Obamacare und dentale Versorgung

Die Zähne bleiben auf der Strecke

Mit „Obamacare“ wird zwar eine Krankenversicherung in den USA Pflicht, doch was ist mit der Zahnbehandlung? Viele US-Amerikaner hatten die Hoffnung, dass mit der neuen Gesundheitsreform dem Manko an Zahnversicherungen im Land ein Ende bereitet würde. Dass die Reform aber nicht unbedingt eine Verbesserung in der Dentalversorgung bedeutet, stellen jetzt Konsumenten fest, die sich auf den neuen Versicherungsmarkt begeben.

Die US-Gesundheitsreform geht in die Umsetzung, doch eine flächendeckende zahnärztliche Versorgung wird damit nicht realisiert. Verglichen mit Erwachsenen sind aber Kinder im Vorteil. Foto: picture aliiance

Die zahnärztliche Versorgung ist seit Langem ein Stiefkind des amerikanischen Gesundheitswesens. Über 100 Millionen Landsleute haben im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten” keine Zahnversicherung und folglich unzureichenden Zugang zu Dentalleistungen.

Erwachsene haben das Nachsehen

Für Erwachsene ändert sich mit „Obamacare“ erschreckend wenig. Die Gesundheitsreform macht zwar eine Krankenversicherung obligatorisch, schließt aber die Dentalversorgung für Erwachsene aus dem Katalog dessen aus, was eine akzeptable Versicherung abdecken muss.

Diejenigen, die über ihren Arbeitgeber freiwillig eine Krankenversicherung mit Dentalversorgung angeboten bekommen, sind privilegiert. Ihnen stehen normalerweise regelmäßige Untersuchungen und (Dentalhygieniker-)Behandlungen zu. Ebenfalls glücklich schätzen können sich Niedrigverdiener, die in denjenigen (wenigen) Bundesstaaten wohnen, wo Erwachsenen durch das öffentliche Armenprogramm Medicaid zumindest eine zahnärztliche Grundversorgung gewährt wird. Nur dort kommen demnächst mehr arme Erwachsene in den Genuss von Dentalleistungen, falls diese Bundesstaaten unter der Reform freiwillig ihr Medicaid-Programm erweitern.

Keine staatliche Unterstützung

Alle anderen amerikanischen Erwachsenen müssen abwägen, ob eine Zahnversicherung für sie erschwinglich ist. Anders als für Krankenversicherungspolicen wird es für den Kauf einer Dentalversicherung keine finanzielle Unterstützung vom Staat geben. Da es für viele Landsleute ein Schock ist, sich ab 2014 gegen Krankheit versichern zu müssen, ist es unwahrscheinlich, dass sich die meisten zusätzlich für eine Zahn-versicherung entscheiden.

Diejenigen, die aus finanziellen Gründen eine solche Entscheidung aufschieben, leben mit allzu bekannten Folgen: Sie vermeiden es, einen Zahnarzt aufzusuchen, bis sie der Zahnschmerz heimsucht. Selbst dann landen sie aus Kosten- und Zugangsgründen oft nicht in einer Zahnarztpraxis, sondern in einer Notfallstation. Dort wird ihrem Problem in der Regel nur kurzfristig mit Schmerz- und entzündungshemmenden Mitteln begegnet, bis der Zahnschmerz wiederkehrt – ein ineffektiver Kreislauf, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft viel Geld kostet, sondern auch die Gesundheit der Betroffenen gefährdet.

Verbesserungen für Kinder und Jugendliche

Für die Zahnversorgung von Kindern und Jugendlichen bringt die Reform einige Verbesserungen. Die Lobbys, die sich in den Reformverhandlungen dafür eingesetzt hatten, schafften es, dass die zahnärztliche Versorgung für Kinder in den Katalog der zehn „essenziellen Versicherungsleistungen” aufgenommen wurde. Ihre Verhandlungsposition wurde ohne Zweifel durch den tragischen und stark publizierten Tod eines Zwölfjährigen gestärkt, dessen unbehandelte Zahnentzündung ins Gehirn gewandert war.

Wer allerdings damit rechnet, dass die Erklärung pädiatrischer Dentalleistungen als „essenziell” dazu führt, dass demnächst alle amerikanischen Minderjährigen in den Genuss einer umfassenden Versorgung kommen, sieht sich schwer enttäuscht. Zwar bestimmt das Reformgesetz, dass die Leistungen auf dem neuen digitalen Versicherungsmarkt angeboten werden müssen. Es gibt allerdings einen Haken: Zahnversicherungen werden oft getrennt von allgemeinen Krankenversicherungspolicen verkauft. Folglich müssen die neuen Policen nicht unbedingt zahnärztliche Leistungen für Kinder enthalten, solange frei verfügbare Zahnversicherungen auf dem Markt angeboten werden. Sehr zur Enttäuschung der Zahnärztevertretung hat die Regierung vor Kurzem klar gemacht, dass sie auf den von ihr verwalteten Online-Versicherungsbörsen niemanden durch Strafandrohung zwingen wird, eine solche, frei verfügbare Zahnversicherung zu erstehen. Dort wo Bundesstaaten ihre eigenen Versicherungsbörsen unterhalten, können sie die Zahnversicherung verbindlich machen. Zu diesem Schritt haben sich allerdings bisher nur zwei Bundesstaaten entschieden: Washington und Nevada. In den meisten Bundesstaaten ergibt sich mithin für Minderjährige eine ähnliche Situation wie für Erwachsene: Es wird von der finanziellen Solvenz der Eltern abhängen, ob sie eine Zahnversicherung für ihre Kinder abschließen.

Hilfe für Kinder auch jenseits der Armutsgrenze

In einem Segment der Bevölkerung dürfte sich die Zahnversorgung von Kindern allerdings nachhaltig verbessern: Das Reformgesetz bestimmt, dass alle Kinder, deren Familieneinkommen bis zu 133 Prozent der Armutsgrenze beträgt, künftig von Medicaid aufgefangen werden. (Die Armutsgrenze, Federal Poverty Level, liegt für eine vierköpfige Familie derzeit bei einem Bruttojahreseinkommen von 23 550 Dollar, 133 Prozent entspricht 31 322 Dollar). Bisher war dies nur Kindern unter sechs Jahren garantiert. Ältere Kinder und Jugendliche waren dagegen oft in anderen öffentlichen Programmen (Children’s Health Insurance Programs (CHIPs)) untergebracht. Eine Studie der Georgetown-Universität bestätigte vor Kurzem, dass den Minderjährigen im Rahmen von Medicaid ein besseres Leistungspaket zusteht, was auch zahnärztliche Leistungen für Kinder einschließt.

Insgesamt schätzt die American Dental Association (ADA), dass durch die Gesundheitsreform zusätzlich rund 3,2 Millionen Kinder durch Medicaid Zugang zu Dentalleistungen erhalten. Ursprünglich nahm die ADA an, dass außerdem 5,5 Millionen Minderjährige durch Privatversicherung über Arbeitgeber oder die neuen Versicherungsbörsen Zugang gewinnen würden. Doch hier gibt es eben dieselben Hindernisse wie für Erwachsene: Wenn Eltern sich aus Kostengründen gegen eine Zahnversicherung entscheiden, wird oft auch ihren Kindern der Zugang zum Zahnarzt verwehrt.

Claudia Pieper
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