Migration und Bildung bei Kindern und Jugendlichen

Nix gelernt, nix geworden

Dass ein Migrationshintergrund die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen schmälert, wurde in einer Vielzahl von Untersuchungen festgestellt. Doch in anderen europäischen Ländern ist der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg lange nicht so ausgeprägt wie in Deutschland. Das liegt an völlig anderen Bildungskonzepten.

Die Probleme fangen für viele Migrantenkinder in der Schule an: Sie fallen häufiger durch und wechseln selten aufs Gymnasium, so dass ... Foto: picture alliance

... sie später an Universitäten nur eine kleine Minderheit ausmachen. Foto: picture alliance

Wieso sind Migranten in den Bildungssystemen anderer europäischer Länder erfolgreicher als in Deutschland? Die aktuelle, sogenannte TIES-Studie liefert darauf Antworten.

Mit dem europaweiten Forschungsprojekt wollen die beteiligten Wissenschaftler vergleichbare Zahlen für den Bildungserfolg von Migranten liefern. Wie so oft schneidet auch hier mit Schweden ein skandinavisches Land am besten ab.

Probleme fangen früh an

Im Vergleich der Migrantengruppen in Deutschland zeigen die TIES-Ergebnisse, dass insbesondere Türken der zweiten Generation beim Durchlaufen des Bildungssystems schlechter abschneiden als Marokkaner und Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien. Dabei fangen die Probleme in der Bildungskarriere schon früh an: Türkischstämmige Kinder wiederholen öfter Klassen in der Grundschule wie auch in der Sekundarstufe I. Und sie erhalten häufiger Schulempfehlungen für Schultypen, die zu niedrigeren Abschlüssen führen. Das Gymnasium haben nur 13 Prozent der zweiten türkischen Generation besucht.

Diese frühen Nachteile können im weiteren Bildungsverlauf nur selten wieder aufgeholt werden; Schulabschlüsse werden kaum nachgeholt und die Hochschulreife wird selten erlangt. Einen qualifizierten Übergang in den Arbeitsmarkt schafft nur die Hälfte. Der Bildungsabschluss ist für die Integration in den Arbeitsmarkt entscheidend. Türken der zweiten Generation weisen eine höhere Arbeitslosenquote auf und suchen nach dem Ausbildungsende länger nach einem Job. Nach dem Schulabschluss sind sie im Vergleich zu Marokkanern und Ex-Jugoslawen auch seltener in hochqualifizierten Tätigkeitsbereichen zu finden. Frauen türkischer Herkunft sind auf dem Arbeitsmarkt noch schlechter vertreten. Sie verrichten vor allem unbezahlte Tätigkeiten im Familienumfeld.

Schweden als Vorbild

Der häufige Bildungsmisserfolg der zweiten Migrantengeneration in Deutschland ist aber nicht repräsentativ für ganz Europa, wie die TIES-Studie zeigt. In anderen Ländern schneiden sie – teilweise signifikant – besser ab.

Besonders deutlich wird das bei Jugendlichen aus gering gebildeten Elternhäusern. Während gut ein Drittel der befragten türkischstämmigen Jugendlichen in Deutschland die Schule ohne oder nur mit einem gering qualifizierten Abschluss (Mittlerer Schulabschluss) verlässt, sind es in Frankreich 16 Prozent und in Schweden unter zehn Prozent. An der Zahl der Migranten, die es trotz einer Herkunft aus einem niedrigen Bildungsumfeld auf eine Hochschule schaffen, bemisst sich laut der Wissenschaftler die Fähigkeit eines Bildungssystems, einerseits genügend hochqualifizierte Arbeitskräfte auszubilden und andererseits die soziale Mobilität – sprich die Aufstiegsmöglichkeiten – in den Einwandererfamilien zu fördern. Deutschland ist in der Vergangenheit mehrfach dafür kritisiert worden, dass nirgendwo sonst in der OECD der Bildungserfolg von Kindern so stark vom Bildungshintergrund der Eltern abhängt.

Die Studienergebnisse untermauern diese Kritik. Während in Frankreich 40 Prozent, in Schweden 37 Prozent und in den Niederlanden 26 Prozent der türkischstämmigen Jugendlichen aus einem bildungsschwachen Umfeld ein Hochschulstudium beginnen, sind es in Deutschland gerade einmal drei Prozent. Die Studienautoren führen mehrere Gründe für diese großen Unterschiede an: In Deutschland gibt es weniger Ganztagesschulen als in den Vergleichsländern, wodurch der Schüler-Lehrer-Kontakt viel weniger intensiv ist. Zudem werden die Schüler viel früher nach „Leistung“ in verschiedene Sekundarstufen aufgeteilt – in Deutschland im Schnitt mit zehn, in Schweden mit 16 Jahren. Außerdem ist das deutsche Bildungssystem wenig durchlässig für sogenannte Spätblüher, denen dann der „lange Weg“ zur Hochschule versperrt bleibt.

Teufelskreis Segregation

Die Studie zeigt darüber hinaus den Teufelskreis der Segregation auf. Werden die Kinder an der Schule früh und strikt nach Leistung getrennt, hat das nicht nur Auswirkungen auf die Schulabschlüsse und den weiteren Bildungsverlauf, sondern auch auf die ethnische Zusammensetzung des Freundeskreises. Dadurch wird im weiteren Verlauf auch die Intensität der Beziehung zur Herkunftskultur der Eltern bestimmt und Absetzbewegungen von der Mehrheitsgesellschaft.

In keinem Stadtviertel in einer der untersuchten Städte liegt der Anteil einer einzelnen ethnischen Migrantengruppe über 50 Prozent, aber die Segregationstendenzen können dazu führen, dass Kinder mit Muttersprache Deutsch (oder Französisch, Schwedisch et cetera) an bestimmten Grund- und weiterführenden Schulen nur noch eine kleine Minderheit ausmachen. In Deutschland und einigen anderen Ländern gehören diese Schulen zu den am schlechtesten ausgestatteten. So entsteht ein Teufelskreis, der Abgrenzungstendenzen und traditionalistische Kultur- und Religionsvorstellungen befördert, während gleichzeitig die soziale Mobilität erschwert wird.

Eine neue Mittelschicht

In Schweden, Frankreich und den Niederlanden bildet sich in der türkischen und marokkanischen zweiten Generation eine neue, starke Mittelschicht, die sich von der Mehrheitsgesellschaft kaum unterscheidet. In Deutschland und Österreich ist diese Entwicklung kaum zu beobachten. Zwar erreichen drei Viertel der Migranten Bildungsabschlüsse weit über denen ihrer Eltern und kommen zu einem redlichen Einkommen, über den sozio-ökonomischen Status der Eltern kommen sie aber kaum hinaus und emanzipieren sich wenig von den sozialen und kulturellen Vorstellungen der Eltern. Aber nur eine Minderheit von etwa 15 Prozent entspricht dem Bild von „Integrationsverweigerern“.

Sozialer Aufstieg ist eng mit dem Bildungserfolg verknüpft. Gerade in Deutschland versagen die Institutionen bei der Förderung der individuellen Talente.


Info

Die TIES-Studie

In der TIES-Studie (The Integration of the European Second Generation) wurden 18- bis 35-jährige Angehörige der zweiten Einwanderer-Generation aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien und Marokko befragt.

Die Befragung hat seit 2005 in 15 europäischen Städten stattgefunden: Paris und Straßburg in Frankreich, Berlin und Frankfurt am Main in Deutschland, Madrid und Barcelona in Spanien, Wien und Linz in Österreich, Amsterdam und Rotterdam in den Niederlanden, Brüssel und Antwerpen in Belgien, Zürich und Basel in der Schweiz und Stockholm in Schweden.

Geleitet wird das Forschungsprojekt vom Institute for Migration and Ethnic Studies der Universität Amsterdam und dem Nederlands Interdisciplinair Demographisch Instituut.

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