Rezension

Polarisierendes Werk zu einem Tabuthema

Michael Tsokos, Saskia Guddat: Deutschland misshandelt seine Kinder.Droemer Verlag, 2014.ISBN: 978-3-426-27616-719,99 Euro

Anfang Februar erschien „Deutschland misshandelt seine Kinder“. Binnen kurzer Zeit schnellte das Buch, das schon durch seinen Titel provoziert, auf die Bestsellerlisten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Meinungen von „einem wichtigen Buch“ bis „Polemik, die gleichwohl schmerzt“ (Deutsches Ärzteblatt) auseinanderdriften. Die Autoren des Buches sind zwei Berliner Rechtsmediziner: der Leiter des Instituts für Rechtmedizin der Charité, Prof. Dr. Michael Tsokos, und seine Kollegin, Dr. Saskia Guddat.

Sie selbst bezeichnen das Werk als ein Debattenbuch aus rechtsmedizinischer Sicht. In vielen detailliert beschriebenen Fallberichten schildern sie engagiert die körperliche Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern mit und ohne Todesfolge.

Dieses Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung über Kindesmisshandlung und -vernachlässigung. Das zeigt bereits ein mit elf Quellenangaben sehr knapp gehaltenes Literaturverzeichnis. Auch entsprechen die an vielen Stellen zynischen Formulierungen, sarkastischen Bemerkungen und polemischen Angriffe gegen alle Akteure des Kinderschutzes nicht einem wissenschaftlichen Schreibstil. Sie sind vielmehr auf die Absicht von Tsokos und Guddat zurückzuführen, provozieren zu wollen. Die Autoren sprechen von „Kinder verwahrenden Erzieherinnen in Kindertagesstätten“, „tatenlosen Beobachtern in Jugendämtern“, „hilflosen Helfern“, „im Dunkeln tappende Ermittler und ahnungslosen Entscheidern“, „Anklägern und Richtern“. Provokant formulieren sie, dass „der eigentliche Zweck des Jugendhilfesystems nicht der bestmögliche Schutz der gefährdeten Kinder, sondern nur dessen möglichst eindrucksvolle Simulation“ sei.

Jugendämter und gemeinnützige Träger werden pauschal als Sozialbürokratie und -industrie diffamiert. Aber auch die Eltern werden nicht ausgespart: „Im Leben eines Kindes gibt es genau zwei Menschen, die potenziell um ein Vielfaches gefährlicher sind, als der Rest der Menschheit, nämlich Väter und Mütter.“ Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass Tsokos und Guddat die Eltern nicht unter Generalverdacht stellen, sondern anerkennen, dass sich die allermeisten liebevoll um ihre Kinder kümmern. Auf der anderen Seite erhielten im Jahr 2010 fast 900 000 Kinder und Jugendliche Erziehungshilfen. Dass Jugendamtsmitarbeiter und Familien- und Erziehungshelfer ebenfalls in den allermeisten Fällen gute Arbeit leisten, findet in diesem Buch viel zu wenig Beachtung. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin kritisiert: „Aus einzelnen Fällen aber die Schlussfolgerung zu ziehen, dass ein Systemversagen ursächlich sein müsse, ist weder gerechtfertigt noch wissenschaftlich zu begründen.“

Gibt dieses Buch nun spezielle Ratschläge für Zahnmediziner? Leider nein. Doch das, was die Autoren für Pädiater ausführen, gilt ebenso für Zahnmediziner. Sollten Zahnärzte Kinder mit misshandlungsverdächtigen Verletzungen sehen, sollten sie sich nicht scheuen, wirksame Schritte zur Abklärung des Verdachts und zum Schutz des Kindes in die Wege zu leiten. Dazu gehört die Beratung durch eine von Bundeskinderschutzgesetz vorgesehene Kinderschutzfachkraft ebenso wie die Überweisung des verletzten Kindes an einen Pädiater oder an eine Kinderklinik zur Abklärung des Verdachts. Bei einer Überweisung sollte jedoch durch einen Anruf sichergestellt werden, dass die Eltern mit dem Kind beim Kinderarzt oder in der Klinik ankommen. So bleibt das Vertrauensverhältnis zwischen Zahnarzt und Eltern bestehen.

Im abschließenden Kapitel schlagen Tsokos und Guddat Maßnahmen vor, die ihrer Ansicht nach das System verbessern würden. So fordern sie beispielsweise die bundesweite Einrichtung von auf Kindesmisshandlungsdelikte spezialisierten Strafverfolgungsorganen und die Integration eines rechtsmedizinischen Seminars ins medizinische Grundstudium. Mit ihrem Buch appellieren sie nachdrücklich an jeden Einzelnen: „Wir alle müssen lernen hinzuschauen und uns notfalls auch einzumischen, wenn wir verdächtige Hinweise bemerken. Wer wegschaut und sein Wissen verschweigt, schützt den Täter und vergrößert das Leid des Opfers!“

Den Autoren ist es gelungen, das Thema Kindesmisshandlung medienwirksam in Politik und Gesellschaft auf die Tagesordnung zu bringen. Zur Annäherung an das Thema kann das Buch dienen. Wer sich jedoch wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzen möchte, der sollte lieber zu anderen deutschsprachigen Büchern greifen.