewidmet. Die Miniaturen sind die ältesten Kunstwerke und gehen ins 15. Jahrhundert zurück. Eine besonders schöne Arbeit ist ein sechseckiges Gemälde von Antonio Franchi von circa 1685, das die Heilige alleine als schöne, junge Frau in einer Fülle von Stoff vor einem dunklen Hintergrund zeigt. Ohne die Zange in der Hand könnte man sie kaum als Märtyrerin identifizieren. Zwischen 1650 und 1660 schuf der in Reggio geborene Antonio Domenico Triva die Heilige Apollonia und als ihr Pendant die Heilige Katharina. Katharina zählt zu den 14 Nothelfern und hilft bei Leiden der Zunge und bei Sprachschwierigkeiten. Welche Entwicklung der Apollonia-Kult über die Jahrhunderte erfuhr und wie sich die Bildnisse mit dem Geschmack der Gläubigen veränderten, lässt sich an den Kunstwerken der Sammlung BonaDent gut verfolgen.

Vom Barbier zum Zahnarzt

Ein weiterer Schwerpunkt der Sammlung sind Kunstwerke, die sich mit dem Zahnarzt und seiner Profession beschäftigen. Wie wichtig der Beistand der Heiligen Apollonia bei Zahnbehandlungen bis ins 19. Jahrhundert hinein war, kann man noch immer an Gemälden und Grafiken ablesen. Mit dem Wissen um eine hervorragende medizinische Versorgung können wir uns heute über diese Darstellungen und ihre eigenwillige Komik amüsieren. Erschreckend bleibt dabei, wie lange Menschen unter den eigenwilligen Methoden und dem unzureichenden Wissen der Dentisten leiden mussten.

Die Zahnheilkunde entwickelte sich im Verhältnis zu anderen Bereichen der Medizin zäh, was darauf zurückzuführen ist, dass Zahnärzte – geschichtlich bedingt – zu den Chirurgen, den Handwerkern unter den Ärzten, zählten. Sie waren aus den Innungen der Barbiere und Bader hervorgegangen. Seit der Antike trennte man zwischen den artes liberales, den freien Künsten, und den artes mechanicae, was übersetzt so viel wie Handwerk oder Kunstfertigkeit bedeutet. Zu den artes mechanicae gehörten alle Handwerksberufe. Die Angehörigen dieser Berufe waren gesellschaftlich weniger angesehen als die Vertreter der freien Künste, da sie dem Stand der Unfreien angehörten und deshalb auch kein Studium an einer Universität absolvieren durften. Da Zahnärzten somit eine akademische Laufbahn verwehrt war, konnte sich die Zahnheilkunde lange Zeit nicht zu einer ernst zu nehmenden Wissenschaft entwickeln. Pierre Fauchard, ein französischer Arzt, veröffentlichte 1728 in Paris die erste wissenschaftliche Abhandlung über die Zahnheilkunde mit dem Titel „Le chirurgien dentiste“.

Diese Situation hatte natürlich Auswirkungen auf das Leben und die Stellung der Zahnärzte. Meist zogen sie über Land und gingen ihrer Profession auf Marktplätzen und Jahrmärkten nach. Ihre gesellschaftliche Stellung lässt sich an Bildern der niederländischen Genremalerei und zum Teil sogar an ihren Titeln ablesen. Namen wie „der Zahnreißer“ oder „der Zahnbrecher“ deuten darauf hin, dass die sogenannten Ärzte bei der Ausübung ihrer Tätigkeit nicht auf fundiertes Wissen und Können zurückgreifen konnten. Aufgrund der zur Verfügung stehenden Werkzeuge, die so wohlklingende Namen wie Rabenschnabel, Pelikan oder Geißfuß trugen, wurde so mancher gesunde Zahn unwiderruflich gezogen. Nutzlose Medikamente und Gaunereien trugen zum schlechten Ruf der Dentisten als Scharlatane oder Quacksalber bei.

Der habgierige Zahnbrecher

Die Ikonografie der Zahnbrecher und die moralisierende Wertung ihrer Tätigkeit entwickelte sich ab dem 16. Jahrhundert, was man sehr schön im Heuwagentriptychon von Hieronymus Bosch, entstanden zwischen 1500 und 1502, beobachten kann. Der Zahnarzt wird in Verbindung mit zwielichtigen Gestalten und fahrendem Volk gebracht. Sein Geschäft betreibt er unter freiem Himmel. Als Symbol für die Habgier, die ihn zu Betrügereien verleitet, quillt aus einem Beutel an seinem Gürtel Stroh hervor. 1556 setzt Peter Breughel der Ältere in seinem Bild „Christus vertreibt die Händler aus dem Tempel“ das Motiv der Zahn- behandlung an den Rand der Erzählung. Er schafft damit eine Parallele zwischen den Händlern, die nach irdischen Gütern unter gleichzeitiger Missachtung der christlichen Gebote streben und den Zahnärzten, denen Habgier nachgesagt wurde.

