European Health Literacy Project

Gezielte Bildung macht gesünder

Gut informierte Menschen, die eigenverantwortlich die Regie für ihre Gesundheit übernehmen, entwickeln weniger chronische Krankheiten, fühlen sich gesünder und leben länger. Doch beim Verständnis, bei der Beurteilung und bei der Anwendung von Gesundheitsinformationen gibt es in Europa noch große Lücken. Das ergab das „European Health Literacy Project“, bei dem Bürger in acht europäischen Ländern zu ihrer Gesundheitskompetenz befragt wurden.

„Was ist gut für mich? Welche Fragen muss ich meinem Arzt stellen?“ Patienten, die ihr Informationsbedürfnis über ihren Gesundheitszustand richtig einordnen können, sind klar im Vorteil. Doch hier gibt es EU-weit große Unterschiede. Foto: F1 online

Kompetent in Sachen Gesundheit? Alte Menschen gehören zur Gruppe der tendenziell Benachteiligten. Foto: Fotolia.com - Alexander Raths

Knapp die Hälfte der insgesamt rund 8 000 Befragten in den acht europäischen Län-dern (47 Prozent) besitzen eine nur unzureichende Gesundheitskompetenz, die sie nicht befähigt, Gesundheitsinformationen zu verstehen, zu beurteilen und gesundheitliche Angebote im Alltag adäquat in Anspruch zu nehmen. Die Gesundheitskompetenz verteilt sich dabei äußerst ungleich zwischen den Ländern. Deutschland landete bei dem länderübergreifenden Vergleich nur im unteren Mittelfeld, während Staaten wie die Niederlande und Irland deutlich besser abschnitten, unter anderem deshalb, weil das Thema Gesundheitskompetenz in diesen Ländern bereits seit Längerem untersucht und gefördert wird.

Tendenziell benachteiligt sind der Studie zufolge zudem vor allem Senioren, Menschen mit einem niedrigeren Bildungsniveau oder mit einem niedrigeren sozio-ökonomischen Status sowie Personen, die ihren eigenen Gesundheitszustand als schlecht beurteilen. So lauten die zentralen Ergebnisse des von der Universität Maastricht geleiteten „European Health Literacy Projects“.

Die eigene Gesundheit richtig einschätzen

Bei dem von der EU geförderten Projekt (Dauer: Januar 2009 bis Februar 2012) hatten Wissenschaftler aus Österreich, Bulgarien, Deutschland, Griechenland, Irland, den Niederlanden, Polen und Spanien über Bevölkerungsinterviews herauszubekommen versucht, inwieweit die Bürger in der Lage sind, auf gesundheitsrelevante Informationen selbstständig zuzugreifen und sie in Bezug auf ihre eigene medizinische Versorgung, Prävention und Gesundheitsförderung zu nutzen.

Hauptprojektpartner für Deutschland war das Landeszentrum Gesundheit NRW (LZG).

Hier hatten 1 057 Bürgerinnen und Bürger ab 15 Jahren an der Befragung teilgenommen. Die insgesamt 47 Fragen deckten die Themenfelder „medizinische Versorgung“, „Vorbeugung von Krankheiten“, „Gesundheitsförderung“, „Wahrnehmung des eigenen Gesundheitszustands“ und „Auswirkungen auf die Gesundheit“ ab.

Die Erklärungen des Arztes wirklich verstehen

Abgefragt wurde zum Beispiel wie leicht es dem Einzelnen fällt, zu verstehen, was der Arzt oder die Ärztin ihm sagt, beziehungsweise wie leicht oder schwierig es ist, Beipackzettel zu verstehen oder Angaben auf Lebensmittelverpackungen zu begreifen. Weitere Befragungsinhalte waren der subjektive Gesundheitszustand, die Häufigkeit der Inanspruchnahme gesundheitlicher Leistungen, der Konsum von Tabak und Alkohol sowie die Bewegungsfreudigkeit. Die Antworten beruhen auf der Selbsteinschätzung der Befragten.

Im Rahmen der EU-Studie wies Deutschland die höchste Quote an Interviewten mit Migrationshintergrund (20,6 Prozent), den höchsten Altersdurchschnitt (48,4 Jahre) und die höchste Quote an Menschen im Ruhestand (30,2 Prozent) auf. Zentrales Fazit die Gesundheitskompetenz der deutschen Bundesbürger aus der NRW-Stichprobe betreffend: Nur 54,1 Prozent der Befragten verfügen über eine ausgezeichnete oder über eine ausreichende allgemeine Gesundheitskompetenz. Am geringsten ist der Informationsstand zum Thema „Gesundheitsförderung“. Hier gaben lediglich 47,7 Prozent der Interviewten an, ausgezeichnet oder ausreichend informiert zu sein. Beim Thema „Prävention“ dagegen sind 63,4 Prozent der Befragten nach eigenen Angaben der Meinung, eine ausreichende beziehungsweise eine ausgezeichnete Gesundheitskompetenz zu besitzen. Beim Themenfeld „Therapie und Behandlung“ beträgt die entsprechende Quote 57,7 Prozent.

„Werden die Ergebnisse nach Geschlecht und Altersgruppen getrennt verglichen, so zeigt sich, dass Männer in höherem Alter bessere Ergebnisse im Bereich der Gesundheitskompetenz aufweisen als Frauen im gleichen Alter“, so Gudula Ward vom LZG NRW. Eine Ausnahme bildet hier lediglich der Index für die Gesundheitsförderung, bei der die Frauen besser abschneiden. Frauen verfügen überdies in der Lebensspanne zwischen 15 und 64 Jahren über eine insgesamt höhere Gesundheitskompetenz.

Mit mehr Kompetenz gesünder leben

Monika Mensing von der Fachgruppe Gesundheitsinformation des LZG NRW gibt zu bedenken, dass es für eine unzureichende Gesundheitskompetenz verschiedene Interpretationsmöglichkeiten gibt. Einerseits könne der Informationsstand tatsächlich gering sein. Ein komplexes Gesundheitssystem sowie geringe Erfahrungen mit dem System, wie sie beispielsweise junge und gesunde Menschen besitzen, könnten sich andererseits ebenfalls nachteilig auf die Gesundheitskompetenz auswirken.

Dennoch gelte es, eine unzureichende Gesundheitskompetenz ernst zu nehmen und ihr entgegenzuwirken. Denn das Fehlen von Gesundheitskompetenz kann weitreichende Folgen haben, so HLS-EU- Koordinatorin Kristine Sørensen von der Universität Maastricht: „Menschen mit wenig Health Literacy werden öfter hospitalisiert, erleiden häufiger Verschreibungs- und Behandlungsfehler und betreiben selten Vorsorge.“

Mögliche Aktionsfelder sind Mensing zu- folge unter anderem nutzerfreundlichere Angebote und Produkte sowie gezielte Bildungsangebote vor allem für jüngere Menschen.

Petra Spielberg

Altmünsterstr. 1

65207 Wiesbaden


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