Aktualisierte europäische Leitlinien zur Hypertonie

Blutdruck-Zielwerte neu definiert

Lange galt das Dogma: Je niedriger der Blutdruck ist, desto besser. Das ist passé. Denn die neuen europäischen Leitlinien zur Behandlung der Hypertonie fassen die Blutdruckzielwerte nicht mehr so eng wie früher. Ein Blutdruck unter 140/90 mmHg gilt jetzt als Zielwert für nahezu alle Hypertoniker. Die Deutsche Hochdruckliga e.V. (DHL) hat bereits bekannt gegeben, dass sie mit ihren neuen Leitlinien der europäischen Empfehlung folgen will.

Der Zielwert von 140/90 mmHg gilt nun für nahezu alle Hypertoniker unabhängig von ihrem sonstigen Risikoprofil. Foto: Peter Maszlen – Fotolia.com

Der Blutdruckselbstmessung kommt ein hoher Stellenwert zu. Foto: Sven Weber – Fotolia.com

Die Hypertonie ist einer der bedeutsamsten Risikofaktoren für Schlaganfall und Herz- infarkt. Das unterstreicht die Bedeutung einer effektiven Behandlung des Bluthochdrucks. Möglicherweise aber waren die Ziele in der Vergangenheit zu hoch gesteckt. Denn inzwischen mehren sich Hinweise darauf, dass eine zu starke Blutdrucksenkung eher kontraproduktiv ist. Laut Mitteilung der DHL hat sich bei einer kritischen Analyse der Studienlage ein Vorteil von systolischen Blutdruckwerten unter 130 mmHg nicht belegen lassen. „Im Gegenteil: Eine zu aggressive blutdrucksenkende Therapie kann unter Umständen mehr schaden als ein etwas höherer Wert“, mahnt Prof. Dr. Reinhold Kreutz, Sprecher der Sektion Arzneimittel der DHL.

Realistischere Vorgaben

Die europäischen Fachgesellschaften haben als Konsequenz dieser Erkenntnis neue Leitlinien zur Behandlung der Hypertonie formuliert. In den aktualisierten Empfehlungen der European Society of Hypertension (ESH) und der European Society of Cardio- logy (ESC) wird als neuer Zielwert ein Blutdruck von 140/90 mmHg festgelegt. Dieser Wert gilt auch für Patienten mit Vorerkrankungen wie Herz- oder Nierenschäden. Die DHL begrüßt nach eigenen Angaben diesen Schritt: Denn die neuen Leitlinien vereinfachen die Zielwertregelung, da die Vorgaben nunmehr einheitlich für praktisch alle Hypertoniker gleichermaßen gelten, heißt es in einer Erklärung der Gesellschaft.

Die neue Regelung kommt zudem der Realität weitaus näher als die bisherigen Anforderungen. Denn bisher lagen die Zielwerte für viele Hochrisikopatienten bei 130/80 mmHg, diese wurden aber nur selten erreicht. „Das erzeugte häufig Frustration bei Ärzten und Betroffenen“, betont Prof. Dr. Hans-Georg Predel, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DHL.

Bei der Wahl der Medikamente zur Blutdrucksenkung setzen die Leitlinien verstärkt auf Wirkstoffkombinationen statt der früher üblichen initialen Monotherapie. Das trägt der Tatsache Rechnung, dass die Zielwerte bei der Mehrzahl der Hypertoniker nur durch eine Kombination aus mindestens zwei Wirkstoffen zu realisieren sind. „Wichtiger als die Methode der Senkung ist, dass der Patient den Zielwert in angemessener Zeit erreicht. Daher begrüßen wir die neuen Bestimmungen, die die Verantwortung stärker in die Hände des behandelnden Arztes legen“, betont Kreutz. Dieser könne aus fünf Medikamentengruppen frei wählen und damit die Therapie individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abstimmen.

Konsequenter die Chancen der Prävention nutzen

Ein strikteres Vorgehen als bisher fordern die neuen europäischen Leitlinien allerdings bei der Prävention und beim Einsatz nichtmedikamentöser therapeutischer Maßnahmen: „Häufig, insbesondere bei leichten Blutdruckerhöhungen, reichen schon konsequente Änderungen im Lebensstil, um den Blutdruck nachhaltig zu senken“, merkt Predel an. Daher sei es wichtig, konsequent auf das Rauchen zu verzichten, mindestens 30 Minuten täglich mittels eines moderaten, dynamischen Trainings körperlich aktiv zu sein und sich gesund zu ernähren.

Die aktualisierten europäischen Leitlinien werten außerdem die ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung sowie die Selbstmessung durch den Patienten auf. Denn die bisher üblicherweise praktizierte Messung in der Arztpraxis bilde die Lebenssituation der Patienten nicht ausreichend ab und könne dadurch zu Fehldiagnosen führen, so die Experten der DHL. Sie schließen sich der Forderung der europäischen Leitlinien-Autoren an und werten die neuen Empfehlungen als Fortschritt beim Hypertonie Management. Die Gesellschaft hat angekündigt nachzuziehen und bereitet derzeit eine eigene aktualisierte Leitlinie in enger Anlehnung an die neuen europäischen Therapieempfehlungen vor.

Christine Vetter

Merkenicher Str. 224

50735 Köln

Der Zielwert von 140/90 mmHg gilt nun für nahezu alle Hypertoniker unabhängig von ihrem sonstigen Risikoprofil.

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Der Blutdruckselbstmessung kommt ein hoher Stellenwert zu.

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