Das Motiv der Habgier thematisiert Jan Victors in seinen Zahnbrecher-Gemälden durch die nach hinten geöffnete Hand eines Zuschauers. Während die Dentisten ihre schmerzhafte Profession ausüben, bereichern sich ihre Gehilfen oder Umstehende an der Börse des Patienten und den Taschen anderer Schaulustiger. Auf einem kleinen Kupferstich von Lucas van Leyden aus dem Jahr 1523 wird der Diebstahl neben der Zahnbehandlung ins Zentrum der Erzählung gerückt. Während sich der Zahnarzt um seinen Patienten kümmert, öffnet eine junge Frau die Tasche des Kranken und sucht darin nach seiner Börse.

Die Behandlung als öffentliches Spektakel

Unter den beschriebenen Umständen passen sich natürlich die „Behandlungsräume“ dem Wanderleben an. Ein großer Schirm oder eine Reklametafel, direkt an einer Hauswand oder an einem Holzstab befestigt, weisen den Weg zum Dentisten. Üblich war, auf den Schildern Angaben zum Arzt und zu seinen Fähigkeiten zu machen. Unter freiem Himmel befinden sich dann meistens nur ein Tisch und ein Stuhl, manchmal auch nur ein Fass. In vielen Gemälden scharen sich Schaulustige und weitere Patienten um eine erhöhte Plattform. Manchmal wird diese sogar von einem bühnenartigen Gestell umrahmt, was den Eindruck eines Spektakels verstärkt. Gut sichtbar für alle, wurde auf dieser Bühne die schmerzhafte Behandlung am Patienten vollzogen. Der Arzt ist im Vergleich zu den Zuschauern in pittoreske, aufwendig gearbeitete Kleidung gehüllt, was Teil seiner Inszenierung und kein Kennzeichen einer höheren gesellschaftlichen Stellung ist.

Der Patient, meist ein einfacher Bauer, wird dabei zur komischen Figur. Sich auf seinem Stuhl nur mühsam vor Angst und Schmerz auf einer Ecke haltend, die Beine weit von sich gestreckt, die Hände verkrampft und irgendwo Halt suchend, das Gesicht zur Grimasse verzerrt, lässt er verzweifelt den Eingriff über sich ergehen. Doch auch der Zahnzieher bietet Grund zum Schmunzeln, wenn er fast gewalttätig den Kopf des Patienten nach hinten reißt, grob in dessen Mund herumhantiert und dabei schadenfreudig in die Menge blickt. Auf vielen Bildern hält er triumphierend seine Beute, den kranken Zahn, der Menge entgegen. In seiner Mimik und dem Gebaren wirkt er genauso grobschlächtig wie seine Klientel.

Die niederländische Genremalerei schildert Momente aus dem täglichen Leben der Menschen, beschreibt sie in ihren Bedürf-nissen, ihrem Wirkungskreis, ihrer Arbeit und Geselligkeit. Unter freiem Himmel, in dunklen Kaschemmen oder einfachen Behausungen tanzen lustige Bauern, zechen und spielen Menschen. Man sieht alte runzelige Frauen, die als Kupplerin junge Mädchen an alte Männer verhökern, hinkende Bettler, Kinder und natürlich auch Tiere, die sich unter die Menge mischen. Die Personen zeigen keinen speziellen Menschen, sondern einen bestimmten Typus von Mensch. Mit ihm verbindet der Maler ganz bestimmte Verhaltensmuster. So auch mit dem Zahnbrecher, Zahnzieher oder Zahnreißer.

Das Motiv war sehr beliebt und fand weite Verbreitung. Oft fertigten Maler, wie zum Beispiel Jan Victors im 17. Jahrhundert, mehrere Versionen dieses Themas. Auch wurden bekannte Meister kopiert, wie man an dem Stich von Lucas van Leyden sehen kann. Der deutsche Maler Johann Liss (1597–1631) übertrug den Kupferstich gleich zweimal in Abwandlungen in Öl. In der Sammlung BonaDent befindet sich das Motiv auch noch von einem unbekannten Maler.

Zahnmedizin als Wissenschaft

Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich die Zahlheilkunde als Wissenschaft zu etablieren. Zahnärzte präsentierten sich nun für die Hilfebedürftigen als ernst zu nehmende Vertreter ihres Standes in großzügigen Behandlungsräumen und mit den neuesten technischen Hilfsmitteln. Bei dem heutigen zahnmedizinischen Niveau sind für Laien und Mediziner die Missstände der Vergangenheit sicher nur schwer vorstellbar.

Mit dieser für alle Beteiligten positiven Veränderung nahm die Bedeutung der Heiligen Apollonia als Schutzpatronin der Zahnkranken ab, gewann aber dafür unter den Medizinern ihre Anhänger. Medaillen mit dem Abbild der Heiligen Apollonia werden „für Verdienste um den zahnärztlichen Berufsstand“ vergeben. Die im Jahr 2000 gegründete „Apollonia zu Münster-Stiftung der Zahnärzte in Westfalen-Lippe“ zeichnet besondere Leistungen in der Zahnheilkunde aus.

Dr. Bettina Broxtermann
Aystettstr. 8
60322 Frankfurt am Main

Weitere Kunstwerke finden Sie auf www.bonadent.de .

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