Gastkommentar

Besser auswählen

Bei der Auswahl der Medizinstudenten zählt fast nur die Abiturnote. Doch Ärzte und Zahnärzte benötigen auch andere Kompetenzen, meint Dr. Dorothea Siems, Chefkorrespondentin für Wirtschaft der Welt, Berlin

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Die Situation ist paradox: Deutschland klagt über einen wachsenden Ärztemangel und gleichzeitig sind die Hürden für ein Medizinstudium höher denn je. Unzählige junge Menschen, deren Traum es ist, Arzt oder Zahnarzt zu werden, haben keinerlei Chance, einen der begehrten Plätze in den Universitäten zu ergattern. Denn mittlerweile garantiert nicht einmal ein makelloses Einser-Abitur einen Medizinstudienplatz an den beliebtesten Hochschulen. Und mit einer 1,3 muss man sich fast überall hinten anstellen.

Das Verfahren ist dringend reformbedürftig. Dass fast ausschließlich der Notendurchschnitt über die Eignung zum Mediziner entscheiden soll, ist nicht sinnvoll. Zwar wird nur jeder fünfte Studienplatz direkt aufgrund der Abiturnote vergeben. Doch auch für die 20 Prozent, die über die Wartezeit eine Zulassung bekommen, spielt vor allem der Numerus clausus eine Rolle. Und bei den 60 Prozent Studenten, die von den Hochschulen selbst über die jeweiligen Auswahlverfahren erfolgreich sind, wird gleichfalls zunächst nach dem Notenschnitt gesiebt. Selbst diejenigen, die sich zunächst etwa als Sanitäter oder Krankenschwester schulen lassen und somit nicht nur großen Einsatz zeigen, sondern sich auch schon in der Praxis bewähren mussten, bekommen dafür nur geringfügige Bonuspunkte.

Sicherlich haben Einser-Abiturienten herausragende intellektuelle Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Doch Humanmediziner und Zahnärzte benötigen auch eine Reihe anderer Fähigkeiten, die mit guten Schulnoten nicht unbedingt einhergehen. Von Chirurgen und Zahnärzte beispielsweise wird neben der kognitiven Stärke auch ein handwerkliches beziehungsweise feinmotorisches Talent erwartet, das gerade auf dem Gymnasium wenig trainiert wird und somit beim Abitur gar keine Rolle spielt. Unabdingbar ist für den Arztberuf zudem eine große soziale Kompetenz. Der Umgang mit höchst unterschiedlichen Menschen, die zudem mitunter schwierig oder ängstlich sind, erfordert großes Einfühlungsvermögen.

Wer zur Leistungselite an seiner Schule zählte, den zieht es vielleicht auch deshalb zum Medizinstudium, weil der Arztberuf von jeher mit einem hohen sozialen Prestige verbunden ist. Nicht jeder Bewerber macht sich jedoch klar, wie der Alltag in der Praxis oder im Krankenhaus in der Realität aussieht. Etliche Abiturienten hingegen hätten durchaus das Zeug, ein guter Mediziner zu werden, haben jedoch aufgrund ihres Abiturzeugnisses keine Chance. Das trifft vor allem auf junge Männer zu. Denn Mädchen haben in der Schule die Jungen mittlerweile abgehängt. Und so sind heute 70 Prozent der Medizinstudenten weiblich. Frauen sind mit Sicherheit nicht weniger für den Arztberuf geeignet als Männer. Doch die weibliche Dominanz verschärft den Medizinermangel.

Denn die Teilzeitquote ist unter den Ärztinnen relativ hoch. Das Auswahlverfahren trägt zudem nicht dazu bei, Nachwuchs für verwaiste Landarztpraxen zu rekrutieren, was jedoch dringend nötig wäre. Wer sich schon zu Schulzeiten zur Leistungselite rechnet, dürfte aber meist lieber nach besseren Einkommensmöglichkeiten und prestigeträchtigeren Betätigungsfeldern im Gesundheitswesen oder in der Forschung suchen, als auf dem Land eine Hausarztpraxis zu übernehmen.

So vielfältig die Arbeitsmöglichkeiten für Mediziner sind, so breit gefächert sollte auch die Auswahl der Studenten sein. Wartezeiten sind die unsinnigste Art, Pluspunkte zu vergeben. Eine stärkere Berücksichtigung praktischer Berufserfahrungen, intensive Einstellungsgespräche und umfängliche Tests würden erheblich dazu beitragen, gute Kandidaten herauszufiltern, die heute durchs Rost fallen. Auch wäre es sinnvoll, die Bereitschaft, sich nach abgeschlossener Arztausbildung abseits der bereits gut versorgten Städte und Regionen niederzulassen, zu honorieren. Heute wird jeder vierte Studienabsolvent niemals in der hiesigen medizinischen Versorgung tätig. Offenbar erkennen viele zu spät, dass sie ein falsches Fach gewählt haben.

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