Privates soziales zahnärztliches Engagement

Die Müllrecycler von Buenos Aires

In den 90er-Jahren gingen in Argentinien aufgrund einer Billigimportflut viele kleine und mittelständische Firmen in insolvent. Um das Jahr 2001 explodierte die wirtschaftliche Situation. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung rutschte ohne Arbeit unter die Armutsgrenze. Ab 1995 gingen die ersten „Cartoneros“ auf die Straße. Die Zahnärztin Dr. Ulrike Henning aus Zürich hat sie besucht.

Dr. Ulrike Henning (im weißen Hemd) demonstriert Zahnputzübungen. Foto: U. Henning

Ein Cartonero sucht verwertbare Materialien aus Mülltonnen. Vorn auf dem Wagen seine Tochter. Foto: C. Vetye

„Cartoneros“ sind arbeitslos gewordene Männer und Frauen auf der Suche nach einem ehrlichen Einkommen, die Hausmüllbeutel durchwühlen, um Karton (daher der Name Cartoneros), Glas und Metall zu sammeln und an Zwischenhändler zu verkaufen. Mit schwer beladenen, selbst gebastelten Handwagen ziehen sie täglich mühsam durch den Stadtverkehr von Buenos Aires. Da entweder beide Eltern Cartoneros sind oder alleinstehende Mütter über das Müllrecycling ihre Kinder ernähren, werden Kinder beim Mülltrennen entweder mitgenommen oder aber allein zu Hause gelassen, oft sogar eingeschlossen wegen der hohen Kriminalität in gewissen Wohnvierteln. Überwiegend ungebildete Analphabeten kämpfen Tag für Tag hart für die Zukunft ihrer Kinder, die in ihren Eltern keine Unterstützung für schulische Anforderungen finden. Den Kindern droht somit das gleiche Schicksal: keine Ausbildung = keine Arbeit.

Hier setzt eine Schweizer Unternehmerin an, die nicht genannt werden soll. Seit 2012 unterstützt sie die Cartoneros und ihre Kinder in dem Projekt „Cartoneros y sus Chicos“. Im Rahmen dieses ganzheitlichen Ansatzes erhalten Kinder mit ihren Familien – unterstützt durch Psychologen und Sozialarbeiter – eine individuelle Förderung in Unterrichtsfächern wie Mathematik, Lesen und Sprachen. Etwa 140 Kinder sind eingeschrieben.

Die Zähne ganz zerstört

Die Unternehmerin beobachtete, dass schon viele kleine Kinder zerstörte Zähne haben. Ein glücklicher Zufall brachten sie und die Autorin dieses Beitrags im Frühjahr 2013 zusammen. Man verständigte sich darauf, das Thema Zahnhygiene in den Projekten gezielt und fachkundig anzugehen.

Im Oktober 2013 wurden etwa 15 Kartons Muster von Elmex, Zahnarztinstrumente, Verbrauchsmaterial sowie Plaquefärbetabletten und um die 400 Zahnbürsten und Kinderspielsachen von Dentalfirmen gesponsert. Nachdem alles problemlos nach Buenos Aires eingeführt worden war, wurde ein Zahnhygieneprogramm mit Lehrern und Betreuern erstellt: Zuerst wurden die Erwachsenen aus der Hausaufgabenbetreuung darin geschult, den Kindern mithilfe von Plaquefärbetabletten zu zeigen, wo der Belag sitzt und wie dieser „weggeputzt“ werden kann.

Da die hygienischen Bedingungen bei den Kindern zu Hause mehr als dürftig sind und fließendes Wasser nicht überall vorhanden ist, lag es nahe, eine Einbüschelbürste auszuprobieren. Diese bewirkt durch eine einmalige intensive mechanische Reinigung der Zähne ohne Wasser und andere Hilfsmittel eine Verminderung der Bakterien im Mundraum. Die Kinder hörten gespannt zu, als die Autorin mithilfe der Dolmetscherin Dr. Carina Vetye von „Apotheker ohne Grenzen“ auf kindgerechte Weise von Caries und Bactus erzählte.

Derzeit wird täglich in der Gruppe geputzt. Jedes Kind hat eine eigene Zahnbürste, versehen mit dem eigenen Namen. Den Eltern wird einmal wöchentlich die Technik erklärt, damit sie ihre Kinder beim Zähneputzen unterstützen können. Die Aktion hat größtes Interesse geweckt, die Eltern fragen bereits nach weiteren Zahnbürsten für Geschwister und sich selbst. Sobald die Kinder die Reinigung ihrer Zähne gut beherrschen, ist beim nächsten Einsatz im Frühjahr 2014 geplant, mit Interdentalbürsten die Zahnzwischenräume zu pflegen.

Zum Dank für das Engagement veranstaltete der Schweizerische Botschafter in Buenos Aires einen Empfang mit einer Auktion zugunsten der Cartoneros.

In den Armenvierteln Argentiniens für ein Projekt zur Zahngesundheit zu arbeiten, war eine einzigartige und bereichernde Erfahrung. Es wäre schön, wenn noch mehr Kollegen „über den Tellerrand“ hinweg schauen und mit Spenden in Sach- oder Geldform zur Verbesserung der Lebenschancen dieser Kinder beitragen würden.

Dr. Ulrike Henning
Selbstständige Zahnärztin in Zürich
dr.henning@hotmail.de


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