Gesundheitswesen in der Schweiz

Ohne Einwanderer läuft nichts

Kaum eine Branche in der Schweiz ist so stark von ausländischen Kräften abhängig wie das Gesundheitswesen. Mehr als ein Drittel der im Alpenstaat tätigen Gesundheitsfachkräfte stammt bereits aus dem Ausland. Das Votum der Eidgenossen für eine restriktivere Zuwanderungspolitik könnte daher zu Problemen bei der Gesundheitsversorgung führen.

Die Schweizer Bergidylle strahlt eine heile Welt aus – die es in der Gesundheitsversorgung des Nachbarlandes nicht mehr uneingeschränkt gibt. Ärzte fehlen in ländlichen Gebieten, die Branche wird gestützt durch Fachkräfte aus dem Ausland. Foto: Vario Images

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Mit einer knappen Mehrheit von 50,3 Prozent der Stimmen hat sich die Schweizer Bevölkerung Mitte Februar in einer Volksinitiative dafür ausgesprochen, künftig Obergrenzen für Zuwanderer festzulegen. Genaue Vorgaben für entsprechende Kontingente an Arbeitsmigranten, Asylbewerbern sowie deren Familienangehörigen gibt es zwar noch nicht. Die muss die Regierung nun innerhalb von drei Jahren festlegen. Dennoch fürchten Fachleute, dass der Volksentscheid Branchen wie das Gesundheitswesen ins Trudeln bringen könnte, da sich die Personalengpässe in medizinischen Einrichtungen und Pflegeheimen voraussichtlich verschärfen werden.

Die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) nimmt das Ergebnis jedenfalls mit Sorge zur Kenntnis. „Die geplanten Kontingente dürften die Rekrutierung von Ärztinnen und Ärzten künftig erschweren, um den absehbar zunehmenden Bedarf decken zu können“, so Jürg Schlup, Präsident der FMH. Bereits heute kommt mehr als ein Drittel aller in der Schweiz tätigen Gesundheitsfachkräfte aus dem Ausland. Die zumeist aus der EU und den Efta-Ländern stammenden Arbeitsmigranten profitieren von dem auch für die Schweiz gültigen EU-Abkommen zur Personenfreizügigkeit.

Ärzte aus den Nachbarländern

Von den landesweit rund 32 000 tätigen Ärztinnen und Ärzten hat ein Viertel keinen Schweizer Pass. Das Gros der medizinisch ausgebildeten Arbeitsmigranten stammt aus Deutschland und Frankreich, gefolgt von Italien und Österreich, also aus den unmittelbaren Nachbarländern.

Vor allem die Spitäler konnten in den zurückliegenden Jahren einen starken Zuwachs an ausländischem Personal verzeichnen. Der Anteil stieg nach einem Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan allein zwischen 2002 und 2008 um insgesamt 24 Prozent (+ 8 000 Personen). Insbesondere Abteilungen wie die Anästhesie und die Intensivpflege sind aufgrund von Personalmangel nach Angaben des Schweizer Dachverbands der Spitäler H+ auf ausländische Fachkräfte angewiesen. „Um die Versorgung in den Schweizer Spitälern und Kliniken nicht zu gefährden, braucht die Branche zwischen 10 000 und 11 000 Personen aus dem Ausland“, so Dorit Djelid, Sprecherin von H+.

„Zusammen mit ihren Schweizer Kolleginnen und Kollegen leisten sie einen wichtigen und unverzichtbaren Beitrag zur qualitativ hochstehenden medizinischen Versorgung in der Schweiz“, betont auch Schlup. Ihre Bedeutung dürfte vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und dem damit einhergehenden zunehmenden medizinischen und pflegerischen Bedarf nach Ansicht des FMH-Vorsitzenden künftig sogar weiter zunehmen.

Der Dachverband der Spitäler erwartet ferner, dass sich der administrative Aufwand in den stationären Einrichtungen mit Umsetzung des Volksentscheids erhöhen wird, da die Initiative verlangt, bei der Rekrutierung vorrangig inländische Fachkräfte zu berücksichtigen. „Erst wenn sich keine geeignete Person innerhalb der Schweiz findet, kann ein Spital im Ausland rekrutieren“, erläutert Djelid.

Zu wenig Nachwuchs ausgebildet

Ein weiterer Grund dafür, dass die Schweiz dringend auf ausländische Ärzte zur Aufrechterhaltung der Versorgung angewiesen ist, ist die Tatsache, dass das Land selbst viel zu wenig eigenen medizinischen Nachwuchs ausbildet. Pro Jahr verlassen nur rund 700 bis 800 Mediziner die Schweizer Universitäten. Nach einem Bericht des Bundesrates wären aber 1 200 bis 1 300 neue Ärztinnen und Ärzte jährlich erforderlich, um die Versorgung mit einheimischen Fachkräften aufrechterhalten zu können.

In dem Obsan-Bericht heißt es außerdem dazu: „Da in den schweizerischen medizinischen Fakultäten weniger als sechs Prozent der Diplomierten ausländischer Nationalität sind, kann davon ausgegangen werden, dass die ausländische Ärzteschaft mehrheitlich außerhalb der Schweiz ausgebildet wurde.“

Im Jahr 2012 beispielsweise hat das Schweizer Bundesamt für Gesundheit 1 769 Arztdiplome aus dem Ausland anerkannt. Das entspricht rund 26 Prozent aller zu dem Zeitpunkt in der Schweiz tätigen Ärzte. Die Einwanderung kompensiere somit die unzureichende Anzahl der in der Schweiz ausgebildeten Personen im Gesundheits-wesen, so das Fazit des Berichts.

Auch in der Pharma- und Pflegebranche greifen Schweizer Unternehmen und Einrichtungen gerne auf Kräfte aus dem Ausland zurück. In der Pflege liegt der Anteil der ausländischen Fachkräfte Obsan zufolge inzwischen bei rund 36 Prozent. In den großen Pharmaunternehmen wie Novartis und Roche kommt einem Bericht der Schweizer Tageszeitung NZZ zufolge ebenfalls nur noch jeder dritte Beschäftigte aus der Schweiz.

Petra Spielberg
Altmünsterstr. 1
65207 Wiesbaden


Info

Zahnärzte in der Schweiz

Nach Auskunft der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) ist die Schweiz zahnmedizinisch sehr gut versorgt. In großen Städten wie Genf, Basel, Zürich oder Lugano gebe es gar eine Überversorgung, erklärte ein SSO-Sprecher gegenüber den zm. Betrachtet man die Zahl der Studienabgänger schweizerischer Universitätsinstitute, stelle man aber auch fest, dass diese allein für die zukünftige zahnmedizinische Versorgung der Schweiz zu gering ist. Infolge der bilateralen Verträge verstärke sich aber der Zuzug von Behandlern aus dem näheren Ausland. Über 3 800 ausländische Zahnarztdiplome seien seit dem 1. Juni 2002 bis heute als gleichwertig anerkannt worden. Die ausländischen Zahnärzte kämen bevorzugt in die großen Zentren und Gemeinden und trügen dort zur Überversorgung bei. In der Folge werde die Auslastung der dort tätigen Zahnärzte verringert.

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