Apollonia-Stiftungspreis 2013

Maio stellt die Fragen der Zeit

In Münster findet seit 2002 alljährlich im altehrwürdigen Erbdrostenhof ein Festakt statt. Ausgezeichnet wird dabei ein Mensch, der sich um die präventionsorientierte Zahnheilkunde in der internen zahnärztlichen wie in der externen Öffentlichkeit verdient gemacht hat. In diesem Jahr geht der Preis an den Medizinethiker Prof. Giovanni Maio. Einblicke in die Preisverleihung.

Wie viel gesundheitliche Eigenverantwortung kann man dem Patienten eigentlich zumuten? Ein pauschales Maß sei wenig wirksam und schwäche die Schwachen, meint der Medizinethiker und Apolloniapreisträger Giovanni Maio. Foto: Wolfgang Hilgert

„Mit den Fragen, die Giovanni Maio an Wissenschaft, Ärzte und Zahnärzte stellt, müssen wir uns in den nächsten Jahren mehr und mehr beschäftigen“, zeigte sich der Präsident der Bundeszahnärztekammer, Dr. Peter Engel, in seinem Grußwort überzeugt. Etwa mit der Frage, ob es den von der Politik postulierten mündigen Patienten überhaupt gebe. Den Patienten also, der seine Zahngesundheit selbst in die Hand nimmt, der versierte Zahnpflege betreibt und Zahngesundheit online in den Warenkorb packt. Engel stellte selbst die Frage in den Raum, ob es sich nicht vielmehr um eine nützliche Fiktion und damit um eine aufgestülpte Eigenverantwortung handle als um einen selbst gewählten Weg.

Auf eben diesen Doppelcharakter der Eigenverantwortung verweise Maio in seinen Arbeiten. Engel: „Nämlich einmal als Mittel zur Emanzipation des Patienten und zugleich als Zweck zur Kostenreduzierung im Gesundheitswesen.“ Völlig zurecht stelle Maio fest, dass viele Bürger – gerade aus sozial schwachen Milieus – gar nicht dem stilisierten Eigenverantwortungsbild gerecht werden können. Die Ursachen lägen im sozialen und im individuellen Hintergrund begründet. Oftmals fehle schlicht die Zeit. Deshalb fielen in Deutschland immer noch viele durch das zahnmedizinische Präventionsraster – darunter Kinder aus sozial schwachen Familien, Menschen mit Migrationshintergrund, Patienten mit Behinderung und ältere Mitbürger. Das zeige, „dass die Prämisse des mündigen Patienten eine Logiklücke aufzeigt, weil sie in vielen Fällen den Realitätstest nicht besteht“, konstatierte Engel.

Die Laudatio in Münster hielt Dr. Christoph von Ascheraden, Präsident der Bezirksärztekammer Südbaden. Ascheraden bezeichnete Maio als einen „bedeutenden Ethiker, Arzt, vielfältig orientierten Wissenschaftler und engagierten akademischen Lehrer“. In über 300 Arbeiten habe sich Maio mit den ethischen Grundfragen von Medizin und Zahnmedizin auseinandergesetzt.

Dass sich die Zahnmedizin in einem Spannungsfeld zwischen Ökonomisierung und ethischem Ansatz befindet, werde derzeit viel beschrieben. Maio habe sich in seinen Texten mit diesem zeitgenössischen Phänomen viel und kritisch befasst. Auch deshalb habe sich die Jury für ihn entschieden, erklärte Dr. Klaus Bartling, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung der Zahnärzte zu Westfalen-Lippe und Präsident der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe.

Der Preisträger selbst zeigte sich bescheiden. „Mich überkommt mit diesem Preis Demut.“ Es seien die wunderbaren Verhältnisse dieses Landes, denen die Ehre für den Preis eigentlich gebühre, sagte der gebürtige Italiener in seiner Ansprache. Maio verwies auf das Kantsche Bild der Selbstachtung und damit der individuellen Pflicht zur Gesunderhaltung und verwob dieses Menschenbild mit den Bedingungen der Gegenwart. So sei an die Stelle des Fürsorgestaates ein Modell des aktivierenden Staates gerückt. Fürsorge sei „antiquiert“. Es finde vielmehr eine subtile Übertragung der staatlichen Verantwortung auf die Eigenverantwortung statt. Maio wendete sich entschieden gegen eine Verabsolutierung. Einer staatlichen Forderung nach Eigenverantwortung könnten niemals alle Bürger in gleichem Maße nachkommen, wenngleich es begrüßenswert sei, dass der Staat auf die Aktivierung des Bürgers setzt. Das Gesundheitswesen aber nur auf Eigenverantwortung auszurichten komme einer Überstrapazierung gleich. In der Folge könnte der Gesundheitszustand des Einzelnen als das alleinige Resultat individueller Entscheidungen interpretiert werden, warnte Maio. Diese Rückübertragung ins Private hätte enorme Auswirkungen auf die Medizin. „Gesundheit ist aber kein individuelles Persönlichkeitsmerkmal. Gesundheit ist abhängig von strukturellen Rahmenbedingungen“, führte der Preisträger mit Nachdruck aus.