FDI-Kongress in Istanbul

Global denken – national handeln

Der diesjährige, 101. Weltjahreskongress der FDI World Dental Organisation fand vom 28. bis zum 31. August 2013 in Istanbul statt. Im Zentrum der standespolitischen Debatten auf der Generalversammlung standen Stellungnahmen zum Versorgungsalltag. Die im vergangenen Jahr verabschiedete Vision 2020 wurde um einen Annex speziell für die europäischen zahnärztlichen Belange ergänzt.

Die Brücke über den Bosporus verbindet zwei Kontinente. Die Organisatoren des FDI-Kongresses in Istanbul wollen diese Verbindung auch in Sachen einer Verantwortung aller Zahnärzte weltweit als Brücke hin zu einer besseren Mundgesundheit verstanden wissen. Foto: F1online
Die deutsche Delegation bei der FDI (v.l.n.r.): Prof. Dr. Elmar Reich, Biberach, Dr. Jürgen Fedderwitz, KZBV, Dr. Michael Frank, BZÄK, Dr. Ernst Otterbach, FVDZ, ZA Ralf Wagner, KZBV, Dr. Peter Engel, BZÄK, Dr. Michael Sereny, BZÄK, RA Florian Lemor, BZÄK, und Prof. Dr. Georg Meyer, Greifswald Foto: BZÄK-Brüssel

Parallel zum Wissenschaftskongress (siehe Kasten) fand die internationale Dentalausstellung mit insgesamt über 9 000 Besuchern statt. Auch die deutsche Dentalindustrie mit ihrem „German Pavillon“ verbuchte einen großen Zuspruch.

Die politischen Debatten erfolgten in den zahlreichen Geschäftssitzungen des FDI-Parlaments. Die Delegierten kamen aus 137 Ländern, vertreten waren rund 200 internationale Berufsverbände. Im Zentrum der Beratungen standen fünf Stellungnahmen des wissenschaftlichen Komitees. In diesem Gremium ist der deutsche Delegierte Prof. Dr. Georg Meyer, Universität Greifswald, als nominiertes Mitglied für die BZÄK tätig. Er hat an den Papieren mitgearbeitet.

Stellungnahmen aus der Wissenschaft

Folgende Schwerpunkte wurden erörtert:

• Stellungnahme zu nichtinfektiösen Krankheiten: Hier wird empfohlen, dass die nationalen Organisationen die politischen Entscheider über Risikofaktoren aufklären, die sowohl Munderkrankungen als auch andere nichtinfektiöse Krankheiten beeinflussen. Gefordert werden gesundheitsfördernde Strategien mit Präventiv- und Kontrollwirkung.

• Stellungnahme zur Mundgesundheit und zu den sozialen Gesundheitsdeterminanten: Gefordert wird eine stärkere Berücksichtigung psychosozialer Determinanten bei der Mundgesundheit und bei der Inanspruchnahme von Leistungen. Eine integrierte Strategie sei sinnvoll, um Ungleichheiten der Mundgesundheit auszugleichen, das gelte besonders für die Gesundheit benachteiligter Bevölkerungsgruppen. Wichtige Themenfelder seien die Bekämpfung von übermäßigem Zuckerverbrauch, Tabakkonsum oder Stress.

• Stellungnahme zu Mundentzündungen und Mundinfektionen als Risikofaktoren für systemische Erkrankungen: Alle Fachkräfte im Gesundheitswesen sollten laut FDI-Empfehlung die klinischen Folgen von Munderkrankungen auf die systemische Gesundheit verstehen. Das betreffe Bereiche wie den Einfluss von Parodontitis auf Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwangerschafts- und Geburtsrisiken und Atemwegserkrankungen. Nationale Zahnarztverbände sollten beratend tätig werden, um ein entsprechendes Bewusstsein in Politik und Öffentlichkeit zu wecken.

• Stellungnahme zur Speicheldiagnostik: Die FDI setzt sich für weitere grundlegende Studien zur Speicheldiagnostik ein und fordert die Zahnärzteverbände auf, die Rolle des Zahnarztes bei der Speicheldiagnostik zu stärken.

• Stellungnahme zu Bisphenol-A in zahntechnischen Kompositen: Die FDI ist sich der Umweltproblematik von Bisphenol A bewusst und empfiehlt nachdrücklich, bei der Herstellung von Dentalwerkstoffen darauf zu verzichten.

Die Papiere werden im Dezember 2013 im International Dental Journal veröffentlicht.

Neue Ämter für deutsche Delegierte

Die deutsche Zahnärzteschaft war durch ihre Delegation vertreten, die sich aktiv und fundiert in die verschiedene Diskussionen einbrachte. Auch bilaterale Treffen mit den Delegationen der Amerikaner, Japaner und Kanadiern standen auf dem Programm, hier ging es vor allem um die Finanzen und die Zukunft der FDI.

Für die BZÄK wurde Dr. Michael Sereny, Präsident der Zahnärztekammer Niedersachsen, mit großer Mehrheit für drei Jahre in das FDI-Komitee für zahnärztliche Praxisführung gewählt. Das Mandat von ZA Ralf Wagner, Vorsitzender der KZV Nordrhein, in diesem Komitee konnte nicht mehr verlängert werden. Dr. Jürgen Fedderwitz, Vorsitzender der KZBV, wurde mit großer Stimmenmehrheit für drei Jahre in das FDI-Komitee für Bildung gewählt. Das Mandat des bisherigen Vorsitzenden, Prof. Dr. Elmar Reich aus Biberach, lief nach sechs Jahren aus. Wagner und Reich wurden vom FDI-Präsidenten Dr. Orlando Monteiro da Silva für ihre langjährige engagierte und qualifizierte Unterstützung gewürdigt.

