Kieferorthopädie

Prävalenz approximaler kariöser Läsionen

Die Prävalenz approximaler kariöser Läsionen bei Patienten nach festsitzender kieferorthopädischer Behandlung und bei unbehandelten Probanden zeigt eine retrospektive Studie mittels Bitewing-Röntgenaufnahmen.

Bissflügelaufnahme einer Patientin nach MB-Behandlung Foto: Erbe

Ist bei Patienten, die mit einer Multibracketapparatur (MB) behandelt wurden, eine höhere oder eine geringere Prävalenz approximaler kariöser Läsionen zu erwarten?

Patienten mit einer festsitzenden Multibracketapparatur haben durch die inserierten Brackets, Bänder und Bögen erschwerte Mundhygienebedingungen. Die durch die Apparatur geschaffenen Retentionsflächen führen häufig zu einer erhöhten Plaqueakkumulation. Diese Patienten werden daher als Kariesrisikogruppe angesehen.

Ziel dieser retrospektiven Querschnittsstudie war es, die Prävalenz approximaler Karies bei Patienten nach MB-Behandlung mit unbehandelten Patienten zu vergleichen. Als Nullhypothese wurde angenommen, dass es keinen Unterschied in der Prävalenz zwischen beiden Gruppen gibt.

Die Prävalenz der Approximal-karies wurde mit Bissflügelaufnahmen vor und nach der Behandlung untersucht. Um eine homogene Gruppe zu generieren, wurden folgende Einschlusskriterien für die MB-Gruppe festgelegt: Behandlungsstart nach dem Jahr 2000, festsitzende Multibracketapparatur in beiden Kiefern, keine Dysgnathiechirurgie, keine Aplasien oder Hyperdontien, Alter bei Debonding 15 bis 16,25 Jahre, gute Qualität der Bissflügelaufnahmen. Diese Testgruppe bestand aus 104 Patienten, die aus dem Archiv der Klinik für Kieferorthopädie des Kantons Zürich ausgewählt wurden. In die Kontrollgruppe wurden 111 Patienten eingeschlossen, die randomisiert aus einer bestehenden Datenbank ermittelt wurden. Diese Datenbank setzt sich aus Daten der letzten Untersuchung (2009) der Schulkinder des Kantons Zürich zusammen, die seit 1960 alle vier Jahre durch- geführt wird. Bei beiden Gruppen lag das Durchschnittsalter zwischen 15 und 16,25 Jahren, und beide wiesen den gleichen sozioökonomischen Hintergrund auf.

Zu Beginn der Behandlung wurde den MB-Patienten eine Zahnbürste, Plaquefärbetabletten, eine fluoridhaltige Zahnpasta und eine fluoridhaltige Mundspüllösung mitgegeben. Die Patienten bekamen eine Mundhygieneinstruktion. Es wurde keine Interdentalreinigung vorgenommen. Während der MB-Behandlung wurden keine restaurativen Maßnahmen durchgeführt. Alle Patienten wurden durch Weiterbildungsassistenten der Universität Zürich, mit einer StandardEdgewise- oder einer voreingestellten Apparatur (0.18er Slot) behandelt. In über 90 Prozent der Fälle hatten die Molaren Bänder.

Die Bissflügelaufnahmen aller Patienten wurden zwischen 2002 und 2010 mit einem Kwik-Bite-Filmhalter (Indusbello, Londrina, Brasilien), einem Film-abstand von 33,3 cm und Kodak Insight Filmen (Speed F, 30,5 x 40,5mm, Carestream Health, Rochester, NY) angefertigt.

Die Untersuchung der Bissflügelaufnahmen erfolgte durch zwei kalibrierte Beurteiler nach folgendem Beurteilungsschema: keine Aufhellung = gesund; Aufhellung in der äußeren Hälfte des Schmelzes = D1; Aufhellung in der inneren Hälfte des Schmelzes = D2; Aufhellung im Dentin = D3; Aufhellung im Dentin am Rand einer gefüllten approximalen Fläche = D4.

Die Zuverlässigkeiten der Untersuchung wurde mit kappa-Statistiken (Ƙ) überprüft. Die Zuverlässigkeit war gut (Ƙ 0,73-0,90) und die Übereinstimmung zwischen beiden Untersuchern war hoch (Ƙ 0,82).

Die deskriptive Datenanalyse wurde mit der SPSS Software (IBM SPSS, Amorak, NY) durchgeführt. Die Verteilung von Schmelz- und Dentinläsionen wurde analysiert. Mit dem Mann-Whitney-U-Test wurde bestimmt, ob ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen bestand.

Die durchschnittliche Behandlungsdauer mit der MB-Apparatur lag bei 2,02 ± 0,71 Jahren. Die durchschnittliche Zahl der Schmelzläsionen in der Testgruppe nach kieferorthopädischer Behandlung lag signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe (0,57 vs. 1,85; p 0,001).

Die gleichen Ergebnisse wurden bei den Dentinläsionen gefunden (0,06 vs. 0,49; p 0,001). Die Verteilung der Läsionen war in beiden Gruppen vergleichbar.

In der MB-Gruppe wurden nach der kieferorthopädischen Behandlung weniger kariöse approximale Läsionen gefunden als in der gleichaltrigen unbehandelten Kontrollgruppe (Abbildung).

Trotzdem ist nicht außer Acht zu lassen, dass es während der MB-Behandlung häufig zu Schmelzdemineralisationen auf den Bukkalflächen der Zähne kommt. Bei der Abwägung von Risiko und Nutzen einer kieferorthopädischen Behandlung stellt dies ein Hauptrisiko dar. Allerdings konnten Stecksen-Blicks et al. 2007 zeigen, dass eine regelmäßige lokale Fluoridapplikation die Inzidenz von White-Spot- Läsionen um den Faktor drei senken kann.

Dr. Verena Schmitt
Prof. Dr. Dr. H. Wehrbein
Dr. Christina Erbe

Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität
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55131 Mainz

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