Editorial

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Schwarz gegen weiß, gut oder böse? Versuche, im Gesundheitswesen mit Plattitüden und überkommenen Klischees Stimmung zu machen, mit Schablonendenken Herdentriebe zu provozieren, gibt es nach wie vor. Dabei ist Mannigfaltigkeit überhaupt kein Manko. Foto: wildman – Fotolia.com

Liebe Leserinnen und Leser,

dass in Deutschland Gesundheitspolitiker dazu neigen, „gerecht“ mit „einheitlich“ zu verwechseln, ist BKK-Siemens-Chef Hans Unterhuber ein Dorn im Auge.

Der GKV-Mann ist mit seinem Unmut nicht allein. Er hat auf dem 1. Kieler Sommer-Gesundheitskongress ausgesprochen, was inzwischen wohl nicht wenige Gesundheitsexperten hierzulande denken. „Vereinheitlichung“ und „Gerechtigkeit“ sind keine Synonyme. Beispiele dafür hat die Historie zur Genüge.

Auf der Suche nach Erklärungen, warum die Politik in Teilen – trotz immer wieder betontem Drang zu mehr Wettbewerb, also Mannigfaltigkeit – diesem Zwang folgen will, bietet sich vieles an:

Zum Beispiel der subjektiv empfundene Bedarf nach Kontrolle. In Zeiten, in denen medialer Wind ministerielle Stühle schon wackeln lässt, bevor sie besetzt sind, wächst auch der Wunsch nach scheinbar größerer Sicherheit. In der Sache bringt das nicht weiter.

Oder der Drang, die Bedürfnisse einer möglichst großen Schnittmenge an Wählerpotenzialen befriedigen zu können. Natürlich wirkt das attraktiv. Die Probleme eines komplexen Systems lassen sich so aber nicht abbilden, schon gar nicht lösen.

Dass die für manchen so bequeme Maxime von Schwarz-Weiß-Feindbildern aber nicht mehr funktioniert, macht die Sehnsucht nach dem via Vereinheitlichung erreichbaren sozialen Frieden noch erstaunlicher. Wie sonst wäre zu erklären, dass „gut“ und „böse“ nicht mehr in Lager passen – hier die Zwei-Klassen-PKV, dort die gerechte, weil solidarische GKV? Weil die Dinge systemisch viel komplexer sind. „Das bisschen Wettbewerb“ mit Rückendeckung durch Gesundheitsfonds und Morbi-RSA macht vielleicht auf den ersten Blick „gleicher“. Es ist aber, wie die aktuell vom Bundesversicherungsamt vermuteten Unregelmäßigkeiten in GKVen anzeigen, vielleicht rechtens, aber damit nicht unbedingt auch gerecht.

Dass unter solchen Eindrücken die öffentlich eingebrannte Vorstellung „Einheit = Gerechtigkeit“ nicht verblasst, sogar der gedankliche Kurzschluss möglich ist, GKVen und „tricksende Ärzte“ steckten unter einer Decke, zeigt, wie Menschen Vorurteile gegen Wahrheiten verteidigen.

Gerade in Wahlkampfzeiten ist es schwierig, Wahrheiten einfach zu vermitteln. Das hat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr zu spüren bekommen. Er wollte Schülern die Wahlfreiheit zwischen PKV und GKV als erstrebenswertes Ziel vermitteln. In den Medien wurde behauptet, der Minister wolle die GKVen abschaffen.

Man kann daraus lernen, zum Beispiel das:

Dem deutschen Gesundheitswesen ist weder mit Vereinfachungen noch mit Platitüden, erst recht nicht mit Vereinheitlichungen beizukommen.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur