Gastkommentar

Ver(un)sicherte Bürger

Mehr Transparenz und Klarheit statt zunehmende Verunsicherung und Bevormundung fordert Hans Glatzl, dgd-Redakteur Vincentz-Network, Berlin, als Maßgabe für die Weiterentwicklung des deutschen Gesundheitssystems.

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Wenn die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten. An diese Weisheit fühlt sich erinnert, wer die schrillen Töne in der ideologisch aufgeheizten Diskussion um den Fortbestand eines dualen Krankenversicherungssystems in Deutschland verfolgt. So hat es Daniel Bahr vermutlich in einem Anfall liberaler Gedankenfreiheit tatsächlich gewagt, den Bürgern bezüglich ihrer Krankheitsvorsorge ein Stück Wahlfreiheit vorzuträumen. Ein Aufschrei tiefster Empörung durchzuckt daraufhin den im sommerlichen Tiefschlaf dahin vegetierenden Blätterwald.

Der Untergang jeglicher Sozialstrukturen im Gesundheitswesen wird an die Wand gemalt, sollten sich die Gesunden aus der Zwangssolidargemeinschaft verabschieden und ihr Schicksal in die Hände von geldgierigen gewinnorientierten Gesundheitsversicherungskonzernen legen.

Umgekehrt sehen die Kritiker der liberalen Denkungsart die Gesellschaft auf dem Holzweg einer Bürgerversicherung im Sumpf einer gleichgeschalteten Einheitsmedizin und Einheitskrankenkasse versinken, solange bis alle von allem genug haben und letztlich keiner Verantwortung trägt – weder für sich, geschweige denn für die Gemeinschaft.

Jenseits dieser akuten Wahlkrämpfe scheinen sich die staatstragenden Parteien aber längst von der strikten Aufteilung der Krankversicherungslandschaft zu verabschieden. Nichts anderes deutet die von Bahr nach- geschobene Mahnung zu einer obligatorischen Grundsicherung an.

Keineswegs verkannt werden selbst von Extremliberalen die Probleme der PKV mit der Risikoselektion und Beitragsexzessen für Ältere. Im Kern der Auseinandersetzung geht es um den Ausgleich zwischen Selbstverantwortung und Solidarität. Daraus die Drohkulisse einer Zwei-Klassen-Medizin aufzubauen, ist kurzschlüssig. Denn auch die angeblich klassenlose GKV-Kassengesellschaft ist vom Virus der Mitgliederselektion befallen, wie die aktuelle Mahnung des BVA zeigt. Zum Ausgleich gibt es mittels eines komplizierten Verrechnungssystems, genannt Morbi-RSA, einen Aderlass zwischen reichen und armen Krankenkassen. Aber je feinmaschiger das Ausgleichsnetz, desto intransparenter, bürokratischer und letztlich ungerechter ist das Ergebnis. Die Sonne der Erleuchtung versinkt hinter diesem Horizont und kleinliche Rechenspiele werden als Patentlösung angeboten.

Man kann es beklagen, aber der Maßstab in unserer Gesellschaft zur Transparenz ist am Ende für jede Leistung der Preis in Euro und Cent. Denn was nichts kostet, ist nichts wert! Daran orientiert sich auch die indivi-duelle Entscheidung und dies ist gleichzeitig ein Korrektiv gegen Ressourcenverschwendung – auch im Gesundheitswesen. Erfolgreich funktioniert dieses Modell übrigens seit Jahren im Bereich der zahnärztlichen Versorgung.

Und so läßt sich die Systemfrage letztlich auf das Menschenbild reduzieren, das der jeweiligen Ideologie zugrunde liegt. Hier steht der unmündige und vom Staat vor jedem Unbill zu schützende Patient gegen den eigenverantwortlich Handelnden. Im Soziologendeutsch wird ein allfälliger Kompromiss mit dem Subsidiaritätsprinzip umschrieben. Statt Nebelkerzen zu werfen, sollten die Parteien, die Leistungsanbieter und die Krankenkassen als Leistungseinkäufer mit den Bürgern offen darüber diskutieren, was zu welchem Preis möglich ist; entlang der Richtschnur „wirtschaftlich ausreichend, notwendig und zweckmäßig“. Wer sich dem Wähler mit klaren Aussagen „anWANZt“, kann sicher sein, dass es in der Diskussion um die Bürgerversicherung nicht zu einer Bürgerverunsicherung kommt.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.


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