Kieferorthopädie

Invisalign®-Behandlung im Frontzahnbereich

Die vorliegende Studie untersuchte, inwieweit die vorhergesagten Zahnbewegungen erreicht werden konnte.

Abbildung 1: Ausgangssituation des Oberkiefers mit eingesetztem ersten Aligner und Attachements Fotos: Erbe

Abbildung 2: Ausgeformter Oberkiefer nach Alignertherapie mit geklebtem Retainer
Abbildung 3: Darstellung des Clinchecks mit dem angestrebten Endziel

Viele Patienten fordern eine ästhetische Alternative zur labialen Multibracketapparatur (MB). Die Invisalign®-Technologie stellt dabei neben der Behandlung mit lingualen MB-Apparaturen eine etablierte Methode dar (Abbildung 1). Die Anwendung, Herstellung und Verfahrensweise erfolgt mittels CAD/CAM-Technologie, Stereolithografie-Verfahren und dreidimensionaler digitaler Darstellung der klinischen Situation durch den ClinCheck®. Für die Interaktion zwischen Behandler und Invisalign® ist der ClinCheck® die Basis. Er dient dem Behandler zur Planung und Beurteilung sowohl der einzelnen Behandlungsschritte, die im Aligner umgesetzt werden sollen, als auch des gewünschten Behandlungsziels. Darum ist eine möglichst hohe Übereinstimmung zwischen der realen Ausgangssituation und der digitalen Darstellung notwendig und wünschenswert.

Ziel dieser retrospektiven Studie war es zum einen, die Übereinstimmungen für den anterioren Bereich von Anfangsmodell und Anfangsposition im ClinCheck® und zum anderen das durch die Invisalign®-Therapie erreichte Behandlungsergebnis mit dem digital prognostizierten Behandlungsergebnis zu untersuchen. Es wurden folgende Parameter untersucht:

• obere und untere anteriore Zahnbogenlänge,
• obere und untere intercanine Distanz,
• Overjet,
• Overbite und
• dentale Mittellinienabweichungen.

Zusätzlich wurde die durch die Behandlung erreichte Veränderung des frontalen Engstands mit dem Irregularitätsindex nach Little quantitativ erfasst.

Das Probandenkollektiv umfasste 50 Patienten (n = 16 Männer; n = 34 Frauen; Durchschnitts- alter 33 ± 11,9 Jahre) deren Anfangs- und Endmodelle und Anfangs- und Endpositionen des ClinCheck® analysiert wurden. Alle Patienten wurden ausschließlich mit Invisalign® (Align Technology, Santa Clara, CA, USA) behandelt. Die Therapiemaßnahmen umfassten

a) approximale Schmelzreduktion (ASR),
b) Protrusion der Frontzähne,
c) Kombination aus ASR und Protrusion,
d) Distalisation,
e) Kombination aus ASR und Distalisation und
f) Extraktion eines Frontzahns.

Je nach Indikation wurden zusätzlich Attachments geplant und appliziert. Die Maßnahmen wurden dabei teilweise durch Invisalign® vorgeschlagen, aber letztendlich durch den Behandler bestimmt.

Die Vermessung der Anfangs- und Endmodelle erfolgte nach Abschluss der Behandlung mithilfe einer elektronischen Digital-Schieblehre (Studenroth GmbH Präzisionstechnik, Deutschland), kalibriert nach VDI/DE/DGQ m2618 Blatt 9,1, mit einer Messgenauigkeit von 0,01 mm.

Die Vermessung des ClinCheck® erfolgte mit dem Vermessungs-Tool ToothMeasure® der Invisalign®-Software (ClinCheck® Version 2,6, Align Technology, S.C., CA, USA). Dabei handelt es sich um ein virtuelles Vermessungsraster mit einer Skalierung von 1-50 mm, das in verschiedenen Ausrichtungen eingestellt und über die einzelnen Abbildungen des ClinCheck® gelegt werden kann.

Für die Vermessung wurde die kleinstmögliche Skalierung von 1 mm gewählt. Die Messungen wurden durch den Untersucher visuell auf 0,5 mm genau bestimmt.

Die Untersuchung des frontalen Engstands mit dem Irregularitätsindex nach Little ergab eine durchschnittliche Irregularität von 5,39 mm im Oberkiefer (OK) und 5,96 mm im Unterkiefer (UK). Nach der Behandlung zeigten außer zwei Patienten alle Patienten ein perfektes Alignment beziehungsweise eine minimale Abweichung (Index nach Little 0 bis 3).

Der Engstand wurde im OK am häufigsten durch ASR der Frontzähne und im UK durch eine Kombination aus ASR mit Protrusion der Frontzähne behandelt. Die durchschnittliche Alignerzahl lag im Oberkiefer bei n = 25 und im Unterkiefer bei n = 24. Die durchschnittliche Behandlungsdauer betrug 13 Monate.

Die Differenz zwischen Anfangsmodell und Anfangs-ClinCheck® betrug im Mittel für die anteriore Zahnbogenlänge im OK -0,28 ± 0,46 mm; im UK 0,14 ± 0,36 mm, für die obere intercanine Distanz 0,23 ± 0,37 mm und für die untere intercanine Distanz 0,12 ± 0,35 mm, für den Overjet -0,08 ± 0,29 mm, für den Overbite 0,17 ± 0,38 mm und für die dentale Mittellinienabweichung 0,09 ± 0,29 mm.

Beim Vergleich erreichtes versus prognostiziertes Behandlungs- ergebnis betrug die Differenz [(Anfangsmodell/Endmodell) – (Anfangs-ClinCheck® / End-ClinCheck®)] im Durchschnitt für die obere Zahnbogenlänge 0,04 ± 0,65 mm, für die untere Zahnbogenlänge 0,01 ± 0,48 mm, für die obere intercanine Distanz -0,13 ± 0,59 mm, für die untere intercanine Distanz -0,13 ± 0,59 mm, für den Overjet -0,34 ± 0,54 mm, für den Overbite -0,71 ± 0,87 mm und für die dentale Mittellinienabweichung -0,24 ± 0,46 mm.

Die Testung auf Äquivalenz zeigte dabei, dass die Werte für die Parameter obere und untere anteriore Zahnbogenlänge sowie intercanine Distanz, Overjet und dentale Mittellinienverschiebung alle innerhalb des adjustierten (98.57 Prozent) Konfidenzintervalls [-1 bis +1] lagen. Es zeigten sich also keine signifikanten oder klinisch relevanten Unterschiede. Der Overbite zeigte bei der Testung auf Äquivalenz, dass die ermittelten Werte von -1,02 und -0,39 nicht innerhalb des Konfidenzintervalls [-1 bis +1] lagen. Damit ergab sich keine Äquivalenz.

Schlussfolgerung:

Dem Behandler wird aufgrund der hohen Passgenauigkeit von Anfangs-ClinCheck® /Modell ein realitätsnahes virtuelles Modell zur Planung der Alignertherapie bereitgestellt. Engstände ließen sich durch die Alignerbehandlung erfolgreich therapieren (Abbildung 2). Bei allen Parametern, außer dem Overbite, wurde die Zahnbewegung in Übereinstimmung mit der im ClinCheck® (Abbildung 3) vorausgesagten Bewegung erreicht. Bei Patienten mit Tiefbiss, das heißt mit vergrößertem Overbite, ist eine längere Alignertherapie mit größerem Aufwand einzuplanen.

Dr. Christina Erbe
Dr. Verena Schmitt
Dr. Elena Krieger
Prof. Dr. Dr. H. Wehrbein
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2
55131 Mainz
christina.erbe@unimedizin-mainz.de

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