Vision 2020 – jetzt mit europäischem Annex

Ein zentraler Beratungspunkt der Generalversammlung B war die FDI-Broschüre „Vision 2020“, die jetzt durch ein neues ERO-Statement „FDI Vision 2020“ ergänzt und verabschiedet wurde. Zum Hintergrund:

Das FDI-Papier, das vergangenes Jahr zum Kongress in Hongkong vorgestellt wurde, ist unter den europäischen Vertretern in die Kritik geraten. Es war deshalb auf der ERO-Vollversammlung im Frühjahr in Potsdam überarbeitet worden und wurde nun auf der ERO-Vollversammlung in Istanbul am 28. August angenommen. In dem originären Dokument „FDI Vision 2020“ werden unter anderem an vielen Punkten Mängel in der zahnärztlichen Versorgung weltweit aufgezeigt. Es werden Möglichkeiten vorgeschlagen, um Unterschiede zu eliminieren und strukturschwachen Regionen bei der Versorgung zu helfen. Dabei geht es auch um die Substitution von zahnärztlichen Leistungen. Diese Vorschläge passen jedoch auf westliche, industrialisierte Länder nur bedingt, deshalb gerieten sie von europäischer Seite bei der ERO in die Kritik. Die Vorschläge bergen aus Sicht der europäischen Zahnärzte die Gefahr, die Grenze zwischen Substitution und Delegation aufzuweichen – mit negativen Konsequenzen für die freiberufliche zahnärztliche Berufsausübung. Und mit der Möglichkeit, staatlicherseits und fremdbestimmt in die Berufsausübung einzugreifen. Deswegen wurde das Papier von der ERO um einen europäischen Annex ergänzt, der jetzt von der FDI-Generalversammlung akzeptiert wurde.

Deutscher Abend im Rahmenprogramm

Traditionell fand auch in Istanbul wieder der „Deutsche Abend“ statt. Eingeladen hatten der Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), Dr. Peter Engel, sowie der Vorsitzende des Verbands der Deutschen Dental Industrie (VDDI), Dr. Martin Rickert. Zum Abschluss der politischen Foren und Sitzungen erfolgte die traditionelle Übergabe der FDI-Flagge an die Organisatoren des FDI-Weltjahreskongresses 2014, der vom 11. bis zum 14. September in New Delhi tagen wird.

Mary van Driel
BZÄK
Direktorin Kommunikation Abteilung Europa/Internationales
Avenue de la Renaissance, 1
B-1000 Brüssel


Info

Wissenschaftskongress

Der diesjährige FDI-Wissenschaftskongress war mit über 16 000 Teilnehmern ausnehmend gut besucht. Er war damit auch der größte je in der Türkei abgehaltene medizinische Kongress. Der FDI-Weltjahreskongress ist einer der letzten internationalen Kongresse, in denen das ganze Gebiet der Zahnheilkunde mit Vorträgen und Hands-on-Kursen abgedeckt wird. Besonderen Zuspruch finden dabei die erst seit zwei Jahren angebotenen Foren, in denen Experten einer kleinen Runde von Zahnärzten Rede und Antwort („Meet the experts“) stehen.

Neben Übersichtsreferaten für den Generalisten wurden Fachreferate aus der Implantologie, der Parodontologie und der Endodontie vorgetragen. Die Industrie veranstaltete während der Mittagspausen eigene Foren zu speziellen Themen. Insgesamt 204 Vortragende informierten die internationalen Kollegen auf Englisch oder auf Türkisch über ihr Gebiet. Die 22 deutschen Referenten stellten nach der Türkei und den USA die drittstärkste Gruppe im wissenschaftlichen Programm.

Aus Sicht der Organisatoren sehr erfreulich war die große Anzahl von insgesamt 171 wissenschaftlichen Kurzvorträgen und 1 190 Postern, deren Anzahl sich seit dem FDI-Kongress in Hongkong im Jahr 2012 fast verdreifacht hat. Wegen der Lage der Türkei und den günstigen Reisebedingungen kam auch eine große Zahl von Kollegen aus osteuropäischen und arabischen Staaten. Der türkische Zahnärzteverband mit seinem Präsidenten Prof. Taner Yücel hatte mit seinen guten Kontakten Symposien zur Gruppen- und Individual-Prophylaxe mit Sprechern aus der Türkei und angrenzenden Ländern organisiert, die bei den Teilnehmern auf großes Interesse stießen.

In zwei Foren wurde unter Beteiligung der WHO über die Quecksilber/Amalgam-Problematik und über die globalen Auswirkungen der Mundgesundheit auf die „nicht übertragbaren Erkrankungen/ NCD“ diskutiert.

Aufgrund der weltweit hohen Verbreitung von Karies, Parodontitis und Mundkrebs wurde die „Istanbul Declaration“ verabschiedet, in der auf die Bedeutung der zahnärztlichen Versorgung für die orale und für die Allgemeingesundheit verwiesen wurde.

Prof. Dr. Elmar Reich
Rolf-Keller-Platz 1
88400 Biberach

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